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Deutscher Computerspielpreis 2019: Sechs Lehren für 2020

Die Bildundtonfabrik und Headup Games gewinnen mit
Die Bildundtonfabrik und Headup Games gewinnen mit "Trüberbrook" den Deutschen Computerspielpreis 2019 für das "Beste Deutsche Spiel" (Foto: Isa Foltin / Getty Images for Quinke Networks)

Nach dem DCP ist vor dem DCP: In welchen Disziplinen der Deutsche Computerspielpreis besser werden kann – und besser werden muss.

An Halloween, also am 31. Oktober 2019, endet die aktuelle Vereinbarung zwischen der deutschen Spielewirtschaft und der Bundesrepublik Deutschland, vertreten vom Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur (BMVI). Darin sind die wesentlichen Eckpunkte des Deutschen Computerspielpreises geregelt – Kategorien, Preisgelder, Jury-Zusammensetzung, Finanzierung.

Wer die Statuten Punkt für Punkt durchgeht, wird verblüfft sein, an wie vielen Stellen das Dokument gegenüber der vorherigen Version korrigiert wurde (komplette Liste der Änderungen).

Neu ist seit 2018 zum Beispiel, dass die Ausrichter nicht mehr der Jury angehören dürfen – eine Reaktion auf die Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit der Auszeichnung von „Shadow Tactics“. Damit stellt das Reglement sicher, dass keine ungebührliche Einflussnahme durch Politik und Spiele-Lobby auf die möglichst unabhängige Jury erfolgt. Der Einfluss endet also mit der Besetzungsliste für das Gremium, das jährlich frisch zusammengestellt wird.

Fest steht: Mit Blick auf den Deutschen Computerspielpreis 2020 in München muss in den kommenden Monaten eine neue Vereinbarung ausverhandelt werden. Bereits entschieden ist, dass das Bundespresseamt unter Leitung von Regierungssprecher Steffen Seibert künftig den DCP koordiniert.

Doch dabei wird es nicht bleiben. Dicke Brocken wollen aus dem Weg geräumt werden: Nach wie vor strittig ist zum Beispiel die konkrete Finanzierung des Preisgeldes von zuletzt 590.000 Euro.

Aus den Erfahrungen des Jahres 2019 lassen sich allerdings schon jetzt einige Lehren ableiten:

Lehre 1: Das Preisgeld – zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig

Ab 2019 fördert der Staat die Entwicklung von Computerspielen made in Germany mit jährlich 50 Millionen Euro. Dieser Betrag mag gerade so für die Fertigstellung des „Red Dead Redemption 2“-Vorspanns reichen, doch auch in Deutschland lässt sich damit eine ganze Menge anstellen.

Kleine, große, junge und reife Spiele-Entwickler können Subventionen beantragen, die sie nicht zurückzahlen müssen – die Spiele-Entwicklung wird günstiger und im Einzelfall überhaupt erst möglich. Mögliche Folge: neue Studios, neue Jobs, mehr Spiele, bessere Spiele. Die Förderung geschieht nach einem festen Muster: Der Entwickler ist also nicht von der Tagesform eines Gremiums abhängig.

Zusammen mit den Geldern der EU, der regionalen Förderer, von Publishern und von Plattform-Betreibern wie Apple und Epic Games ergibt sich ein bunter Strauß an (kalkulierbaren) Finanzierungsmodellen, mit denen sich sowohl kommerziell ambitionierte als auch experimentelle Games produzieren lassen.

Das DCP-Preisgeld hingegen ist (hoffentlich) kein Bestandteil des Businessplans, weil es eben nicht kalkulierbar ist. Zudem werden die Schecks posthum übergeben, also dann, wenn Spiele längst durchvermarktet sind. Auch die Höhe der Schecks ist diskutabel: 40.000 Euro für das „Beste Gamedesign“ oder die „Beste Innovation“ entsprechen noch nicht mal einer halben Vollzeitstelle.

Zudem stammt die Hälfte des Preisgelds von den mehr als 300 Unternehmen des Game-Verbands – im Schnitt ist also jedes Mitglied mit knapp 1.000 Euro dabei. Das gibt es bei keinem anderen staatlichen Kulturpreis.

Lehre für 2020: Das Preisgeld muss künftig komplett vom Staat finanziert werden – und sollte schwerpunktmäßig in die Nachwuchs-Kategorien investiert werden. Dort ist der Hebel am größten, weil hier die Studios von morgen entstehen. Für alle anderen Preisträger gibt es Anerkennung in Form von Trophäen und Applaus.

