Start Meinung Ubisoft: Viel risk – wenig fun (Fröhlich am Freitag)

Ubisoft: Viel risk – wenig fun (Fröhlich am Freitag)

Ubisoft-Gründer und -CEO Yves Guillemot bei einer Präsentation
Ubisoft-Gründer und -CEO Yves Guillemot bei einer Präsentation

Die Krise bei Ubisoft zeigt wie unter einem Brennglas, in welche Richtung sich die Games-Industrie bewegt. Das hat auch Auswirkungen auf Deutschland.

Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,

man darf annehmen, dass er es gar nicht so gemeint hat, wie es in seiner Brand-Mail an die Belegschaft klingt. Nach allem, was man aus dem Umfeld hört, ist Yves Guillemot nämlich ein ganz umgänglicher und netter Typ – und einer von wenigen Top-Managern der Industrie, die einem größeren Publikum namentlich bekannt sind. Mit dem ihm eigenen Frenglisch wendet er sich regelmäßig per Video an die Kundschaft.

Doch die mutmaßlich als Tschakka!-Motivation gedachte Formulierung „The ball is in your court“ lässt sich eben auch mit „Jetzt zeigt mal, was ihr könnt …“ übersetzen und interpretieren. Und deshalb entlud sich beim Ubisoft-Gründer und -Vorstands-Chef in dieser Woche eine Menge Frust seitens seiner Angestellten, wie Teilnehmer des Meetings im Nachgang brühwarm an Medien durchsteckten.

Die Befürchtung: Das Personal an der Basis soll für strategische Fehlentscheidungen des Managements den Kopf hinhalten.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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In den Tagen zuvor musste Ubisoft einräumen, dass sich die Zahl der eingestellten Spiele-Projekte bei Europas größtem Computerspiele-Hersteller binnen eines halben Jahres auf 7 (in Worten: sieben) erhöht hat. Im Weihnachtsgeschäft stand Ubisoft ohne Blockbuster da – in der vorherigen Saison war der innovationsarme Ego-Shooter Far Cry 6 hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Das Piraten-Abenteuer Skull and Bones, an dem auch Ubisoft Berlin mitwirkt und im Mittelpunkt des Gamescom-Auftritts stand, sollte eigentlich am 9. März erscheinen – jetzt: irgendwann 2023. Vielleicht.

In der Folge ist der Ubisoft-Aktienkurs förmlich kollabiert: Minus 26 Prozent seit Jahresbeginn, minus 64 Prozent seit Anfang 2022.

Ubisoft hat derzeit einen Börsenwert von unter 2,5 Milliarden Euro. Das ist nicht nichts, aber nahe dran – zumindest für potenzielle Schnäppchenjäger. Es ist zum Beispiel viel weniger, als Sony Interactive für das Ein-Produkt-Studio Bungie gezahlt hat. Oder ein Drittel dessen, was Microsoft in Bethesda (Doom, Fallout, Starfield) investiert hat. Selbst der ungleich kleinere Publisher CD Projekt (Cyberpunk 2077, The Witcher) ist an der Warschauer Börse höher bewertet.

Kein Wunder, dass Kleinanleger und Großaktionäre wie Tencent nervös werden. Die Gebrüder Guillemot müssen dringend punkten. Doch dazu soll zunächst die Produktivität rauf und der Kostenblock runter, denn der Spiele-Riese wird im laufenden Geschäftsjahr einen Verlust von einer halben Milliarde Euro einfahren – bei einem Umsatz von roundabout 2 Milliarden Euro.

Außerdem steht die nächste Umstrukturierung an – erfahrungsgemäß eine mäßig schlecht getarnte Chiffre für Stellenabbau, wie er derzeit bei Microsoft, Meta (Facebook, Instagram), Google oder Riot Games stattfindet. Gehaltserhöhungen und eine 4-Tage-Woche, wie sie Frankreichs Gewerkschaften von Ubisoft energisch einfordern, rücken in weite Ferne. Au contraire: Ubisoft will vielmehr Unternehmensteile abstoßen, die nicht zum Kerngeschäft zählen. Details blieben offen.

