Start Politik Computerspiele-Förderung: Werden Startups vom Verkehrsministerium „vernichtet“?

Computerspiele-Förderung: Werden Startups vom Verkehrsministerium „vernichtet“?

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) koordiniert die Computerspiele-Förderung (Foto: Deutscher Bundestag / Achim Melde)
Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) koordiniert die Computerspiele-Förderung (Foto: Deutscher Bundestag / Achim Melde)

Ein Erfahrungsbericht aus erster Hand offenbart den Umgang des BMVI mit Startups und Gründern, die Anträge auf Computerspiele-Förderung stellen.

Update vom 3. August 2020: Das Verkehrsministerium will die Erfahrungen bei der Einführung der Computerspiele-Förderung in die zweite Phase einfließen lassen – alle Details.

Update vom 30. Juli 2020: Im Deutschen Bundestag wächst die Unzufriedenheit mit der schleppenden Einführung und Abwicklung der Games-Förderung. Jetzt will die Opposition den Druck auf Verkehrsminister Scheuer erhöhen.

Meldung vom 27. Juli 2020: Wie fühlt es sich für ein deutsches Spiele-Startup an, auf die mit viel Tamtam eingeführte Games-Förderung des Bundes zu vertrauen – und dann buchstäblich am ausgestreckten Arm zu verhungern?

Genau dies beschreibt ein ausführlicher Reddit-Beitrag, der überschrieben ist mit „Videospieleentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Oder: wie der Bund Startups vernichtet.“

Der Eintrag hat über das Wochenende bemerkenswerte Aufmerksamkeit auf sich gezogen und sich durch Tausende Reddit-typischer Empfehlungen („Upvotes“) und Hunderte Kommentare auf vordere Ränge in der deutschen Sektion vorgearbeitet.

Wer die Genese der bundesdeutschen Computerspiele-Förderung kennt, wird von den Schilderungen nicht übermäßig überrascht sein. Dennoch ist der Beitrag ungemein aufschlussreich, weil er die Innenansicht aus Gründer-Perspektive offenlegt: Der Unternehmer dokumentiert anonym, aber glaubhaft das Schicksal seines Förderantrags – vom Business-Plan über die Einreichung der Anträge beim Bundesverkehrsministerium (BMVI) bis hin zur Kernschmelze des Eigenkapitals.

Ergebnis: Anfragen seien wochenlang unbeantwortet geblieben, was wiederum zum Absprung von Investoren und Banken geführt habe. Anstelle eines Unternehmens mit sechs sozialversicherungspflichtigen Jobs sind nun drei Mitarbeiter auf Grundsicherung angewiesen.

Der Frust perlt aus jeder Pore des Beitrags: „Was das BMVI abzieht, das ist keine Förderung, das ist ein volkswirtschaftliches Verbrechen. Sie vernichten Startups.“

Als besonders hinderlich erweist sich eine unangenehme Eigenheit in der Statik von Fördermitteln: Demnach darf mit der Entwicklung nicht begonnen werden, solange keine Zusage vorliegt. Wer es dennoch tut, muss mit einer Anzeige wegen Subventionsbetrugs rechnen. Erst nach massivem Druck der Opposition und im Lichte der Corona-Pandemie hat das Ministerium im März zugestanden, dass ein „förderunschädlicher vorzeitiger Maßnahmenbeginn“ möglich ist – allerdings auf eigenes Risiko. Wird der Förderantrag nämlich wider Erwarten abgelehnt, steht das Studio in der Regel vor dem Aus. 15 Antragsteller haben sich bislang auf dieses Wagnis eingelassen.

Der Reddit-Eintrag liefert einen weiteren Beleg für die Erkenntnis, dass sowohl das Bundesverkehrsministerium als auch der beauftragte Dienstleister mit der zeitnahen Bearbeitung der Unterlagen überfordert sind – und zwar nicht erst seit den Covid-19-Einschränkungen, sondern bereits während der zweiten Jahreshälfte 2019. Bis August vorigen Jahres konnten Anträge für Zuschüsse von maximal 200.000 Euro eingereicht werden.

Aus 380 eingereichten „Ideen“ wurden 180 formelle Anträge – etwas mehr als 100 Projekte befinden sich derzeit in der praktischen Umsetzung, 76 davon listet das Verkehrsministerium auf der Website.

In Summe wurden bislang weniger als 10 Mio. Euro jenes 50-Mio.-Euro-Topfes ausgeschüttet, der für 2019 zur Verfügung stand. Weitere 50 Mio. Euro pro Jahr sind bis 2023 eingeplant. Allerdings gibt es bis heute keinerlei Informationen zur Ausgestaltung jener Großprojekt-Subventionen, obgleich die EU-Genehmigung bereits seit einem halben Jahr vorliegt. Sowohl deutschen Studios als auch internationalen Publishern fehlt somit weiterhin jegliche Planungssicherheit mit Blick auf Rahmenbedingungen und Fristen. Ob bis Silvester noch Zuschüsse aus dem diesjährigen Videospiele-Etat ausgezahlt werden, ist völlig offen.

Der zuständige Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte die Richtlinie ursprünglich für das Frühjahr 2020 angekündigt, mutmaßlich im Umfeld des Deutschen Computerspielpreises. Aus Berlin ist zu hören, dass sich Scheuer den öffentlichkeitswirksamen Startschuss dieser wichtigen zweiten Phase nun für Ende August vorgenommen hat – am 28. August eröffnet er die rein digitale Gamescom 2020.


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