Gamescom Standort-Analyse: Neben Köln sind Hannover, Düsseldorf, München und Frankfurt - theoretisch - Gamescom-fähig (Stand: September 2018)
Gamescom Standort-Analyse: Neben Köln sind Hannover, Düsseldorf, München und Frankfurt - theoretisch - Gamescom-fähig (Stand: September 2018)

Wo findet die Gamescom 2020 statt? Die Verhandlungen zwischen Spiele-Industrie und KoelnMesse laufen. Doch gibt es überhaupt Alternativen?

Nur sehr selten kommt es vor, dass eine etablierte Großveranstaltung wie die Gamescom den Messe-Standort wechselt – ausgeschlossen ist das aber nicht, wie man sich in Leipzig erzählt.

Auch wenn die laufenden Gespräche offiziell mit keiner Silbe kommentiert werden: Es wird verhandelt, und zwar konkret über die Gamescom 2020 bis 2024. Die Marken „gamescom“ und „devcom“ gehören dem Industrieverband Game.

Stadt, Land und Messegesellschaft wollen weitermachen und haben ihrerseits bereits ein klares Standort-Bekenntnis abgegeben – auch führende Aussteller sind nicht abgeneigt und fühlen sich in Köln grundsätzlich wohl.

Mit Einschränkungen gilt dieses Bekenntnis im Hinblick auf davongaloppierende Standmieten und Nebenkosten, sanierungsbedürftige Hallen und die Architektur des Geländes. So hat der zentrale Boulevard zwar den Vorteil, dass sich die abzweigenden Hallen bequem erreichen lassen – gleichzeitig ist die Hauptschlagader regelmäßig verstopft, so dass die Besucherströme über den Außenbereich umgelenkt werden müssen. Der angespannte Blick auf die Wetter-App gehört also zum morgendlichen Ritual der Verantwortlichen vor Ort.

Unter der großen Nachfrage leidet die Aufenthaltsqualität, wie man seitens der Messegesellschaft einräumt. Allerdings ist den Ausstellern kaum zuzumuten, immer höhere Kosten für Messebau, Spielstationen, Personal, Security und Logistik zu schultern. Die Macher der EGX (Berlin) und MAG (Erfurt) haben diese Achillesfersen des Kölner Spiele-Events erkannt und setzen bewusst auf kompaktere Formate. Erste Großkunden wie Sony Interactive reagieren auf die grassierende Gigantonomie und verteilen ihr Budget neuerdings auf mehrere, kleinere, regionale Messen.

Standort-Analyse: Welche Stadt kann Gamescom?

Mit 370.000 Besuchern ist die Gamescom mittlerweile die zweitgrößte, jährlich stattfindende Messe in Deutschland. Natürlich spricht Vieles für eine Fortsetzung in Köln – man kennt sich, man respektiert sich, man arbeitet seit über einem Jahrzehnt zusammen. Doch wer in Verhandlungen geht, hat hoffentlich auch einen Plan B in der Schublade – für den Fall, dass man sich wider Erwarten nicht einigt.

Die Frage lautet also: Welche Stadt kann überhaupt Gamescom? Wie viele Messe-Standorte gibt es mit der nötigen Infrastruktur und den erforderlichen Flächen, um eine Veranstaltung dieser Größenordnung hinzubekommen?

Spoiler: weniger, als man zunächst annehmen möchte.

Denn die Hürden sind hoch: In Frage kommen ausschließlich Standorte mit mindestens 200.000 Quadratmetern überdachter Fläche – das entspräche dem derzeitigen Status Quo auf dem Kölner Gelände.

Dadurch scheiden viele naheliegende Standorte aus – etwa Berlin (Funkausstellung, Tourismus-Börse, Grüne Woche), Nürnberg (Spielwarenmesse) oder Leipzig (Buchmesse).

GamesWirtschaft vergleicht die theoretisch in Frage kommenden Standorte nach objektiven, weil messbaren Kriterien.

Die Gamescom ist mittlerweile die zweitgrößte, jährlich veranstaltete Messe in Deutschland (Stand: August 2018)
Die Gamescom ist mittlerweile die zweitgrößte, jährlich veranstaltete Messe in Deutschland (Stand: August 2018)

Hannover: Die XXL-Variante

Das Messegelände in Hannover gilt als das weltweit größte seiner Art: Das gigantische Areal der Deutsche Messe AG bietet mit einer halben Million Quadratmeter mehr als doppelt so viel Fläche wie Köln.

