Start Gamescom Analyse: Gamescom bleibt in Köln – und alle Fragen offen

Analyse: Gamescom bleibt in Köln – und alle Fragen offen

Pickepackevoll: Gamescom-Messestände wie jener von Epic Games (
Pickepackevoll: Gamescom-Messestände wie jener von Epic Games ("Fortnite") wurden förmlich überrannt - Foto: KoelnMesse / Thomas Klerx

Warum haben sich Deutschlands Spielehersteller entschieden, die Gamescom auch künftig in Köln stattfinden zu lassen? Einfache Antwort: Politik.

Kölns Hoteliers und Hostessen-Agenturen können schon mal den Schampus kalt stellen: Seit heute steht fest, dass die Gamescom mindestens 2020, 2021 und 2022 in der Domstadt bleibt. Das bedeutet zunächst mal: Planungssicherheit für Messegesellschaft, Messebauer und Aussteller.

Damit geht die Branche auf Nummer Sicher: Never change a running system. Trotzdem bleibt die Frage: Ist Köln wirklich der beste Gamescom-Standort für die kommenden Jahre?

Wahr ist: Von Anfang an galt Köln als klarer Favorit für eine erneute Fortsetzung der Spielemesse. Ja, Frankfurt war interessiert, wollte die Gamescom aber letztlich zu wenig. Ganz im Gegensatz zur Stadt Köln und zum Land NRW: Dort wurde wirklich alles in die Waagschale geworfen, um die Messe unununbedingt zu halten. Selbst Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat intensiv für einen Verbleib geworben – und mit einer millionenschweren Finanzspritze für die NRW-Spiele- (und Spiele-Event-)Branche ein klares Signal gesandt.

Die Gamescom 2018 war im Jahr 2018 die zweitgrößte Messe in Deutschland (Stand: 3. Januar 2019)
Die Gamescom 2018 war im Jahr 2018 die zweitgrößte Messe in Deutschland (Stand: 3. Januar 2019)

Für Messe-Frankfurt-Chef Wolfgang Marzin wäre der Wechsel freilich ein echter Coup gewesen, ein Akt später Genugtuung: Denn Marzin war einst Geschäftsführer der Messe Leipzig und hat in dieser Zeit zusammen mit dem damaligen Branchenverband die Games Convention zu einem Groß-Event mit 200.000 Besuchern aufgebaut. Dann hat die Branche die Zelte abgebrochen und ist gen Westen nach Köln weitergezogen.

Frankfurt hätte alle Voraussetzungen für Deutschlands zweitgrößte Publikumsmesse mitgebracht. Doch um ein etabliertes Format an einen neuen Standort zu lotsen, hätte es auch ein glasklares Bekenntnis der frischgewählten hessischen Landesregierung in Richtung Spielebranche bedurft. Im schwarz-grünen Koalitionsvertrag existieren zwar vage Andeutungen, die Fördertöpfe zu erhöhen und eine „Indie-Messe“ auszurichten. Indes: Von den im April 2018 angekündigten 200.000 Euro für „Serious Games“ wurde noch kein einziger Cent ausgezahlt.

Plus: Will man wirklich eine Spielemesse in einem Bundesland abhalten, dessen Innenminister sich hinstellt und fordert, man müsse „den Begriff eSport ausradieren“? In einem Land, dessen Regierungspartei erst Ende Januar Pressemitteilungen verschicken ließ mit der Überschrift: „Computerspielen ist genauso wenig Sport wie Stricken oder Blockflöten?“ Während in NRW der Staatskanzlei-Chef die neuen Räumlichkeiten des eSport-Veranstalters ESL eröffnet?

Welche Stadt "kann" Gamescom? In Deutschland gibt es neben Köln nur drei weitere Messe-Standorte mit mehr als 200.000 Quadratmetern Fläche (Stand: September 2018)
Welche Stadt „kann“ Gamescom? In Deutschland gibt es neben Köln nur drei weitere Messe-Standorte mit mehr als 200.000 Quadratmetern Fläche (Stand: September 2018)

Vor diesem Hintergrund hätte es schon massiver Lobby-Arbeit seitens der Frankfurter Games-Konzerne – Nintendo, Sony, Konami, Bandai Namco, Bethesda – bedurft, um Köln ernsthaft in Frage zu stellen.

Die Entscheidung für den bewährten Standort wäre zudem nicht möglich gewesen ohne die Sympathien der Gamescom-Großkunden, allen voran Electronic Arts (Köln) und Ubisoft (Düsseldorf). Beide investieren alljährlich signifikant siebenstellige Beträge in ihre Gamescom-Auftritte und belegen jeweils fast eine halbe Messehalle in der Entertainment Area, zuzüglich vielen Quadratmetern im Fachbesucher-Bereich. Zufällig sitzen die Geschäftsführer beider Deutschland-Niederlassungen auch im Vorstand des Branchenverbands Game – also dort, wo über die Zukunft der Gamescom entschieden wird.


