Start Meinung Fröhlich am Freitag 15/2019: Durch Deutschland geht ein Rock

Fröhlich am Freitag 15/2019: Durch Deutschland geht ein Rock

Liebling der Fotografen am Blauen Teppich: Digital-Staatsministerin Dorothee Bär beim DCP 2019 (Foto: GamesWirtschaft)
Liebling der Fotografen am Blauen Teppich: Digital-Staatsministerin Dorothee Bär beim DCP 2019 (Foto: GamesWirtschaft)

Hat die Digital-Staatsministerin der Branche mit ihrem gewagten Outfit beim Deutschen Computerspielpreis 2019 einen Bärendienst erwiesen?

Fröhlich am Freitag 15/2019: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

kein deutscher Tierpark ist so beliebt wie der Berliner Zoo. Aus gutem Grund: Mehr als 25.000 Tiere gibt es dort – Zebras, Flamingos, Flachlandtapire.

Alles nett. Doch was die Besucher wirklich in Scharen in den Park treibt, das sind – neben den Pandas – die knuffigen Eisbärchen. TV-Sender und Hauptstadt-Presse sind derzeit ganz verliebt in das „kleine Eisbär-Mädchen“ Hertha und dokumentieren jeden Freiland-Ausflug – Knut reloaded.

Über das riesige Interesse freut sich die Zooleitung. Ins Hintertreffen gerät das restliche Portfolio: Zebras, Flamingos und Flachlandtapire degradieren zu Komparsen.

Was zählt, sind die Bären.

Womit wir bei Dorothee Bär wären. Die dem Kanzleramt zugehörige Digitalstaatsministerin beherrschte bereits am Abend des Deutschen Computerspielpreises die Schlagzeilen – und zwar mit ihrem extravaganten Outfit. Die Fotografen am Roten Teppich flippten förmlich aus vor Freude. Was die sich traut! Darf die das? Egal: Pures Aufmacher-Gold!

Noch zwei Tage später fragte sich die Bild-Zeitung, was das Ensemble denn gekostet habe (roundabout 2.400 Euro) und ob es von jederfrau erworben werden könne (jepp, aber viel Puffer einplanen, weil Maßanfertigung). Die Ministerin habe die Kombination aus himbeerfarbenem Lederbustier und perlmuttig schillerndem Gürtelschnallen-Rock bei einer Berliner Designerin schon vor Wochen in Auftrag gegeben und selbst bezahlt, heißt es.

Nun könnte man argumentieren (und tatsächlich war dies bei der After-Show-Party auch Thema), dass Bär den Nominierten und Preisträgern glatt die Show gestohlen habe. Denn dass zum Beispiel das Berliner Studio Mad About Pandas mit „Laika“ den Preis für das beste Kinderspiel abgeräumt hat, war zwei Sekunden nach der Scheck-Übergabe schon fast wieder vergessen. Trotz der Pandas.

Was auch, aber nicht nur an Dorothee Bär lag.

Die CSU-Abgeordnete ist Politprofi und weiß um den Mediawert von TV-Minuten, Titelseiten, Fotostrecken. Aktionen wie am Dienstag sind Teil der (Selbst)Inszenierung und gehören zum politischen Selbsterhaltungstrieb. Familienministerin Giffey schlüpft für einen Pressetermin in einen Müllabfuhr-Dress und dreht eine Müllwagen-Runde – Bär geht eben den Weg der Generation Instagram.

Dahinter steckt freilich Kalkül. Gegenüber RTL gab sie zu Protokoll, der DCP sei ihr schon immer ein Herzensanliegen gewesen – sowas behaupten Politiker zwar immer, aber in diesem Fall wird es zutreffen, denn Bär hat den Preis tatsächlich von Anfang an vorangetrieben wie wenige sonst mit Bundestagsmandat. Ihr Argument: „Die Branche ist so wichtig für Deutschland und die Digitalisierung insgesamt, sie verdient daher viel Aufmerksamkeit – dazu konnte auch ich einen Beitrag leisten.“

Aufmerksamkeit – darum geht es. Bär weiß, dass sie an solchen Abenden liefern muss – die Outfits wurden von einem DCP-Jahrgang zum anderen immer mutiger, spektakulärer. Der Computerspielpreis als Format schafft es auf diese Weise in reichweitenstarke Medien, die sich mit Games-Branchen-Personal niemals erreichen ließen – von der T-Online-Startseite über die WELT bis hin zu Dutzenden Regionalblättern.

Deutschlands Spiele-Branche kann derartige PR gut gebrauchen. Denn dadurch wurde als Beifang auch die Botschaft transportiert, dass hiesige Games-Entwickler mithilfe einer 50-Millionen-Euro-Geldspritze international aufschließen sollen / wollen. Die Politik erhofft sich davon, dass „ein Ruck durch Deutschland“ geht, wie es einst Bundespräsident Herzog forderte.

Bis es soweit ist, bleibt der tröstliche Gedanke, dass zumindest schon mal ein Rock durch Deutschland geht.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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