Was gegen Hannover als Gamescom-Stadt spricht: Hannover. Selbst die Niedersachsen dürften zugestehen, dass sie nicht als Nabel der Spielewelt durchgehen. Innerhalb der Spielebranche dürfte die Zahl der Fürsprecher also überschaubar ausfallen.

Bekannt ist die Messestadt durch die Hannover-Messe Industrie, die IAA Nutzfahrzeuge, die Landmaschinen-Messe Agritechnica und natürlich die CeBIT, die ihre besten Zeiten allerdings lange hinter sich hat und sich 2018 an einem Reboot versucht hat. Die CeBIT ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie rasend schnell eine Messe verglüht, wenn sie zu lange überkommenen Konzepten nachhängt – 2001 waren es noch mehr als 800.000 Besucher, zuletzt 120.000.

Pluspunkte sammelt die Infrastruktur: Der Flughafen Hannover wird von vielen deutschen und europäischen Städten angeflogen, die ICE- und Autobahn-Anbindung lässt wenige Wünsche offen.

Allerdings: Mit dem Besucheransturm einer Gamescom wäre die Hannoveraner Hotellerie maßlos überfordert. In der Stadt gibt es kaum mehr als 100 „Beherbergungsbetriebe“ mit gerade mal 13.000 Betten – zum Vergleich: In Frankfurt oder Köln sind es mehr als drei Mal so viele. Die Folge: Zu Messe-Zeiten steigen die Preise für die wenigen verfügbaren Zimmer regelmäßig in astronomische Höhen.

GamesWirtschaft-Prognose
Die Flächen sind groß, die Chancen gering: Auch wenn die Messegesellschaft auf ihrer Website das „pulsierende Nachtleben“ in Hannover als eines von zehn Argumenten anführt – alleine die unzureichenden Hotelkapazitäten genügen bereits als K.o.-Kriterium für Hannover.

Neuer Rekord zum Jubiläum: 370.000 Besucher strömten an fünf Messetagen auf das Gelände der Gamescom 2018 (Stand: 25.8.2018)
Neuer Rekord zum Jubiläum: 370.000 Besucher strömten an fünf Messetagen auf das Gelände der Gamescom 2018 (Stand: 25.8.2018)

Frankfurt am Main: Der Musterschüler

Mindestens mit Blick auf die internationale Fluganbindung ist Frankfurt am Main konkurrenzlos – internationale Gäste könnten bequem an- und abreisen. Aufgrund der zentralen Lage ist die Stadt aus ganz Europa mit allen Verkehrsmitteln schnell zu erreichen.

Die Messe Frankfurt ist nach Hannover und Shanghai die drittgrößte der Welt und Gastgeber vieler bekannter XXL-Messen, darunter die Internationale Automobilausstellung (IAA) oder die Buchmesse. Die Hallen inmitten der Stadt bieten eine Fläche von fast 370.000 Quadratmetern.

Im bundesweiten Vergleich findet man zudem wenige Standorte mit einem größeren Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten in allen Preislagen – allein in der Innenstadt gibt es über 50.000 Hotelbetten.

Hinreichend Games-Stallgeruch ist ebenfalls vorhanden: Nintendo, Crytek, Deck 13, Sony Interactive, Konami, Bethesda, Bandai Namco und viele, viele weitere Publisher und Entwickler haben ihren Sitz im Großraum Frankfurt.

GamesWirtschaft-Prognose
Falls der Game-Verband ernsthaft über alternative Standorte nachdenkt, dürfte Frankfurt ganz oben auf der Liste stehen. Als anspruchsvoll könnte sich die Terminfindung erweisen – denn die alle zwei Jahre stattfindende IAA Pkw startet traditionell in der ersten September-Hälfte. Der Aufbau grenzt damit unmittelbar an die derzeitige Gamescom-Phase.

München: Mia san mia (Update vom 31.8.2018)

Die Infrastruktur? Weltklasse. Das Messegelände? Hochmodern. Das Hotelangebot? Spitze. Das Wachstumspotenzial für die Gamescom? Geht so.

