Start Meinung Wen Gamer wählen wollen – und wen nicht (Fröhlich am Freitag)

Wen Gamer wählen wollen – und wen nicht (Fröhlich am Freitag)

Diese sieben Parteien haben realistische Chancen, nach der Bundestagswahl 2021 dem künftigen Parlament anzugehören (Abbildungen: CDU, CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke, AfD, FDP)
Diese sieben Parteien haben realistische Chancen, nach der Bundestagswahl 2021 dem künftigen Parlament anzugehören (Abbildungen: CDU, CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke, AfD, FDP)

Noch wenige Stunden bis zur Bundestagswahl – und die Frage: Welche Partei hat für Deutschlands Games-Studios so was Ähnliches wie einen Plan?

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

an diesem Wochenende entscheidet Deutschland über den künftigen Bundestag – und indirekt über den Kanzler oder die Kanzlerin. Vermutlich haben Sie Ihre Entscheidung längst getroffen, möglicherweise sogar schon per Brief abgestimmt.

Nun gibt es weiß Gott wichtigere Themen als Videospiele, die bei der Wahl von Relevanz sind – die Bildung, das Klima, Gesundheit und Pflege, die Mieten, Europa, unter anderem. Aber weil wir hier bei GamesWirtschaft sind, wollen wir den Blickwinkel für einen kurzen Moment auf das Thema Videospiele verengen.

In der heutigen Kolumne geht es also darum, wen Gamer und Games-Macher wählen wollen.

Sprich: Von welcher Partei ist in den kommenden vier Jahren ein substanzieller, halbwegs glaubwürdiger Einsatz für Deutschlands Games-Industrie zu erwarten? Wer tut der Spiele-Republik gut – und warum?

In Ihr Wahlzettel-Votum kann und will ich Ihnen natürlich nicht reinquatschen, zumal ich keinem politischen Lager nahe stehe. Die nachfolgenden Einschätzungen beruhen allein darauf, wie ich die handelnden Personen seit der vergangenen Wahl im Herbst 2017 beobachtet habe, wer was erreicht hat (oder auch nicht) und was in den Wahlprogrammen steht.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Beginnen wir mit der Union, weil sie das Land in den letzten 16 Jahren regiert hat.

Seit 2013 gibt es ein Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), das von den CSU-Fachkräften Alexander Dobrindt (heute Landesgruppen-Chef) und Andreas Scheuer geleitet wurde. Mit Blick auf Games habe ich beide als Getriebene wahrgenommen, die sich für das Thema nur anlassbezogen interessierten – und bestenfalls oberflächlich im Stoff waren: Die Grenzen von der Phrase zum ausgemachten Blödsinn waren fließend. Auf Veranstaltungen wirkten sie regelmäßig wie Fremdkörper.

Immerhin: In Scheuers Amtszeit fällt die Games-Förderung, die den deutschen Studios 250 Millionen Euro an Subventionen beschert. Dieses Koalitionsvertrags-Versprechen wurde also eingelöst – andere Indianerehrenwörter indes nicht, Stichwort Upload-Filter. E-Sport-Vereine sind immer noch nicht gemeinnützig, weil der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) daran exakt null Interesse hat – und das CSU-geführte Innenministerium erst recht nicht.

Wer gegen diese Zu- und Widerstände unverzagt ankämpft, ist Digital-Staatsministerin Dorothee Bär, ebenfalls CSU. Ich habe die Politikerin seit 2011 bei Dutzenden Gelegenheiten erlebt – auf der Gamescom, bei Konferenzen, an der Seite der Kanzlerin, vor und hinter den Kulissen des Computerspielpreises, deren Jury sie vorsaß.

Man kann Bärs Tendenz zur cringigen Eigen-PR kritisieren, Manches mag wie durchschaubare Anbiederung wirken. Eines ist aber unstrittig: Im Bundestag gibt es weit und breit niemanden, der sich so kompromisslos für die Branche einsetzt, gerade bei innerparteilichem Gegenwind, und das seit mehr als einem Jahrzehnt. Ginge es allein um Karriere und Renommee – es gäbe attraktivere Gewinnerthemen.

Was CDU und CSU ihren Mitbewerbern voraus haben, ist ein im Parteienvergleich konkurrenzloses Bekenntnis zur Videospiel-Industrie. Schließlich soll die Republik zum „Games-Standort Nummer 1“ aufsteigen. So klar formuliert das sonst niemand. Nur: Das, was Scheuers Amt als „Games-Strategie“ zusammengetippt hat, genügt zum Erreichen dieses Ziels noch nicht mal ansatzweise.

Aber auch hier gilt: A plan beats no plan.

Bliebe die Union entgegen aller Prognosen stärkste Kraft, bekäme Deutschland mit überragender Wahrscheinlichkeit eine(n) Digitalminister(in) mit reichlich Verantwortung, reichlich Budget und reichlich Personal – inklusive Zuständigkeit für die Games-Industrie, die sowas auch ganz gut fände.

