Start Politik Jury-Chef Olaf Zimmermann: „DCP hat ein Image- und Reichweitenproblem“

Jury-Chef Olaf Zimmermann: „DCP hat ein Image- und Reichweitenproblem“

Nach 2018 hat Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann erneut den Jury-Vorsitz für den Deutschen Computerspielpreis übernommen (Foto: Quinke Networks / Getty Images / Ina Foltin)
Nach 2018 hat Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann erneut den Jury-Vorsitz für den Deutschen Computerspielpreis übernommen (Foto: Quinke Networks / Getty Images / Ina Foltin)

Exklusiv-Interview: Jury-Chef Olaf Zimmermann über den Deutschen Computerspielpreis 2019, die deutsche Games-Förderung und Leuchtturmprojekte.

Bevor für CSU-Politikerin Dorothee Bär der Posten der Digitalisierungs-Beauftragten im Kanzleramt geschaffen wurde, war sie Parlamentarische Staatssekretärin im Verkehrsministerium – und in dieser Funktion jahrelang Jury-Vorsitzende des Deutschen Computerspielpreises. Der DCP ist die höchstdotierte Auszeichnung für Games made in Germany, verliehen von der Bundesregierung und vom Branchenverband Game.

In Folge des „Shadow Tactics“-Eklats im Jahr 2017 wurde vereinbart, dass die Ausrichter nicht mehr Teil der Jury sein dürfen. Auf der Suche nach einer neutralen Respektsperson für den Jury-Vorsitz einigten sich Politik und Verband auf einen Nachfolger für Staatsministerin Bär: Olaf Zimmermann. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats hat diese Aufgabe in diesem Jahr zum zweiten Mal übernommen – und sich schnell den Ruf erarbeitet, penibel auf die Einhaltung der Statuten zu achten, um Skandalen, Skandälchen und Spekulationen erst gar keinen Nährboden zu bieten. Auch das ist eine Lehre von 2017.

Mitte Februar und Anfang März traf sich die Jury des Deutschen Computerspielpreises im Kanzleramt. Seitdem steht fest, wie sich das Preisgeld von 590.000 Euro auf die Preisträger verteilt. Die Trophäen werden am 9. April in Berlin von Dorothee Bär und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) überreicht. Die Moderation übernimmt Entertainerin Ina Müller.

Im GamesWirtschaft-Interview erklärt Olaf Zimmermann, welchen Stellenwert die mittlerweile elfte DCP-Verleihung in der deutschen Kultur-Landschaft einnimmt – und was sich mit Blick auf die kommenden Jahre ändern muss. Ein schwelender Dauerstreitpunkt ist unter anderem die Finanzierung des Preisgelds. Denn der DCP ist der einzige halbstaatliche Kulturpreis, dessen Preisgeld zur Hälfte von der Wirtschaft finanziert wird – mehr als eine Viertelmillion Euro an Game-Mitgliedsbeiträgen wird also innerhalb der Branche umverteilt.

Bereits jetzt steht fest: Ab 2020 übernimmt das Bundespresseamt unter Leitung von Regierungssprecher Steffen Seibert die Organisation des Preises.

Die Hauptjury des Deutschen Computerspielpreis 2019 tagte am 1. März im Kanzleramt (Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung / Koall)
Die Hauptjury des Deutschen Computerspielpreis 2019 tagte am 1. März im Kanzleramt (Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung / Koall)

DCP 2019: „Games sind im Zentrum der Macht angekommen“

GamesWirtschaft: Viele Jahre tagte die Jury im Verkehrsministerium – in diesem Jahr erfolgte der ‚Umzug‘ ins Kanzleramt. Welches Signal geht von dieser Entscheidung aus?

Zimmermann: Jetzt sind die Games im Zentrum der Macht angekommen. Das ist gut für das Thema und lässt hoffen, dass die Entwicklung des Deutschen Computerspielpreis dynamisch voranschreiten wird. Und das ist auch notwendig, denn wenn auch in den letzten Jahren sehr viel erreicht wurde, werden Computerspiele von der Politik immer noch nicht so anerkannt wie andere Kunstformen.