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Dass die Gamescom – vorerst – in Köln bleibt, ist nun also Fakt. Gleichzeitig sind viele K-Fragen offen:

Kapazitäten: An zusätzlicher Fläche mangelt es nicht, doch das Kölner Messegelände gerät aufgrund seiner Architektur an die Grenzen der Belastbarkeit. Der zentrale Boulevard, der die vier Haupthallen 6, 7, 8 und 9 verbindet, mag für reine Fachbesucher-Messen wie Photokina oder Anuga genügen. Bei einer Publikumsmesse mit annähernd 400.000 Besuchern wird die Besucherführung immer mehr zum Drahtseilakt. Was die Messegesellschaft so hübsch mit „Optimierung der Aufenthaltsqualität“ umschreibt, bedeutete zuletzt in der Praxis: Hallenschließungen, Engpässe, Gedränge und Umleitungen übers Außengelände. Daran werden auch Neubauten und Hallen-Sanierung wenig ändern.

Konzept: Wo will die Gamescom eigentlich inhaltlich hin? Sind fünfstündige Wartezeiten für 10 Minuten Spielzeit künftig noch vermittelbar? In einer Zeit, in der die beliebtesten Spiele gratis herunterladbar sind? Und warum werden volljährigen Gamescom-Besuchern eigentlich Sperrholzwände, Einlasskontrollen und abgeschottete Spielstationen zugemutet, wo doch die Unter-16-jährigen nur eine Minderheit stellen?

Kosten: Müssen sich Aussteller auf weiterhin steigende Quadratmeter- und Nebenkosten einstellen? Bleibt es bei immer höheren Ticketpreisen für die Besucher? Und wie sieht die Antwort der Stadt Köln auf den Hotelbettenmangel aus, der die Übernachtungspreise in den Gamescom-Wochen implodieren lässt?

Seit 2015 sind die Gamescom-Ticketpreise im Schnitt um 20 bis 25 Prozent gestiegen (Stand: März 2019)
Seit 2015 sind die Gamescom-Ticketpreise im Schnitt um 20 bis 25 Prozent gestiegen (Stand: März 2019)

Kalenderwoche: Bislang wurde die Gamescom stets in der letzten (vollen) August-Woche abgehalten, also inklusive der NRW-Sommerferien. Wie das 2020 gelöst werden soll, ist fraglich, denn ab 11. August 2020 wird wieder unterrichtet. Für Schüler, Azubis, Berufstätige und Familien aus Köln, Duisburg oder Herne bliebe dann nur der Messe-Samstag – oder alternativ das neue Abendticket, das den Besuch der Messe zwischen 16 und 20 Uhr ermöglicht. Ein Termin Anfang August würde gleichzeitig bedeuten, dass die Gamescom gerade mal sechs Wochen nach der E3 in Los Angeles statt findet – schon jetzt klagen Aussteller, dass dies keinesfalls ausreiche, um wirklich neues Material präsentieren zu können. Viele Publisher wünschen sich einen September-Termin, näher am Weihnachtsgeschäft – doch dieses Fenster würde mit anderen KoelnMesse-Events wie Spoga (Pferd), Gafa (Garten) oder Demexco (Online-Marketing) kollidieren. Educated guess: Es bleibt tendenziell bei Ende August.

Update vom 4. April 2019: Game-Verband und KoelnMesse haben bestätigt, dass das Gamescom-Zeitfenster – wie prognostiziert – in der letzten vollen August-Woche beibehalten wird.

Kopf: Kaum zu glauben, aber die Gamescom ist derzeit kopflos. Denn seit mehr als drei Monaten fahndet der Branchenverband nach einem Kandidaten für den Job des „Head of Gamescom“ – also eine Person, die sich den diplomatischen Spagat zwischen Messe, Ausstellern und Verband zutraut. Bislang hat sich niemand gefunden: Die Stelle ist immer noch ausgeschrieben (Stand: 12.3.) und in fünf Monaten ist bereits Showtime.

Die Gamescom 2019 startet am 20.8.2019 mit dem Fachbesucher- und Medientag (Stand: 7.9.18)
Die Gamescom 2019 startet am 20.8.2019 mit dem Fachbesucher- und Medientag (Stand: 7.9.18)

Je nachdem, wie die Antworten auf all diese Fragen ausfallen, wird sich weisen, ob die Gamescom am Standort Köln eine (gute) Zukunft hat. Weil sich die Wachstumsraten der vergangenen zehn Jahre kaum beibehalten lassen, wird es um so mehr darauf ankommen, auf die Ansprüche von Ausstellern und Besuchern einzugehen. Die Kollegen von der Messe Hannover können davon berichten, wozu es führt, wenn dies nicht geschieht.

Oder wie man in Köln sagt: Et bliev nix wie et wor.

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