Denn das in den 90ern errichtete und stetig erweiterte Gelände samt Congress-Centrum (ICM) im Osten Münchens misst auch nach Fertigstellung weiterer Hallen „nur“ 200.000 Quadratmeter – das entspricht in etwa der Fläche der Gamescom 2018. Die Freifläche ist zwar enorm groß und perfekt geeignet für die Kräne, Schaufelradbagger und Betonmischer der Baubranchen-Leitmesse Bauma, aber für das Thema Computerspiele eher untauglich.

Der Games-Standort München ist traditionell geprägt von Niederlassungen großer US-Konzerne wie Microsoft (Xbox One), Activision Blizzard oder Take-Two Interactive. Größtes Studio vor Ort ist der Onlinespiele-Entwickler Travian Games mit rund 200 Mitarbeitern. Weitere bekannte Spielehersteller: Koch Media / Deep Silver („Kingdom Come: Deliverance“), Chimera Entertainment („Angry Birds Epic“) und Mimimi Productions („Shadow Tactics“) – plus viele weitere mittelständische Betriebe.

Zumindest an Ambitionen von Stadt und Land würde es nicht mangeln: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat das Thema Games zur Chefsache erklärt – die Branchen-Zuständigkeit liegt mittlerweile direkt in seiner Staatskanzlei. Im jährlichen Wechsel mit Berlin ist München Austragungsort des Deutschen Computerspielpreises.

GamesWirtschaft-Prognose
Den Bayern ist grundsätzlich alles zuzutrauen – eine „Gamescom Munich“ an der Isar wäre fraglos ein Coup, zumal die Rahmenbedingungen kaum besser sein könnten. Hotellerie und Messekalender würden eine Großveranstaltung im Spätsommer/Frühherbst im Vorfeld des Oktoberfests durchaus vertragen, da alle anderen Mega-Messen im Frühjahr stattfinden. Besucher aus Österreich und der Schweiz profitieren von kurzen Anfahrtswegen. Aber: Die Hallenflächen lassen kein Wachstum bei Aussteller- und Besucherzahlen zu.

Welche Stadt "kann" Gamescom? In Deutschland gibt es neben Köln nur vier weitere Messe-Standorte mit mehr als 200.000 Quadratmetern Fläche (Stand: September 2018)
Welche Stadt „kann“ Gamescom? In Deutschland gibt es neben Köln nur vier weitere Messe-Standorte mit mehr als 200.000 Quadratmetern Fläche (Stand: September 2018)

Düsseldorf: Die NRW-Lösung

Wenn die Wahl auf Düsseldorf fiele, wäre Nordrhein-Westfalen weiterhin Gastgeber der Gamescom. Der amtierende Ministerpräsident – derzeit Armin Laschet (CDU) – könnte zur Eröffnungsveranstaltung problemlos hinradeln.

Die Wachstums-Perspektiven sind allerdings bescheiden, denn Düsseldorf bietet nur 250.000 Quadratmeter Hallenfläche und gerade einmal 43.000 Quadratmeter Freifläche. Ähnlich wie in Köln wird daher auch in Düsseldorf kräftig investiert: Im kommenden Jahr eröffnet die von Grund auf neu gebaute Halle 1 samt monumentalem Eingangsbereich.

Mit der Merkur-Spiel-Arena (bislang: Esprit-Arena) existiert eine integrierte Multifunktionshalle mit über 50.000 Sitzplätzen, die sich ideal für Shows, Konzerte, Präsentationen, Konferenzen, eSport-Turniere und Ähnliches eignen würde – inklusive Innenraum beträgt die Kapazität sogar mehr als 65.000 Plätze. Bundesligist Fortuna Düsseldorf trägt dort die Heimspiele aus, 2011 fand hier der Eurovision Song Contest statt.

Die internationale Verkehrsanbindung – insbesondere via Flughafen – ist hervorragend: Der Düsseldorfer Flughafen befindet sich unmittelbar neben dem Messegelände und ist der drittgrößte in ganz Deutschland – mit dem vierfachen Passagiervolumen im Vergleich zu Köln/Bonn.

Im Unterschied zu Köln fällt die Düsseldorfer Spiele-Szene deutlich übersichtlicher aus: Unter anderem haben Ubisoft und die Ubisoft-Tochter Blue Byte ihren Sitz in der Landeshauptstadt. Die Mediadesign Hochschule bildet junge Spieledesigner und -entwickler aus.

