Start Meinung Gamescom 2020: Countdown zur Geisterspielemesse (Fröhlich am Freitag)

Gamescom 2020: Countdown zur Geisterspielemesse (Fröhlich am Freitag)

Vor sieben Jahren: Sony verkündet den PlayStation-4-Verkaufsstart auf der Gamescom 2013 (Abbildung: Sony)
Vor sieben Jahren: Sony verkündet den PlayStation-4-Verkaufsstart auf der Gamescom 2013 (Abbildung: Sony)

„100 % digital – 0 % lame“ – so werben die Gamescom-Macher. Die kommende Woche wird weisen, inwieweit der zweite Teil dieses steilen Versprechens eingelöst wird.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

in einer corona-freien Parallelwelt wären bereits am vergangenen Samstag die ersten 12-Tonner auf das Kölner Messegelände gerollt. Seitdem hätte in den Hallen 1 bis 11 der Duft von Gamescom-Vorfreude in der Luft gelegen – Lack, Folien, Bodenbelags-Ausdünstungen, Sperrholz. Den Aufbau-Soundtrack hätte ein lokaler Radio-Sender geliefert – das Beste der 70er, 80er, 90er und von heute.

Spätestens um 18 Uhr des kommenden Montags wäre die Endabnahme erfolgt, um sicherzustellen, dass nicht doch einige Paletten an Faltkartonhockern verbotenerweise aufs Gelände geschmuggelt wurden.

In den Dienstagmorgen-Stunden wäre dann noch mal feucht durchgewischt worden, damit der Gamescom-Wahnsinn starten kann. Gegen Mittag wäre zunächst der Live-Auftritt von Laschet, Scheuer & Bär erfolgt. Der Verkehrsminister hätte zum Mikro gegriffen, tief durchgeatmet und dann der darbenden Branche verkündet: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen … um Ihnen mitzuteilen … dass heute Ihre Förderung …“. Der Rest wäre in frenetischem Jubel untergegangen.

Anschließend wäre das politische Spitzenpersonal gemeinsam mit einer Fotografen-Traube über das Gelände flaniert, um PlayStation-5-Controller mit Kennerblick in der Hand zu wiegen und sich über die Segnungen von Serious Games aufklären zu lassen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Tags darauf hätte die Entertainment Area fürs Publikum geöffnet. Heißt: sich in einer wogenden Masse über den Boulevard schieben, fünf Stunden für „Assassin’s Creed Valhalla“, „Cyberpunk 2077“ oder „FIFA 21“ anstehen, Selfies mit Cosplayern schießen, Youtuber knuddeln, dem Bühnen-Anheizer Buchstaben entgegen brüllen, damit weitere T-Shirts in die Menge geschossen werden – Gamescom halt.

Die Corona-Realität des Jahres 2020 sieht freilich anders aus: Anstelle das „Gamescom-Jeföhl“ mit 100.000 weiteren Anwesenden (pro Tag!) zu erleben, wird sich die virtuelle Messe überwiegend in Livestreams abspielen. Also analog zur Bundesliga: Die Spiele werden zwar formal ausgetragen, aber eben ohne Vor-Ort-Publikum – die Gamescom 2020 ist also eine Geisterspielemesse.

Wenn man ganz genau hinhört, wird man auf Twitter, Twitch und TikTok ein Raunen vernehmen, sobald Geoff Keighley am Donnerstag in der Eröffnungs-Sause „another world exclusive“ Trailer anmoderiert. Es wäre nur konsequent, wenn man analog zur Champions League eine optionale Tonspur mit der guten Laune des Vorjahres zuschalten könnte.

Die entscheidende Währung in diesem Jahr sind demzufolge keine Besucherzahlen, sondern digitale Reichweite. Bereits zur Halbzeit am Freitag dürfte eine erste Zwischenbilanz kommuniziert werden, die allein schon deshalb astronomisch ausfällt, weil ungefähr alle mit ihren Kanälen aufs Gamescom-Konto einzahlen: die ‚Partner‘, die Medienhäuser, die Influencer.

„100 % digital – 0 % lame“ – so das Versprechen der Gamescom-Macher. Der erste Teil stimmt zweifelsohne. Die kommende Woche wird weisen, inwieweit der zweite Teil dieses steilen Versprechens eingelöst wird. Um Quantität und Qualität des Indie-Sortiments muss man sich auch heuer nicht sorgen – wohl aber um die AAA-Abteilung, und das ausgerechnet in einer Next-Generation-Saison.

Zur Erinnerung: Bei vergleichbarer Sach- und Terminlage hatten sich Sony und Microsoft zur Gamescom 2013 ein PlayStation-4-/Xbox-One-Pressekonferenz-Fernduell geliefert – inklusive PS4-Termin-Ankündigung und einem Rudel Weltpremieren. Die Gamescom 2020 wird sich sehr anstrengen müssen, um sich diesem Niveau zumindest anzunähern, Corona hin oder her.

Auf GamesWirtschaft finden Sie eine Flut an Informationen rund um die rein digitale Gamescom 2020 (27. bis 30. August): Aussteller / Teilnehmer, die Spiele-Liste, einen Zeitplan der Shows und Livestreams, ein Interview mit den Ausrichtern, Details zu den Konferenzen und Kongressen und – falls Sie es wie ich gar nicht erwarten können – erste Infos zur Gamescom 2021.

Den Gamescom-Veranstaltern, -Teilnehmern und -Zuschauern eine erkenntnisreiche Woche und Ihnen allen zunächst ein schönes Wochenende wünscht

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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1 Kommentar

  1. Aktuell prognostiziere ich den Indie Arena Booth als Gewinner der gamescom 2020. Das Team hat in Rekordzeit eine virtuelle Messe als Videospiel gebaut und die ersten Screenshots der einzelnen Stände auf Twitter sehen äußerst vielversprechend aus.

    Und mangels guter alternative von der Kölnmesse, sieht man auch nicht Indies wie die Gamestar, Screenshots von ihrem virtuellen Stand posten.

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