Aber der Deutsche Computerspielpreis hat auch weiterhin ein Image- und Reichweitenproblem in der Gesellschaft, das unter der neuen Verantwortung angegangen werden sollte.

Außerdem verliert der Deutsche Computerspielpreis als Förderpreis durch steigende Budgets in den Fördertöpfen des Bundes und der Länder mittelfristig an Bedeutung und die Ausrichter sollten daher darüber nachdenken, sich neben der Förderfunktion noch andere, imagefördernde und kulturelle Standbeine für den Preis zu suchen.

Sie haben zum zweiten Mal die Aufgabe des Jury-Vorsitzenden übernommen. Wie haben Sie die Jury-Sitzung in diesem Jahr erlebt? In welchen Kategorien und bei welchen Fragestellungen wurde am intensivsten diskutiert?

Mein zentrales Anliegen ist es, das der Computerspielpreis sauber, transparent und regelkonform durchgeführt wird. Mein Ziel ist es, dass man über die inhaltlichen Entscheidungen gerne kontrovers diskutiert, aber dass alle wissen: Bei der Auswahl wurden die Regeln streng eingehalten.

Die Jury hat mir meine Arbeit in den letzten beiden Jahren sehr leicht gemacht, weil alle Jurymitglieder diese Ziele geteilt haben. Zu den Regeln gehört auch, dass kein Jurymitglied über die konkreten Diskussionen in der Jury nach außen berichtet, daran halte ich mich selbstverständlich auch.

Kein anderes Studio hat den Deutschen Computerspielpreis so oft gewonnen wie Daedalic Entertainment (Stand: April 2018)
Kein anderes Studio hat den Deutschen Computerspielpreis so oft gewonnen wie Daedalic Entertainment (Stand: April 2018)

Die Zahl der Einreichungen ist gegenüber 2018 überraschend deutlich zurückgegangen – von über 430 auf 272. Wie geht Ihre Erklärung für diese Entwicklung? Und wie bewerten Sie den diesjährigen Spiele-Jahrgang im Vergleich zum Vorjahr?

Nach zwei sehr starken Jahrgängen ist ein Rückgang nicht ungewöhnlich, da wieder Zeit benötigt wird, um neue Spiele zu entwickeln. Gleichzeitig bleibt natürlich die Frage, warum nicht genug neue Entwicklerstudios aus den Hochschulstudiengängen hervorgehen, um diese Lücken auszugleichen.

Deutschland ist als Entwicklungsstandort für Games noch deutlich entwicklungsfähig. Der Computerspielpreis ist auch eine Maßnahme zur Standortförderung. Dass wenige der großen deutschen, auch international bekannten Entwicklerstudios vertreten sind, ist natürlich bedauerlich, doch ist das aber auch eine Chance für kleinere, noch weniger bekannte Entwicklerstudios, mit ihren Spielen hervorzustechen.

Jury-Chef Olaf Zimmermann: „Bislang sind bei der Preisverleihung die Nerds unter sich.“

Die derzeitige DCP-Vereinbarung endet mit der Verleihung des diesjährigen Preises, die Ausrichter verhandeln über die künftige Positionierung und finanzielle Ausstattung. Mit Ihrer Kenntnis des Innenlebens anderer Kulturpreise: An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, um den DCP in der Branchen- und Außenwahrnehmung stärker glänzen zu lassen? Gibt es einen Aspekt, der Ihnen besonders am Herzen liegt?

Die neue Gamesförderung auf Bundesebene wird voraussichtlich in diesem Herbst starten. Das ist sehr positiv, führt aber automatisch dazu, dass der Deutsche Computerspielpreis seine Rolle neben der Bundesförderung und den verschiedenen Landesförderungen für Computerspielentwickler neu bestimmen muss. Der Deutsche Computerspielepreis muss noch sichtbarer zu einem wichtigen Kulturpreis werden. Das ist nicht in erster Linie eine Frage des Preisgeldes, sondern der öffentlichen Anerkennung des Genres.

Bislang sind bei der Preisverleihung die Nerds weitgehend unter sich. Die Preisverleihung sollte zu einem kulturellen Ereignis werden, bei dem gerade auch diejenigen wichtigen gesellschaftlichen Vertreter bei der Preisverleihung dabei sind, die wenig oder sogar nie ein Spiel spielen, einfach weil man einfach dabei sein muss!