Bei der SPD hingegen ist man sich immer noch uneins, ob es fürs Digitale überhaupt ein separates Ministerium braucht. Die Groko-Bilanz fällt gemischt aus: Die Sozialdemokraten als Juniorpartner haben es nicht vermocht, sich mit vollmundigen Koalitionsvertrags-Zusagen durchzusetzen. Bedenklicher: Abseits von Generalsekretär Klingbeil, Jens Zimmermann und – in Ansätzen – Parteichefin Esken existieren wenige SPD-Politiker, die in den vergangenen vier Jahren mit Blick auf Games- und Digitalthemen verhaltensauffällig gewesen wären.

Abgeliefert hat die SPD beim neuen Jugendschutzgesetz: Die von Familienministerin Giffey ausbaldowerte Reform mag analog zu ihrer Dissertation handwerkliche Defizite haben – doch wenn Lobby-Verbände verbal eskalieren, ist das erfahrungsgemäß kein allzu schlechtes Indiz.

Sowohl den Grünen als auch der FDP muss man anrechnen, dass sie bei der Games-Förderung aus der Opposition heraus ordentlich Druck gemacht haben, allen voran Scheuer-Albtraum Sven-Christian Kindler, Margit Stumpp, Thomas Hacker oder Manuel Höferlin. Die Freien Demokraten waren außerdem sehr fleißig mit der Produktion von Anfragen und Positionspapieren. Nicht jede Idee hat dem Verband gefallen, etwa die Forderung nach einem Andocken der Games- an die Film-Förderung. In Summe zeugten die Dokumente von digitalem Sachverstand und proaktivem Habitus.

Im Vergleich zur FDP ist die Games-Expertise der Grünen eine ziemliche Blackbox. Gefühlt wurden öfter Risiken und Nebenwirkungen durchdekliniert als Potenziale. Auch die Linke wirkt weitgehend unsortiert. Man muss es so deutlich sagen: Games sind schlichtweg nicht ihr Ding – und deshalb sind hier auch keine Impulse zu erwarten, zumindest keine schnell wirksamen.

Dies gilt umso mehr für das andere Ende des Spektrums, also die AfD. Auf Länderebene hat die (noch) größte Oppositionspartei ein, zwei okaye Anträge eingebracht – auf Bundesebene blieben die Rechtsaußen blass. Dass diese Partei im Games-Kosmos jetzt und in Zukunft so gar keine Rolle spielt, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass der Branchenverband aus grundsätzlichen Erwägungen nicht mit der AfD spricht. Also: gar nicht. Hier fehlt es schlichtweg an einer gemeinsamen Geschäftsgrundlage.

Es mag völlig banane klingen, aber wer es gut mit dem deutschen Videospiel-Gewerbe meint, der müsste sich nach Abwägung aller Optionen für Laschets Union entscheiden – einfach deshalb, weil dessen ‚Commitment‘ mit weitem Abstand am beständigsten ist und weil es ein ausformuliertes, nachlesbares Konzept gibt. Auch von der FDP ist grundsätzlich eine Games-, Gründer-, Startup-freundliche Agenda zu erwarten.

SPD, Grüne, Linke und AfD müssen Inhalte und Haltung hingegen erst noch finden – und da genügt es einfach nicht, E-Sport irgendwie gut zu finden.

Gegen allzu viel Vertrauen in CDU und CSU spricht: die beschämende Digital-Bilanz, die mit Scheuer, Altmaier, Braun, Bär, Karliczek und Merkel nach Hause geht. Gerade bei der digitalen Infrastruktur wurden zu viele Quests verhühnert. Dass die Union unter Laschet jetzt plötzlich Tempo machen will, wo man ja seit Jahren der Musik hinterherläuft, dahinter darf man zumindest ein großes Fragezeichen setzen.

Aber wie eingangs erwähnt: Machen Sie Ihr Kreuzchen um Himmelswillen nicht von einem Games-Wahl-o-Mat abhängig. Dafür steht in anderen, ungleich wichtigeren Feldern einfach viel zu viel auf dem Spiel.

Eine weise Wahl und ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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4 Kommentare

  1. Was uns dieser Artikel sagen soll? Dass keine der deutschen Parteien, zumindest alle mit realistischer Chance auf Regierungsbeteiligung, auch nur annähernd auf dem aktuellen Stand sind wenn es um digitale Themen geht.

    Das hier sind Artikel von Journalisten die sich auf eine Nische, das Gaming, konzentrieren und daher die kommende Bundestagswahl mal unter dem Gesichtspunkt genau diesen Themas beleuchten. Das kann man interessant finden, weil es nachvollziehbarer Weise keine andere Plattform macht oder man lässt den Artikel eben links liegen. Schlecht recherchiert oder geschrieben ist er aufjedenfall nicht und auch größtenteils wertungsfrei.

  2. Herrn Scheuers einzige Kompetenz ist, anderer Leute Geld auszugeben, im Besten Fall in/nach Bayern. Daher sind die 250 Mio Eur Subventionen keine besondere Leistung.

    Was dem Land und damit indirekt auch der Branche helfen würde wären moderne IT-Konzepte, -Ausbildung und -Infrastruktur. Angefangen in der Grundschule, über die mediale Kompetenz der öffentlichen Verwaltung bis hin zum Glasfaserausbau. Was man in der Hinsicht von der Union zu erwarten hat ist in den letzten 16 Jahren aber mehr als deutlich geworden.

  3. Was soll uns dieser Artikel eigentlich sagen? Außer dass mit der „bösen“ Partei nicht einmal gesprochen wird…

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