Start Meinung Deutscher Computerspielpreis 2020: Wenn die große Bühne fehlt

Deutscher Computerspielpreis 2020: Wenn die große Bühne fehlt

Führten gut gelaunt durch den zweieinhalbstündigen Livestream: die Computerspielpreis-Moderatoren Barabara Schöneberger und Nino Kerl (Foto: Franziska Krug / Getty Images für Quinke Networks)
Führten gut gelaunt durch den zweieinhalbstündigen Livestream: die Computerspielpreis-Moderatoren Barabara Schöneberger und Nino Kerl (Foto: Franziska Krug / Getty Images für Quinke Networks)

Der Computerspielpreis 2020 wurde zum Geisterspiel – ohne Publikum, aber mit viel guter Laune. Der Kommentar von Chefredakteurin Petra Fröhlich.

Möglicherweise haben wir am gestrigen Montagabend den allerersten Computerspielpreis in seiner nunmehr zwölfjährigen Geschichte erlebt.

Denn zur DNA dieses Formats gehört normalerweise, dass Politiker den Roten Teppich und die Bühne kapern, um in erster Linie Eigen-PR zu betreiben – die Klingbeils, die Bärs, die Scheuers, die Eskens, die Kruses, die Dobrindts, die Söders. Auf den Abschlussfotos sieht man Minister und Abgeordnete an vorderster Front, die Preisträger dienen bestenfalls als Komparsen und verschwinden förmlich hinter voluminösen Blumensträußen und Star-Wars-Cosplayern.

Das war veranstalterseitig zumindest nicht ungewollt, denn gemeinhin wird gnadenlos unterschätzt, wie sehr solche Blitzlicht-Veranstaltungen dazu beitragen und überhaupt erst ermöglichen, dass die Bremsen bei staatlichen Fördergeldern gelöst werden.

Anders beim Computerspielpreis 2020: kein Roter Teppich, kein Blitzlicht, wenig Glamour, keine C- und D-Promis, die Scheinwerfer umschwirren wie Motten das Licht. Stattdessen: muckelige Wohnzimmer-Studio-Atmosphäre mit einem bestens aufgelegten Moderatoren-Duo Schöneberger / Kerl, das live via YouTube und Website sendete.

Ganz ohne Politik ging es freilich auch in diesem Jahr nicht: Verkehrsminister Scheuer und die Digitalministerinnen Gerlach (Bayern) und Bär (Deutschland) beschränkten sich im Wesentlichen aufs Aufsagen ihrer Laudationen, die vorab aufgezeichnet wurden. Alle drei vermieden es dankenswerterweise, in minutenlange Monologe einzusteigen. Soviel Zurückhaltung ist bei Veranstaltungen dieser Art un- und außergewöhnlich, zumal Bund und Land – soviel Ehrlichkeit gehört dazu – sowohl die Preisverleihung als auch die Preisgelder finanzieren.

Der als Hauptredner angekündigte bayerische Ministerpräsident Söder fehlte übrigens unentschuldigt. Vermutet werden darf eine terminliche Kollision mit ungleich wichtigeren Aufgaben, etwa der Kampf gegen eine globale Pandemie.

Ubisoft Blue Byte holt mit "Anno 1800" die Computerspielpreise 6 und 7 (Stand: 28.4.2020)
Ubisoft Blue Byte holt mit „Anno 1800“ die Computerspielpreise 6 und 7 (Stand: 28.4.2020)

Diese Gemengelage führte dazu, dass es zum ersten Mal beim amtlichen Deutschen Computerspielpreis – notgedrungen – tatsächlich vor allem um Computerspiele und deren Macher ging. Das zeigte sich zum Beispiel an Einspielern, die den Zuschauer hinter die Kulissen der Studios mitnahmen. Oder daran, dass diesmal auch die Nominierten per Webcam aus dem Home-Office zugeschaltet waren. Oder an neuen Kategorien wie dem „Spieler des Jahres“ oder dem „Studio des Jahres“.

Die Grundlagen für diese überfällige Konzeptänderung wurden lange vor Corona gelegt, genauer gesagt: zwei Minuten nach der schlimmen DCP-2019-Verleihung. Corona wirkte dann zusätzlich wie eine Art Brandbeschleuniger und Brustlöser in einem: Binnen weniger Wochen musste aus einer eigentlich geplanten Großveranstaltung mit 700 Gästen, Buffet und After-Show-Party ein reines Online-Format gebastelt werden.

Mit verblüffender Wirkung. Denn wer die Reaktionen in Chat-Kanälen und auf Social-Media-Kanälen verfolgte, ahnte schnell: Zur Street Credibility – auch und gerade bei den Spielern – hat die diesjährige Verleihung enorm viel beigetragen. Was auch daran lag, dass das Qualitäts-Level der nominierten und ausgezeichneten Spiele nach einem schwachen 2019-Jahrgang wieder messbar zulegte.

Aber: Am Ende war der Deutsche Computerspielpreis 2020 eben ’nur‘ ein zweieinhalbstündiger, ausgesprochen kurzweiliger, straff getakteter, professionell produzierter Livestream, der mutmaßlich nur in Branche und Community hineinstrahlt, aber nicht sehr weit darüber hinaus. Und er bildet auch weiterhin nur einen winzig kleinen Teil der Lebenswirklichkeit in der deutschen Games-Branche ab, die 9 von 10 Euro mit Online-Games und Free2Play-Apps verdient – ein Handwerk, das beim DCP traditionell unberücksichtigt bleibt.

Schöneberger hat jedenfalls Recht: Im nächsten Jahr wär’s ganz schön, wenn der Computerspielpreis wieder eine große Bühne bekommt. Die spürbaren Reformen dieses Jahres – etwa die Einbindung von Social-Media-Reaktionen – dürfen gerne beibehalten werden.

PS: Schon jetzt ganz herzlichen Glückwunsch an CD Projekt Red zum mehr als verdienten Publikumspreis für „Cyberpunk 2077“ beim Deutschen Computerspielpreis 2021.

Alle Preisträger und Nominierten sowie viele Hintergrund-Informationen finden Sie in diesem Beitrag.

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