Start Meinung Und plötzlich spricht Prien über Roblox-Gaskammern (Kommentar)

Und plötzlich spricht Prien über Roblox-Gaskammern (Kommentar)

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Karin Prien (CDU), Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, beim Sommerfest des Branchenverbands Game am 9. Juni 2026 in Berlin.
Karin Prien (CDU), Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, beim Sommerfest des Branchenverbands Game am 9. Juni 2026 in Berlin.

Gefangen im eigenen Vorurteil: CDU-Familienministerin Karin Prien irritierte mit angestrengtem Raunen beim Sommerfest des Branchenverbands.

Ein Kommentar von Petra Fröhlich

Bei Anlässen wie dem amtlichen Computerspielpreis gibt es die schöne Tradition des GamesWirtschaft-Bingo-Scheins, der die Floskel-Quote von Laudationen und Grußreden sichtbar macht. Zu den Klassikern gehört zum Beispiel die sehr bahnbrechende Erkenntnis, dass Games „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen sind – Check.

Auch für das alljährliche Branchenverbands-Sommerfest, das stets von einem Ehrengast aus dem politischen Berlin eröffnet wird, böte sich theoretisch so ein Bingo-Schein an. Einschränkend: Für das Stichwort ‚Gaskammer‘ hätte meine Fantasie in diesem Jahr nicht gereicht.

Denn irgendjemand im Team von Bundesfamilienministerin Karin Prien muss es für eine fantastische Idee gehalten haben, just diesen Begriff im Rede-Manuskript für den gestrigen lauen Biergarten-Abend unterzubringen. Leider hielt die CDU-Politikerin sklavisch daran fest – physisch und inhaltlich.

Und das kam so: Nachdem Prien die 550 geladenen Gäste mit den Verbands-eigenen Mitte-der-Gesellschaft-Statistiken konfrontiert hatte (zuständiger Fachbegriff: Preaching to the Choir), nahm sie erwartbar die Ausfahrt in Richtung Risiken und Nebenwirkungen. Schon im Nachgang zu ihrem Gamescom-2025-Besuch hatte die Ministerin auf eigenen Kanälen vor Suchtgefahren, Kostenfallen und der „Verbreitung von extremistischen Inhalten“ gewarnt.

Alles wichtig, alles legitim. Schließlich ist Prien qua Amt für den Kinder- und Jugendschutz im Land zuständig. Wer, wenn nicht sie, muss mahnen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Und ja, das gilt explizit für den Abenteuerspielplatz Roblox. Eine Plattform, die ungeachtet der nachgeschärften Ab-16-Altersfreigabe gerade bei sehr jungen Nutzern absurd populär ist – und die ihrer damit einhergehenden Verantwortung seit ungefähr immer nicht nachkommt. Die Stiftung Warentest hält Datenschutz, Inhalte, Chats und Kaufdruck für „inakzeptabel“. Erst durch sanften Druck von Verbraucherschutz, Medien und Politik kam zuletzt Bewegung rein.

Natürlich darf man in Frage stellen, ob Tech-Konzerne mit zweistelligem Milliarden-Dollar-Market-Cap genug dafür tun, um problematische Inhalte zu erkennen und wirkungsvoll zu unterbinden – etwa Referenzen zu NS-Verbrechern oder eben KZ-Nachbauten. Die Zeit beschrieb Roblox schon vor drei Jahren als „das Kinderspiel mit Nazicontent“.

Was allerdings nicht geht (also: gar nicht): dass eine ganze Branche für vermeintlich unterlassene Hilfeleistungen in moralische Mithaftung genommen wird. Als würde man LEGO dafür geißeln, dass sich mit den Klemmbausteinen theoretisch auch Hakenkreuze formen lassen. Oder halt mit Minecraft.

Das Auditorium endgültig verloren hat Prien mit weiteren wirren Andeutungen – irgendwas mit Terroristen und Attentaten und schließlich der Verweis auf „Halle“. Gemeint ist der Anschlag auf eine Synagoge im Jahr 2019, der den damaligen Innenminister Horst Seehofer zu der faktenfrei vorgetragenen These verleitet hatte, dass „viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern aus der Gamer-Szene“ kämen – die man deshalb „stärker in den Blick nehmen“ müsse.

Wenn selbst Söder (!) und Scheuer (!!) widersprechen, weißt du als CSU-Politiker einfach, dass du auf der komplett falschen Spur unterwegs bist. Partei-Vize Dorothee Bär rügte intern, man dürfe „nicht mit dem Arsch einreißen“, was man jahrelang aufgebaut habe.

Denn plötzlich war sie wieder da, die Killerspiel-Diskussion der 2000er. Und auch mancher Sommerfest-Gast fühlte sich entlang von Priens Rede auf einen Schlag 20 bis 30 Jahre jünger – als würde Wonderwall im Radio laufen. Fehlte nur noch ‚Erfurt‘ und ‚Winnenden‘.

Priens angestrengtes Raunen über Roblox-Gaskammern und rechtsextreme Blindgänger mit Games-Hintergrund war das Gesprächsthema im Zollpackhof. Kaum jemand, der sich nicht persönlich getriggert fühlte – egal ob Startup-Gründer oder Veteran. Was auch damit zu tun hat, dass gerade das Computerspiele-Gewerbe in Deutschland in Anspruch nimmt, auf der richtigen Seite zu stehen – Diversity, Klima, you name it. Für den Hinweis des wiedergewählten Game-Vorstands-Chefs Lars Janssen, dass man mit Demokratiefeinden im Allgemeinen und der AfD im Besonderen keinerlei Schnittmengen sehe, gab es zuvor frenetischen Applaus.

Erst recht mit Blick auf die Ausweitung von Anti-Rassismus-Förderprogrammen bleibt es daher ein Rätsel, warum Prien ausgerechnet das Sommerfest eines Lobbyverbands nutzt, um die gastgebende Industrie auf mindestens missverständliche Weise zu dissen. Auf solche Ideen kommen sonst nur amtierende Bundeskanzler auf Gewerkschafts-Kongressen.

Immerhin: Janssen und Game-Geschäftsführer Falk widerstanden tapfer dem Impuls, Priens Irrlichtern auf offener Bühne einzuordnen – anders als 2023, als FDP-Finanzminister Christian Lindner von der Sommerfest-Kanzel dozierte, die super-erfolgreiche Videospiel-Branche sei doch pfiffig und innovativ genug, um ohne  Subventionen klar zu kommen.

Wie man einen Saal liest, zeigte zu vorgerückter Stunde der Late-to-the-Party-Spontanbesuch von Forschungs- und Games-Ministerin Bär: Noch während sich Unions-Kollegin Prien an den Spielstationen mit Info-Material eindeckte, wurde der Überraschungsgast mit Ovationen empfangen.

Wie schon Wilhelm Busch formulierte: Der Onkel, der das Geld mitbringt, ist beliebter als die Tante, die Klavier spielt – und sich noch dazu im Ton vergreift.

Dabei ist es ist durchaus statthaft und auch dringend geboten, der Branche harte Realitäten zuzumuten. Doch was „Ehrengast“ Karin Prien am gestrigen Abend abgeliefert hat, war über weite Strecken eine Zumutung, die lange nachhallen wird. Games mögen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein – für die Politik gilt das nicht uneingeschränkt.

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