Start Meinung Der liebe Andi (Fröhlich am Freitag)

Der liebe Andi (Fröhlich am Freitag)

Szene aus dem Livestream zum Deutschen Computerspielpreis 2021: Andreas Scheuer, Dorothee Bär und Felix Falk als Pixel-Figuren (Screenshot)
Szene aus dem Livestream zum Deutschen Computerspielpreis 2021: Andreas Scheuer, Dorothee Bär und Felix Falk als Pixel-Figuren (Screenshot)

In anderen Branchen hätte man ihm längst ein Denkmal gebaut: Andi Scheuer knackt für die Games-Industrie einen Highscore nach dem anderen.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

gleich zum Auftakt der Übertragung des diesjährigen Deutschen Computerspielpreises (DCP) gab es diesen Moment, für den der Angelsachse das schöne Wort „cringe“ erfunden hat. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), die Digital-Beauftragte Dorothee Bär (CSU) und Verbandsgeschäftsführer Felix Falk tauchen als Miniatur-Pixel-Figuren in Spielen wie ANNO 1800 oder Lonely Mountains: Downhill auf. So weit, so originell – zumindest, bis Scheuer die Szenen mit schaumgebremster Euphorie kommentiert: „Wow, fantastisch!“, „Großartig!“ und „Brrrrh, boah, ist das kalt hier im Schnee.“

Zum Glück hat die Show wenige Augenblicke später die Kurve bekommen – und am Ende wurden es doch noch zweieinhalb kurzweilige Stunden.

Nun sind Scheuer und Bär nicht dafür bekannt, cringige Selbstvermarktungs-Gelegenheiten auszulassen. Vor zwei Jahren fuchtelten beide gemeinsam auf dem roten DCP-Teppich für die Fotografen um die Wette – sie mit einem Plastikschwert, er mit einem glimmenden Batterie-Lichtschwert, das er zuvor Darth Vader abgenommen hat. Die verstörenden Bilder werden vermutlich noch in zehn Jahren zur Illustration der Branche herangezogen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Was mich in diesen und vielen anderen Momenten zuvor allerdings viel mehr irritiert, ist die zunehmend schlechter getarnte Nähe zwischen der Politik und einer Milliarden-Industrie. Vermutlich bin ich an dieser Stelle etwas übersensibel, aber mich befremdet es regelmäßig, wenn sich Regierungsvertreter (hier: „der liebe Andi“ und „die liebe Doro“) und Interessensvertreter (also „der liebe Felix“) vor laufender Kamera duzen. Einer Landwirtschaftsministerin (nennen wir sie: „die liebe Julia“) und dem Nestlé-Chef würde Twitter-Deutschland sowas nicht durchgehen lassen.

Vielleicht hat man sich in diesem freshen Gewerbe auch einfach schon so sehr an das kumpelige Schauspiel gewöhnt, dass es gar nicht mehr groß unangenehm auffällt und in Frage gestellt wird. Schließlich stört es ja auch keinen großen Geist, dass die Branche eine Selbstkontrolle betreibt, in deren Beirat die Game-Geschäftsführung und der Deutschland-Chef von Electronic Arts mit darüber entscheiden, inwieweit Lootboxen – etwa in Spielen wie FIFA 21okay sind. Das ist ungefähr so, als würden Daimler, Bosch und der Verband der Automobilindustrie in einem Gremium sitzen, das die Stickoxid-Grenzwerte für Verbrenner festlegt – natürlich aus rein fachlichen Gründen. Oder so, als wenn es beim ZDF eine Kontrollinstanz namens Verwaltungsrat gäbe, in dem die Ministerpräsidenten von Bayern und Rheinland-Pfalz darüber abstimmen, wer  Chefredakteur und wer Programmdirektor … – oh.

Nun wird es Scheuer vermutlich selbst am wenigsten überraschen, wenn er nach der Bundestagswahl im September zwar weiterhin dem Parlament angehört, wohl aber tendenziell nicht mehr der Bundesregierung. Deshalb wollen wir an dieser Stelle heute schon öffentlich würdigen, dass der Minister sein Büro in der Berliner Invalidenstraße mit einer – ironiefrei – herausragenden Leistungsbilanz räumen wird.

Einschränkend sei angemerkt, dass dies nur (und: nur) für die deutsche Games-Industrie gilt: Denn hier hat „der liebe Andi“ im Unterschied zu ungefähr allen anderen Aufgabenfeldern große Wohltaten gewirkt. In seiner Amtszeit wurde nicht nur das Computerspielpreisgeld auf den Rekordwert von 790.000 Euro geschraubt – seit 2020 übernimmt der Staat (Spoiler: das sind Sie, liebe Leser) auch noch die komplette Finanzierung. Zuvor mussten die Verbands-Mitglieder die Hälfte der Kohle beisteuern.

Scheuers Meisterstück: die Einführung der Computerspiele-Förderung, dotiert mit 50 Millionen Euro per anno. Unterwegs hat er zwar die Fortschreibung dieser Gelder im Bundeshaushalt verhühnert und die Antragsteller mit realitätsfernen Vorgaben und monatelangen Bearbeitungszeiten gequält und dadurch im Einzelfall in existenzielle Schwierigkeiten gebracht, aber sei’s drum: Mittlerweile läuft’s ja. Deutschlands Spielestudios werden auf Jahre hinaus von dieser Weichenstellung profitieren. Mit etwas Glück handelt es sich um eines jener seltenen Scheuer-Projekte, die mehr bringen als sie kosten.

Deshalb an dieser Stelle schon heute im Namen der Branche: Ein herzliches Vergeltsgott, lieber Andi. Für Kontinuität in den bilateralen Beziehungen zwischen Politik und Videospiel-Industrie ist jedenfalls gesorgt: Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn die Flugtaxi-Beauftragte – also „die liebe Doro“ – nicht Scheuers noch warmen Ministersessel erbt.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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