Das Dutzend ist voll: Mit "State of Mind" baut Daedalic Entertainment die Liste der DCP-Trophäen aus (Stand: 15.4.2019)
Das Dutzend ist voll: Mit „State of Mind“ baut Daedalic Entertainment die Liste der DCP-Trophäen aus (Stand: 15.4.2019)

Lehre 2: Die Kategorien – Stillstand ist Rückschritt

Die Kategorien werden ohnehin regelmäßig überarbeitet. Beispielsweise wurden die Nachwuchs-Kategorien mehrfach neu strukturiert, die Disziplin „Bestes Browsergame“ ist seit 2015 mangels Relevanz gestrichen.

Als Streichkandidat in Frage käme unter anderem der Publikumspreis, der zumindest in „Preis für die beste Community-Arbeit“ umbenannt werden sollte. Man muss nicht Verschwörungstheorie auf Bachelor studiert haben, um zumindest die Augenbraue zu heben, wenn seit Einführung der Kategorie vier von fünf Preisen an CD Projekt und Vertriebspartner Bandai Namco gingen.

Lehre für 2020: Jede Disziplin muss auf den Prüfstand – als Anhaltspunkt kann die Zahl der Einreichungen in der jeweiligen Kategorien dienen. Sehr viel entscheidender ist allerdings die Zuordnung des jeweiligen Preisgeldes.

Lehre 3: Rolle der Politik klären

Wer die zweieinhalbstündige Gala am 9. April verfolgt hat, musste zwangsläufig den Eindruck gewinnen, die Berliner Politik habe den Preis komplett gekapert. Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) standen gleich mehrfach auf der Bühne, zwischendurch auch noch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und CDU-Haushaltspolitiker Rüdiger Kruse.

Selbst für einen staatlichen Kulturpreis ist dieses Gebaren mindestens verwunderlich. Beim Deutschen Filmpreis verleiht Staatsministerin Monika Grütters (CDU) – das Kultur-Pendant zu Dorothee Bär – die hochdotierten Hauptpreise („Lolas“), der Rest des Abends gehört der Branche.

So sollte es sein.

Lehre für 2020: Wer hinter den Kulissen für das Preisgeld sorgt, darf gerne im Rampenlicht stehen – allerdings reicht es völlig aus, wenn der gastgebende Ministerpräsident die Gäste begrüßt und ein Vertreter der Bundesregierung den Preis für das „Beste deutsche Spiel“ übergibt.

Selfie mit dem SPD-Generalsekretär: Landes- und Bundespolitiker nutzen den DCP als Bühne (Foto: Franziska Krug / Getty Images for Quinke Networks)
Selfie mit dem SPD-Generalsekretär: Landes- und Bundespolitiker nutzen den DCP als Bühne (Foto: Franziska Krug / Getty Images for Quinke Networks)

Lehre 4: Die Moderation – what you book is what you get

Wer Ina Müller bucht, bekommt Ina Müller.

Leider mussten selbst bekennende Ina-Müller-Fans feststellen, dass sich die Hamburgerin im Rückblick als denkbar schlechte Entscheidung für den DCP 2019 entpuppte. Unzureichend vorbereitet, bewaffnet mit Klischees, unhöflich, respektlos, vulgär – kein Wunder, dass Müller das Gebäude schon wenige Minuten nach ihrem denkwürdigen Auftritt verlassen hatte.

Wahr ist aber auch: An der Moderation reibt sich „nur“ die Branche selbst. Außerhalb der Branche hat allein Dorothee Bärs Outfit ein Vielfaches an Medien-Echo ausgelöst – Müllers Leistung ist dort beinahe ein Nicht-Thema, wie die Presse- und Suchanfragen-Auswertung belegt.

Eine Verleihung dieser Größenordnung braucht für die Moderation einen „household-name“ – eine Personalie, die innerhalb wie außerhalb der Branche vermittelbar ist. Eine Person also, die sich als Gastgeber versteht und die Preisträger glänzen lässt. Das ist in den Vorjahren mit Allzweckwaffe Barbara Schöneberger überwiegend gelungen – ähnliche Qualifikationen sind bei einer Vielzahl von Ansagern vorhanden, von Konsolen-Fan Kai Pflaume über Steven Gätjen, Elton und Daniel Hartwich bis hin zu Janin Ullmann und Jeannine Michaelsen, die den Job bereits 2012 übernommen hat, damals mit Klaas Heufer-Umlauf.

Lehre für 2020: Die Ausrichter dürften im kommenden Jahr aus Eigeninteresse auf Nummer Sicher gehen – und eine/n gelernte/n Moderatoren/in buchen.