Das konjunkturelle Marktumfeld könnte kaum gruseliger sein, um kurzfristig das Steuer herumzureißen: Die Pandemie-Party mit milliardenschweren Sondereffekten ist vorbei – jetzt halten die Verbraucher ihr Geld zusammen. Das für die Videospiele-Industrie wichtige 4. Quartal ist sowohl in Europa als auch in den USA nicht gut gelaufen – mit zweistelligen Rückgängen gegenüber 2022. Doch die Ubisoft-Malaise lässt sich sicher nicht an ein, zwei medium gelaufenen Neuheiten wie Just Dance festmachen.

Was man dem Konzern jedenfalls nicht vorwerfen kann, ist fehlende Lust am Risiko. Die Firma ist ungefähr überall dabei, wo gerade mit Buzzwords jongliert wird. Künstliche Intelligenz? Check. Ein konzerneigener Abo-Dienst? Check. Virtual Reality? Check. Blockchain, Krypto, NFTs? Count me in. Battle Royale? Können wir. Cloud-Gaming? Aber hallo. E-Sport? Mega-Markt.

Leider hat Ubisoft unterwegs neben viel Erfahrung auch eine Menge Halb- und Total-Flops angesammelt – und umgekehrt die gegenläufigen Entwicklungen in der Spiele-Industrie aus dem Blick verloren. Das ist nicht meine Analyse, sondern jene von Guillemot, der explizit auf die enorme Bedeutung von „Mega-Brands“ und jahrelang laufende Online-Games verweist, die durch Ingame-Käufe kontinuierlich Erlöse erzielen.

Belege für diese These finden sich in den jüngst veröffentlichten Jahres-Charts, wo diesseits und jenseits des Atlantiks die üblichen Verdächtigen dominieren – FIFA, Call of Duty, Grand Theft Auto, NBA 2K, Apex Legends, Fortnite. In noch viel stärkerem Maße gilt dies für die Appstores.

So gesehen haben Ubisoft-Mitbewerber wie Electronic Arts, Activision-Blizzard oder Take-Two Vieles richtig gemacht, indem sie sich auf ganz wenige Marken und Lizenzen fokussieren – anstatt sich im Kleinklein zu verheddern. Dieser All-in-Fokus ist zwar nicht ohne Risiko und verhindert natürlich keine Fehlschläge (hallo Need for Speed Underground), aber er schafft Luft für Experimente und Investments in die Ideen externer Teams. Take-Two hat mit Private Division dafür eigens eine eigene … nun … Division gegründet.

Am Ende wird es also an den Action-Marken Assassin’s Creed, Far Cry und dem Tom Clancy-Portfolio (The Division, Rainbow Six) hängen, ob und wann und wie Ubisoft wieder durchstartet.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der französische Publisher allerdings erst mal durch ein Tal der Tränen waten, weil reine Fan-Service-Projekte wie das Prince of Persia-Remake von einem Studio zum anderen und von einem Jahr ins andere durchgeschleppt werden.

Die nun anstehenden Weichenstellungen haben auch enorme Bedeutung für den Games-Standort Deutschland, denn Ubisoft samt der Studio-Töchter in Düsseldorf, Mainz und Berlin ist nun mal der größte Arbeitgeber der Branche. Knapp 1.000 Menschen stehen auf der Payroll. Die Standorte fungieren als Lead-Entwickler für eigene Marken wie Anno und Die Siedler, aber eben auch als verlängerte Werkbank für Far Cry, Skull and Bones, Avatar: Frontiers of Pandora und Beyond Good and Evil 2.

Deshalb dürfte man auch hierzulande mit großer Aufmerksamkeit verfolgen, welche Akzente gesetzt werden. Eines ist aber klar: Der Ball liegt jetzt zunächst nicht bei der Belegschaft, sondern beim Geschäftsführer der deutschen Ubisoft-GmbHs – Yves Guillemot.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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