GamesWirtschaft-Prognose
Zwar böte Düsseldorf (zu) wenig Potenzial für das künftige Wachstum der Gamescom, aber ansonsten gute bis sehr gute Voraussetzungen. Ziemlich einzigartig sind die konzeptionellen Spielräume durch die angrenzende Arena.

Köln: Et hätt noch emmer joot jejange

Wer auf Köln als künftigen Gamescom-Standort setzt, bekäme von Buchmachern vermutlich die miesesten Quoten. Denn die Dom-Stadt am Rhein bleibt Top-Favorit – schließlich hat man dort zehn Jahre lang unter Beweis gestellt, dass man eine solche Veranstaltung sehr ordentlich hinbekommt.

Anders als kolportiert, stößt das drittgrößte Messegelände des Landes noch lange nicht an die Grenzen, weil zum Beispiel die Halle 11 derzeit noch gar nicht genutzt wird – dort und andernorts stünden weitere 80.000 Quadratmeter zur Verfügung.

Theoretisch zumindest. Denn die doppelstöckigen Hallen 1 bis 5 sowie 10 und 11 sind mit fünf bis sechs Metern lichter Höhe nur halb so hoch wie die Haupt-Gamescom-Hallen 6, 7, 8 und 9 – und dadurch ungeeignet für die Aufbauten von Ubisoft, Activision Blizzard oder Electronic Arts. In manchen Ecken der weitläufigen, niedrigen Hallen 10.1 und 10.2 gleicht die Atmosphäre einem schlecht beleumundeten Parkhaus.

Entschärft wird die Lage erst mit Fertigstellung der ultramodernen Halle 1 Plus sowie der Multifunktionshalle CONFEX, die in kommenden Jahren gebaut werden. Auch die Parkplatz-Situation hat sich durch Neubauten spürbar gebessert, das Messegelände ist zudem sehr gut an den öffentlichen Personennahverkehr angebunden.

Bei den Hotelkapazitäten gibt es Luft nach oben, zumal die lokale Hotellerie bei den Messe-Tarifen die Schraube nach eigenen Angaben deutlich überdreht hat. Auch die KoelnMesse warnt vor Hotelbetten-Engpässen. Zunehmend weichen Besucher auf benachbarte Kommunen wie Leverkusen aus.

Die Flug-Anbindung für internationale Gäste ist gut, wenn auch nicht überragend: Viele Besucher landen in Frankfurt und gelangen dann via ICE in 60 Minuten zum Kölner Hauptbahnhof.

Was dem Gamescom-Gelände – noch – fehlt, ist eine Veranstaltungshalle mit hinreichend Kapazitäten für begleitende Shows und Turniere. Auch diesen Zustand soll die CONFEX-Halle lindern, was allerdings noch einige Jahre dauern wird.

Die benachbarte LANXESS Arena böte solche Voraussetzungen, ist aber im Gegensatz zu Düsseldorf nicht in das Messegelände integriert – die Veranstaltungsorte sind durch mehrspurige Straßen und Bahnlinien getrennt.

GamesWirtschaft-Prognose
Mer losse de Gamescom in Kölle: Wenn das Timing der Vorjahre ein Indiz ist, dann wird die Vertragsverlängerung um weitere fünf Jahre im Juni 2019, also im Vorfeld der Gamescom 2019, bekannt gegeben – womöglich geht es aber diesmal schneller und die beiden Vertragsparteien schaffen vorzeitig Planungssicherheit.

1 Kommentar

  1. Ich wünsche mir schon seit längerem den Umzug nach Frankfurt. Für mich spricht eigentlich alles für den Standort, zumal ich das Hauptproblem in Köln weniger in der Hallenkapazität als vor allem in der grenzwertig gefährlichen Besucherführung sehe und da hat Frankfurt die deutlich bessere Architektur. Von der leichteren Erreichbarkeit und Hotelkapazität mal abgesehen.

    Mit Wolfgang Marzin hätte man zudem gleich mal einen alten Bekannten als Messechef, der Erfahrung mit Games-Messen hat. 😉

    Wirkliche Chancen auf einen neuen Standort sehe ich aber auch nicht, dafür erscheint mir die Bande zwischen game und koelnmesse ein wenig zu straff und der Erweiterungswille in Köln zu offensichtlich. Schade, denn wenn man international Bedeutung erlangen will, ist Frankfurt als internationale Flughafenstadt ganz klar auf viel mehr ausländischen Landkarten zu sehen als Köln.

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