Deutscher Computerspielpreis 2019: Die Jury tagte erstmals im Kanzleramt (Foto: GamesWirtschaft)
Deutscher Computerspielpreis 2019: Die Jury tagte erstmals im Kanzleramt (Foto: GamesWirtschaft)

Wenn man die Nominierten der nationalen und internationalen Kategorien nebeneinander legt, fällt sofort auf, wie gewaltig der Unterschied mit Blick auf den „production value“ ausfällt. Es fehlt erkennbar an Leuchtturmprojekten. Lässt sich dieser Nachteil aus Ihrer Sicht mit der geplanten 50-Mio.-Euro-Games-Förderung korrigieren? Oder bedarf es – auch mit den Erfahrungen aus dem Film-Bereich – noch anderweitiger Instrumente?

Die internationalen Blockbuster-Produktionen sind in den ihnen zur Verfügung stehenden Finanzmitteln kurzfristig nicht einholbar für deutsche Entwicklerstudios. Titel wie das in den internationalen Kategorien nominierte „Red Dead Redemption 2“ überschreiten mit ihren Produktions- und Marketingbudgets selbst die hohen Produktionskosten für viele Blockbusterfilme deutlich. Hier wären die 50 Millionen Euro Bundesförderung im Jahr, die außerdem noch auf mehrere Entwicklerstudios aufgeteilt werden sollen, ein Tropfen auf den heißen Stein und für solche Projekte auch nicht gedacht.

Doch die Förderung ist natürlich sehr wertvoll für aufstrebende deutsche Studios. Die Finanzmittel allerdings, die notwendig sind, um immer größer werdende offene Spielwelten herzustellen, sind nur von etablierten Global Playern überhaupt aufzubringen.

Viel Kritik gab und gibt es allerdings an den problematischen Arbeitsbedingungen der tausenden Entwicklerinnen und Entwicklern, die an solchen Großprojekten arbeiten. Solche Zustände in deutschen Entwicklerstudios anzustreben, kann kaum unser Ziel sein. Gewiss braucht Deutschland Leuchtturmspiele wie das beispielsweise bald erscheinende „ANNO 1800“, doch ist fraglich, ob der Wachstumsimperativ der modernen Blockbuster-Spiele – immer größer, immer teurer, immer länger – überhaupt zukunftsfähig ist.

Deutsche Entwicklerstudios tun sicherlich gut daran, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und mehr auf Innovation, mehr auf Kunst zu setzen.

Der Kulturrat deckt ein breites thematisches Spektrum ab. Welchen Stellenwert hat der Games-Betrieb in der deutschen Kulturlandschaft im Jahr 2019? Wo besteht der größte Handlungsbedarf?

Computerspiele sind ein ganz normales Kulturgut, mit wachsender wirtschaftlicher und, das ist mir besonders wichtig, kultureller Bedeutung. Games werden wichtig genommen und längst fangen die kulturellen Bereiche an, sich zu vermischen. Games, Film, Theater, Literatur, immer öfter verschwimmen die Grenzen und das ist gut so.

Nun muss nur noch der Gamesbereich selbst sich mehr als Teil der kulturellen Familie verstehen. Mehr Innovation, mehr Experiment, mehr Kunst ist der beste Weg zum Erfolg, da bin ich mir sicher.

Disclaimer: GamesWirtschaft-Chefredakteurin Petra Fröhlich ist Mitglied von Fach- und Hauptjury des Deutschen Computerspielpreises 2019.

2 Kommentare

  1. Der DCP wird jedes Jahr mehr zur Lachnummer (man schaue sich mal die ganzen branchenfremden auf dem Foto an).

    Es heißt: COMPUTERspielpreis.

    Es gibt eine MOBILE-Kategorie.

    Beim Publikumspreis werden alle Konsolenplattformen und Spiele zur Abstimmung angeboten.

    Es gibt nicht mal einen vernünftigen Nachwuchspreis (außer man ist zufällig Student).

    Und da wundern die sich, dass die Veranstaltung keiner ernst nimmt?

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