Start Meinung GTA 6-Release: Wer kann, weicht aus (Fröhlich am Freitag)

GTA 6-Release: Wer kann, weicht aus (Fröhlich am Freitag)

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Der Rockstar-Brummi blockiert die Spur - wer kann, prescht noch rechtzeitig vorbei und setzt sich vor GTA 6.
Der Rockstar-Brummi blockiert die Spur - wer kann, prescht noch rechtzeitig vorbei und setzt sich vor GTA 6.

Wer kann, gibt Gas und mogelt sich an GTA 6 vorbei: Kaum ein Publisher wagt es, im November ein Videospiel ins Rennen zu schicken.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrter GamesWirtschaft-Leserin,

zu einer Zeit, als es der DFB noch für eine richtig knorke Idee hielt, dass die Nationalmannschaft offizielle Songs zu Fußball-Großereignissen beisteuert, schallmeite es anlässlich der WM in Italien 1990: „Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf. Wir sind schon auf dem Brenner, ja da kommt Freude auf.“

Udo Jürgens hatte den Song komponiert und performte gemeinsam mit den Background-Chorknaben Matthäus, Klinsmann, Völler, Illgner & Co.

Mindestens genauso wenig Freude kam am vergangenen Wochenende auf, als sich die Bewohner des malerischen Wipptals das Recht erstritten hatten, um auf der Fahrbahn eine Demo gegen die ungebremste Lärm- und Feinstaubbelastung abzuhalten – und zwar an einem Samstag inmitten des Pfingst-Reiseverkehrs.

Wer nach Südtirol oder zum Gardasee wollte, musste demzufolge umdisponieren: einen Tag früher los, einen Tag später zurück. Oder halt gleich eine komplett andere Route. Das befürchtete Verkehrs-Chaos blieb aus, weil sich Urlauber und Speditionen auf die Gemengelage eingestellt hatten – und den Brenner samt der abgeriegelten Nebenstraßen weiträumig umfuhren. Ausweichmanöver waren zwar prinzipiell möglich, erforderten aber präzise Planung, um über Umwege ans Ziel zu kommen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Die Mit-Ansage-Vollsperrung kam mir in dieser Woche in den Sinn, als ich die Videospiel-Release-Pläne der kommenden Monate aktualisierte. Und derzeit gibt es viel zu aktualisieren. Denn es ist Showcase-Saison: Sony PlayStation machte am Dienstag den Anfang, heute Abend um 23 Uhr deutscher Zeit steigt das Haupt-Event des Summer Game Fest und am Sonntag ab 19 Uhr hält Microsoft Xbox Hof.

Showcase heißt: Ein schnell geschnittener Trailer reiht sich an an einen schnell geschnittenen Trailer, gefolgt von einem weiteren schnell geschnittenen Trailer. Mit ganz viel Glück gibt es zwischendurch auch mal inhaltliche Substanz in Form von durchgängigen Spielszenen, die zumindest einen groben Eindruck von Mechanik und optischer Qualität vermitteln.

Im Netz wurden alsbald erste Trinkspiele ausgerufen für jedes weitere Spiel, das im September oder allerspätestens Ende Oktober erscheint. Denn die angekündigten Titel für die zweite Jahreshälfte ballen sich fast vollständig in einem dieser beiden Monate. Was es nicht mehr vor Weihnachten schafft, wandert direkt ins neue Jahr – wie im Falle des neuen Lara-Croft-Abenteuers.

Der November wird hingegen großräumig umfahren. Prominentestes Beispiel: Call of Duty geht alle Jahre wieder in einem vergleichsweise engen Fenster zwischen Ende Oktober und Mitte November auf den Planeten nieder – im vergangenen Jahr etwa am 14. November, zwei Jahre zuvor am 10. November. Jetzt schickt Activision das neue Modern Warfare 4 bereits am 23. Oktober ins Rennen.

Offensichtlicher Grund: Grand Theft Auto 6. Rockstar Games saugt rund um den kolportierten Release am 19. November den kompletten Sauerstoff aus dem Markt und hinterlässt ein Vakuum, das anderen Blockbustern kaum Luft zum Atem lässt.

Dass Mitbewerber den November erkennbar meiden wie der Teufel das Weihwasser, hat weniger mit ‚Angst‘ vor dem Schwertransporter zu tun und auch nicht mit mangelndem Zutrauen ins eigene Produkt. Sondern vielmehr mit kaufmännischer Vernunft, damit die eingesetzten Marketing-Millionen nicht sinnlos verpuffen.

Heißt aber auch umgekehrt: Wer als Studio nicht unmittelbar im selben oder in verwandten Genres unterwegs ist wie GTA 6, sondern beispielsweise ein Adventure oder ein Strategiespiel oder ein Jump & Run baut, der kann natürlich gezielt das überschaubare Risiko eingehen und trotzdem (oder gerade deswegen) im November releasen – zumal das Spiel ja ohnehin vorerst nur für Konsole erscheint.

Schließlich empfindet längst nicht jeder Gamer Freude dabei, sich von den Cops durch die Gassen von Vice City jagen zu lassen – jenem fiktiven Ort, der dem WM-Spielort Miami nachempfunden ist, wo am 15. Juni erstmals gekickt wird.

Die Tradition des eingangs beschriebenen Nationalmannschaft-Rudelsingens endete übrigens 1994 mit dem Song Far Away in America: Zu Recht vergessen ist der Auftritt der YMCA-Combo Village People in „Wetten dass…?“, wo honorige Weltmeister zuverlässig daran scheiterten, beim rhythmischen Einklatschen den 4/4-Takt der Partyschlager-Nummer sauber zu treffen (Triggerwarnung: Video).

Im Viertelfinale war seinerzeit Schluss gegen auftrumpfende Bulgaren, die von den Deutschen in einem Anflug von Überheblichkeit grob unterschätzt worden waren, wie eine sehr sehenswerte ARD-Doku (Elf Helden – ein Albtraum) nachzeichnet.

Was zeigt: An guten Tagen und mit viel Disziplin und noch mehr Willen sind selbst die vermeintlich ‚Großen‘ schlagbar.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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