Lehre 5: Die Laudatoren – (k)ein bisschen glaubwürdig

Der DCP hat eine lange Historie an Laudatoren, die ausschließlich zu Deko-Zwecken gebucht werden – und die daraus nicht nur keinen Hehl machen, sondern gar damit kokettieren. Das gilt für Ex-Model Eva Padberg (2018) genauso wie für Paradiesvogel Olivia Jones (2017) oder eben Sängerin Namika in diesem Jahr.

Leider war der Anteil der Nicht-Gamer diesmal überproportional hoch. Mit Ausnahme von Verbands-Vorständlerin Linda Kruse (The Good Evil), Riot-Games-Niederlassungsleiter Hannes Seifert und „FIFA“-Profi Timo Siep („TimoX“) trat kein einziger praktizierender Spiele-Experte ans Mikrofon-Pult.

Dabei hat die DCP-Vergangenheit gezeigt, dass es sehr wohl gamepad-kompatible VIPs gibt, angefangen von den naheliegenden Letsplayern bis hin zu Smudo von den „Fantastischen Vier“. Gerade unter Musikern, Sportlern und insbesondere Comedians ist der Gamer-Anteil hoch: Der „Assassin’s Creed“-Rant von Komiker Kurt Krömer gilt als geradezu legendär.

Lehre für 2020: Nur Laudatoren, die das Thema Games glaubhaft vertreten, dürfen auf die Bühne.

Lehre 6: Die Preisträger – Leistung soll sich lohnen

Die wichtigste Frage lautet natürlich: Wer hat den Deutschen Computerspielpreis aus welchen Gründen verdient?

Man tritt den diesjährigen Nominierten sicher nicht zu nahe, wenn man objektiv feststellt: Es gab schon gehaltvollere Jahrgänge. Allein der drastische Rückgang der Einreichungen beschreibt wie unter einem Brennglas die derzeitige Situation der deutschen Entwickler-Zunft:

  • Die meisten Games-Konzerne sehen Deutschland als XXL-Absatzmarkt und als verlängerte Werkbank – es gibt extrem wenige Marken, die aus Deutschland heraus aufgebaut werden.
  • Adventures gelten zwar als Nische, doch ihr Anteil ist weiterhin gigantisch hoch. Sehr viel seltener entstehen „große“ Rollenspiele, Strategiespiele, Action-Adventures, Shooter.
  • Dutzende Free2play-Spiele made in Germany sind handwerklich so gut, dass sie Millionen-Umsätze einfahren. Auszeichnungswürdiges mit Blick auf Gamedesign, Innovation oder Inszenierung findet sich allerdings nur vereinzelt.

Die gute Nachricht: Für das kommende Jahr ist alleine deshalb Linderung in Sicht, weil viele Toptitel anstehen – darunter „Tropico 6„, „Iron Harvest„, „Desperados 3„, „ANNO 1800„, „The Surge 2„, „Die Siedler„, „Through the Darkest of Times„, um nur einige der prominentesten zu nennen.

Lehre für 2020: Alles wird gut. Beziehungsweise: besser.

Fazit: Deutscher Computerspielpreis auf dem Prüfstand

Es gibt kaum einen Kulturpreis in Deutschland, der nicht umstritten wäre. Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises vor zwei Monaten überschrieb die FAZ mit „Unwürdige Ehrung für preiswürdige Filme“ – wer den Text liest, entdeckt unglaublich viele Parallelen zum DCP.

Beim Echo genügte ein mittelgroßer Skandal um Kollegah und Farid Bang, um die seit 1992 stattfindende Veranstaltung aus dem Sattel zu kippen. Ähnliches aus einer missglückten Moderation und einem eher schwächeren Spiele-Jahrgang abzuleiten, würde die erkennbaren Fortschritte eines erst seit zehn Jahren existierenden Formats zunichte machen und mühsame aufgebaute Brücken in die Politik abbrechen. Wer hätte vor fünf oder zehn Jahren für möglich gehalten, dass die Kanzlerin die DCP-Nominierten am Vorabend der Gala empfängt?

Dabei braucht es, nüchtern betrachtet, gar nicht viel, um dem Deutschen Computerspielpreis wieder in die Spur zu helfen – möglicherweise genügt bereits ein Software-Update.


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Disclaimer: GamesWirtschaft-Chefredakteurin Petra Fröhlich gehörte in diesem Jahr sowohl der Fach- als auch der Hauptjury des Deutschen Computerspielpreises an.

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