Start Meinung Fröhlich am Freitag 37/2019: Die Getriebenen der Autobranche

Fröhlich am Freitag 37/2019: Die Getriebenen der Autobranche

Die IAA 2019 in Frankfurt ist noch bis zum 22. September für das Publikum geöffnet (Foto: Messe Frankfurt / Boris Loeffert)

Und plötzlich gilt die Gamescom als cooles role model, wie sich die angeschossene Automobil-Messe in Frankfurt retten ließe: Welches Signal von der IAA 2019 ausgeht.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

eigentlich sollte man ja annehmen, die Internationale Automobil-Ausstellung sei so etwas, was man einen „Selbstläufer“ nennt. Anfang der 2000er Jahre lag die IAA-Besucherzahl zwar schon mal bei einer knappen Million – 2017 kamen immerhin noch mehr als 800.000 Besucher auf das Frankfurter Messegelände, also mehr als das Doppelte einer Gamescom.

Was jeden Messebauer freut: Die Autobranche gilt gemeinhin als Klotzen-statt-Kleckern-Industrie, deren Marketing-Vorständen es im Zweifel egal ist, ob für einen Miet-Garderobenständer 32 oder 52 Euro netto in Rechnung gestellt werden.

Um die Zuneigung der Politik muss sich der ausrichtende Automobilverband VDA erst recht nicht sorgen: In den Terminkalendern von Kanzlerinnen und Kanzlern ist die zweijährliche IAA PKW per default durchgebucht. Die Messe gilt als ebenso gesetzt wie die Neujahrsansprache oder der Empfang von Sternsingern und Karnevalisten.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Tatsächlich ringt die IAA um ihre Existenz. Als Wendepunkt kann die IAA 2015 gelten: Im Vorfeld jener Messe flog Volkswagen mit manipulierten Diesel-Aggregaten auf. Seitdem ist die Verunsicherung mit Händen zu greifen. Gebeutelt von SUV-, Klima- und Feinstaub-Debatten fragen sich Kunden, Beschäftigte und Politik, ob „Vorsprung durch Technik“ und „Freude am Fahren“ eigentlich noch Kernkompetenzen der wichtigsten deutschen Industrie sind.

Die Tiefausläufer dieser Entwicklung sind heuer in Frankfurt zu besichtigen – drei Beispiele:

  • Weltmarktführer wie Mercedes oder BMW haben Flächen und Budgets drastisch zurückgefahren, um jeweils ein Drittel. Die Zahl der IAA-Aussteller ist um fast 20 Prozent gesunken. Etliche Marken sind erst gar nicht in Frankfurt dabei, allen voran Toyota. Zur Einordnung: Das ist in etwa so, als würde sich Blizzard Entertainment dazu entscheiden, der Gamescom fernzublei … oh.
  • Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann – gleichzeitig Aufsichtsrats-Chef der Frankfurter Messe – stellt das Manuskript einer branchenkritischen Rede ins Netz, die er nicht halten durfte. Und vermittelt so den Eindruck, sein Auftritt sei just deshalb von der Rednerliste der Eröffnung gestrichen worden. Der Automobilverband argumentiert mit zeitlichen Engpässen.
  • Wenige Stunden, nachdem er die Kanzlerin über das Gelände eskortiert hatte, schmiss VDA-Chef Bernhard Mattes hin. Die Autobosse hatten ihren Chef-Lobbyisten schon zuvor angezählt. Der Vorwurf: zu nett, zu leise. Auch hier: Der Außeneindruck ist verheerend – Messegesellschaft, Verband und Branche wirken getrieben.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung prognostiziert, dass die Messegesellschaft maximal „noch einen Schuss frei“ hat. Ansonsten droht der IAA das Schicksal der jahrzehntelang unangefochtenen CeBIT.

Die Gamescom 2018 war im Jahr 2018 die zweitgrößte Messe in Deutschland (Stand: 3. Januar 2019)
Die Gamescom 2018 war im Jahr 2018 die zweitgrößte Messe in Deutschland (Stand: 3. Januar 2019)

Die IAA 2019 lehrt aus meiner Sicht zweierlei:

Erstens: Wenn ein Gewerbe so sehr mit sich selbst beschäftigt ist wie die Auto-Industrie, kann sich jede Branche glücklich schätzen, die möglichst großen Abstand halten kann – zum Beispiel mit Blick auf das zuständige Ministerium. Leider ist das Gegenteil der Fall.

Zweitens: Messen – so traditionsreich und etabliert sie auch sein mögen – sind alles, nur keine Selbstläufer. Ihre Durch- und Fortführung sowie Weiterentwicklung ist hohe Kunst. Pikant: Der Vertrag für die IAA 2021 aufwärts ist noch nicht unterschrieben – alternative Standorte wie Köln werden genannt. Neidvoll verweisen Aussteller auf die Gamescom, die all das hat, was die IAA nicht hat, nämlich eine Idee und vor allem: junges Publikum. Sollte Frankfurt jemals als Standort-Alternative ernsthaft im Gespräch gewesen sein – die IAA 2019 ist alles andere als ein Bewerbungsschreiben.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Alle Folgen der Kolumnen-Reihe „Fröhlich am Freitag“ finden Sie in der Rubrik „Meinung“.

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