Start Politik Games und eSport: Wie tickt SPD-Chefin Saskia Esken?

Games und eSport: Wie tickt SPD-Chefin Saskia Esken?

50 Prozent der künftigen SPD-Spitze: Digitalpolitikerin Saskia Esken (Foto: Deutscher Bundestag / Achim Melde)

Eine „Nerd-Fachpolitikerin“ an der Spitze der SPD? Für die deutsche Games-Branche ist Saskia Esken alles, nur keine Unbekannte.

Saskia Esken war erkennbar sauer: „Schluss mit sinnlosen Debatten über Computerspiele und anlasslose Chat-Überwachung“, twitterte sie am 13. Oktober. „Es wird Zeit, dass Horst Seehofer und das BMI (gemeint ist das Bundesinnenministerium, Anm. der Red.) den Rechtsextremismus in diesem Land ernsthaft bekämpfen und keine Strohfeuerdebatten anzünden, um vom eigenen Totalversagen abzulenken.“

Ruuuuumms. Über 2.800 Mal wurde ihr Beitrag geliket.

Zu diesem Zeitpunkt – wenige Tage nach dem rechtsextremistischen Anschlag von Halle und Seehofers umstrittenem „Gamerszene“-Anfangsverdacht – ahnten wohl die wenigsten (am allerwenigsten vermutlich Esken selbst), dass sie nur sechs Wochen und 23 Regionalkonferenzen später gemeinsam mit Norbert Walter-Borjans an der Spitze der SPD stehen würde. Und damit ihrem Mitbewerber Olaf Scholz, immerhin Finanzminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland plus Kanzlerkandidat in spe, eine empfindliche Niederlage beibringen würde, die politische Beobachter bereits als Anfang vom Ende seiner politischen Karriere werten.

Eskens Wahl beim SPD-Parteitag am kommenden Wochenende (6. bis 8. Dezember) birgt zwar keinen Automatismus, doch mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie am Freitagabend in der Berliner Messehalle zur neuen Co-Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gewählt – ein Amt, das einst SPD-Granden wie Brandt, Müntefering, Rau, Schröder, Gabriel und Lafontaine bekleideten.

Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (3. v.l.), SPD-Politikerin Saskia Esken und Europa-Parlamentarier Tiemo Wölken (3. v. r.) beim Game-Sommerfest 2019.
Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (3. v.l.), SPD-Politikerin Saskia Esken und Europa-Parlamentarier Tiemo Wölken (3. v. r.) beim Game-Sommerfest 2019.

Spätestens seit dem überraschenden SPD-Mitgliedervotum, das nicht nur FDP-Chef Christian Lindner „völlig baff“ zur Kenntnis nahm, rätselt die Republik: Wer ist eigentlich diese Saskia Esken? Kann die was? Und wenn ja: Was? Und vor allem: Was will die 58jährige? Raus aus der Groko? Heiter weiter? Nachverhandeln?

Designierte SPD-Chefin Saskia Esken: Enge Bande mit der deutschen Computerspiel-Branche

Derweil der Koalitionspartner, die Opposition und der Rest des Berliner Politbetriebs nach Antworten fahnden, steht zumindest eines fest: Digital kann sie. Esken ist ausgebildete Informatikerin und hat einst Software entwickelt. Innerhalb der SPD gilt die gebürtige Stuttgarterin als ausgewiesene Netz- und Digitalpolitikerin, die sich deutlicher als viele andere in der Fraktion und erst recht innerhalb der Regierung in der digitalen Sphäre positioniert hat: gegen die Vorratsdatenspeicherung, gegen Upload-Filter, gegen Artikel 13, gegen das Leistungsschutzrecht.

Was hingegen nur wenige wissen: Esken gehörte neben der späteren Staatsministerin Dorothee Bär (CSU), dem heutigen Startup-Beauftragten Thomas Jarzombek (CDU), Kanzleramts-Chef Helge Braun (CDU) und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil jener Groko-Arbeitsgruppe an, die das Thema Digitalisierung im Koalitionsvertrag verhandelt und ausformuliert hat – inklusive eSport und Games-Förderung. Gerade den eSport verteidigt Esken seitdem regelmäßig gegen außer- und innerparteiliche Kritik und verweist in diesem Zusammenhang auf den Passus im Koalitionsvertrag, wonach sich die Bundesregierung für eine „vollständige Anerkennung als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht“ einsetzen will – eine Blankoscheck-Formulierung, die dem Gewerbe seitdem nichts als Ärger eingebracht hat.

Als stellvertretende digitalpolitische Sprecherin ihrer Fraktion zählt Esken seit Jahren zu den ersten SPD-Ansprechpartnern der deutschen Games-Branche, neben Klingbeil und Jens Zimmermann. Bereits 2016 war sie Laudatorin beim Deutschen Computerspielpreis für das „Beste Kinderspiel“. Wenige Monate später – im November 2016 – nahm Esken am Parlamentarischen Abend des damaligen Industrieverbands BIU (mittlerweile: Game) zum Thema „Steuerliche Förderung für Games-Entwicklung“ teil: In jenen Tagen im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 wurde der Grundstein gelegt für das jüngst verabschiedete 250-Millionen-Euro-Paket, das die Bundesregierung bis 2023 in deutsche Studios investieren wird.

Erst vor wenigen Monaten gründete Esken gemeinsam mit weiteren Abgeordneten aller Fraktionen den „Parlamentskreis eSports und Gaming“ im Bundestag. Zusammen mit SPD-Europa-Parlamentarier Tiemo Wölken und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) folgte Esken zudem der Einladung des Branchenverbands zum diesjährigen Game-Sommerfest.

Sollte der SPD-Parteitag das Mitgliedervotum bestätigen, zieht mit Saskia Esken eine streitbare, kundige, oft und viel twitternde Netzpolitikerin ins Willy-Brandt-Haus ein – die Süddeutsche Zeitung spricht gar von einer „Nerd-Fachpolitikerin“ und titelte: „Die SPD hat jetzt Internet“. Welche ihrer digitalpolitischen Positionen und Überzeugungen sie in ihrer Partei und insbesondere im monatlich tagenden Koalitionsausschuss durchsetzen kann, das wird nicht zuletzt davon abhängen, ob und wie lange die Partei noch Teil der Groko und somit in Regierungsverantwortung bleiben will.

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