
Gerade die Treuesten unter den treuen Kunden sind sauer, dass Sony die Disc-Ära einseitig für beendet erklärt. Der PlayStation-Konzern setzt auf die Devise: Augen zu und durch.
Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirschaft-Leserin,
am vergangenen Wochenende hat das Patenkind erfolgreich die Volljährigkeit freigeschaltet (yeah!) und ist angemessen eskaliert – so richtig mit mehrstöckiger Torte, Schaumwein, Girlanden, einem Berg Schnitzel und allem Pipapo. Der wundervolle Sommerabend hätte mit einem wundervollen WM-Achtelfinale der Nagelsmann-Truppe enden können, aber … naja.
Die zurecht sehr stolzen Eltern hatten in weiser Voraussicht Zeitungen vom Tag der Geburt aufbewahrt, also aus dem Juli 2008. Zur allgemeinen Verblüffung waren die Themen vor 18 Jahren kaum andere als heute: Rekord-Spritpreise an den Tankstellen, galoppierende Inflation, Wehrpflicht, Atom-Streit zwischen Iran und USA. Beim Durchblättern ließ sich stellenweise nur an Fotos und Namen der Politiker (Obama, Merkel, Sarkozy) erkennen, dass wir nicht von 2026 sprechen.
Brutal gewandelt hat sich indes der Markt für Unterhaltungselektronik, wie sich am beigelegten, überdimensionalen, knallroten Prospekt von MediaMarkt ablesen ließ – jenes Unternehmen, das damals noch ungleich krawalliger unterwegs war als heute. Einst wurden Olli Pocher und Mario Barth gebucht – heute Jürgen Klopp und Tim Raue. Früher ‚Ich bin doch nicht blöd‚ – heute: ‚Let’s go!‘.

Unter den feilgebotenen Produkten fanden sich Sternenzerstörer-große Digital-Spiegelreflex-Kameras, Full-HD-Flachbildfernseher, digitale Bilderrahmen (!), dazu Games-Neuheiten für die noch recht jungen Spielkonsolen Nintendo Wii, Xbox 360 und PlayStation 3 und vor allem: seitenweise Tasten-Handys. Das iPhone war erst wenige Monate auf dem Markt – und es spricht viel dafür, dass die Stimmung in den Chefetagen von Nokia, Motorola, Ericsson und Siemens zu diesem Zeitpunkt noch ähnlich ausgelassen war wie zehn Jahre später bei Volkswagen mit Blick auf Zulassungszahlen und Bewertung der Akku-Schrauber aus Palo Alto.
Die Prospekt-Sichtung sorgte für ungläubiges Staunen bei den Gästen. Die anwesenden Nach-2010-Geborenen konnten kaum fassen, dass Apple allen Ernstes 99 Cent pro Song in Rechnung stellte. Oder dass Navis jemals separat verkauft wurden. Überhaupt ertappte man sich bei vielen Produkten bei dem Gedanken, dass daraus eine stumpfe App geworden ist – Fotoapparat, Camcorder, MP3-Player, Radio.
2008 war auch das Jahr, in dem sich der ‚Formatkrieg‘ entschied: Microsoft hatte bei der Xbox 360 auf die DVD gesetzt und bot optional ein HD-DVD-Laufwerk an – Sony verbaute in der PlayStation 3 bereits seit 2006 erstmals einen Blu-Ray-Disc-Player. Früher als erwartet setzte sich die Blu-Ray als DVD-Nachfolgeformat durch, nachdem die Unterstützung der HD-DVD immer mehr bröckelte – zunächst in Asien, Hollywood machte dann den Deckel drauf.
Doch nach mehr als zwei Jahrzehnten wird auch die überaus erfolgreiche Blu-Ray-Ära perspektivisch enden – und zwar ebenfalls schneller, als Vielen lieb ist. Sony hat in der vergangenen Woche ein konkretes Haltbarkeitsdatum hinterlegt: Spätestens ab dem 31. Dezember 2027 – in der Praxis schon deutlich früher – werden PlayStation-Spiele nicht länger auf Datenträger gepresst.
Auch zehn Tage später ist der Groll der Zielgruppe nicht verraucht, ganz im Gegenteil.
Am Mittwoch hat es Sony erstmals wieder gewagt, nach einwöchiger Cool-down-Phase die hauseigenen Social-Media-Kanäle zu bespielen. Die Resonanz: verheerend. Kein Shitstorm, eher ein Tsunami. Die Anzahl der Kommentare liegt fast durchweg im fünfstelligen Bereich. Auf X gibt es kaum ein Posting ohne ‚Kontext-Hinweis‘, der vor der Einschränkung von Verbraucher-Rechten warnt.
Sony dringt nicht mal mehr ansatzweise mit den Botschaften durch – und in der Zentrale wird man im Rückblick drei Kreuze machen, sich vor Monaten gegen einen Gamescom-Auftritt entschieden zu haben. Digital statt physisch – an dieser Stelle bleibt der PlayStation-Konzern konsequent.
Mindestens Analysten sind sich in der Bewertung einig, dass das Disc-Aus nicht wieder einkassiert wird, allen Protesten und Petitionen zum Trotz – Motto: Augen zu und durch. Zumal sich Sony-Werke, Handel und Hersteller von PS5-Games längst auf die Zeitenwende eingestellt haben. Vor diesem Hintergrund mag man auch nicht mehr an einen schrägen Zufall glauben, dass wenige Tage zuvor Rockstar Games vorgeprescht ist: GTA 6 wird nicht auf Datenträger ausgeliefert – stattdessen gibt es einen Code in a box.
Jene, die an eine Ausnahme glaubten, mussten nur eine Woche später feststellen: Das Download-Modell ist demnächst der neue Industrie-Standard – mit mannigfaltigen Folgen, auch für den Einzelhandel. Wer in den letzten fünf Jahren jemals einen Elektronikmarkt von innen gesehen hat, ahnt: Die ohnehin traurigen ‚Multimedia‘-Abteilungen werden noch weiter zusammendampfen. Dabei waren Konsolen-Spiele über Jahrzehnte der Frequenzbringer für MediaMarkt, Saturn, GameStop, Karstadt & Co. – ursprünglich mit Modul und Diskette, später mit CD und DVD. Die Blu-Ray macht das Licht aus.
Für Freunde verleih-, verschenk-, veräußerbarer Datenträger ist der Sony-Weg ein Schlag ins Kontor, keine Frage. Und die herzlose Deal-with-it-Kommunikation macht es nicht besser.
Zumindest nicht ausgeschlossen ist aber auch, dass sich Videospiele auf Discs für Nach-2010-Geborene schon jetzt anfühlen wie 99-Cent-Songs.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
PS: Ganz herzlichen Dank für die vielen Nachrichten und freundlichen Worte zum 10jährigen GamesWirtschaft-Jubiläum!
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