Die Politik müht sich um Kompromisse im Streit um die Gemeinnützigkeit von eSport – warum kriegt das die Games-Branche eigentlich nicht hin?

Fröhlich am Freitag 8/2019: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

verfehlte Klima-Ziele, Upload-Filter, Mobilfunk-Löcher, Computerspiele-Bashing: Nach Meinung der sozialen Netze liegt dieses Ungemach vor allem an den vielen greisen Eminenzen in den Parlamenten, die erstens keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit junger Menschen haben und zweitens mit Karacho auf den Ruhestand zusteuern. Die Logik der Instagram-Eingeborenen: Das „Problem“ wird sich mit der Zeit schon von alleine lösen, nämlich auf biologische Weise. Dann übernehmen dynamische Nachwuchs-Politiker das Zepter – und alles wird gut.

Diese Hoffnung ist zynisch, mindestens aber naiv.

Nehmen wir Johannes Steiniger. Er ist 31 Jahre jung und sitzt seit seinem 26. Lebensjahr für die CDU als Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Seinen Wahlkreis Neustadt/Speyer hat er bei der Bundestagswahl im September 2017 mit 40 Prozent der Erststimmen souverän geholt. Steiniger ist Mitglied im Sportausschuss und hat am Mittwoch an der eSport-Experten-Anhörung teilgenommen. Die Sitzung wurde zeitweise von CDU-Mitglied Eberhard Gienger geleitet – eine Turn-Legende der 70er, Welt- und Europameister, Bronze bei Olympia, Erfinder des ‚Gienger-Salto‘.

Einen solchen Rückwärts-Salto hat nun augenscheinlich auch die Groko hingelegt. Denn eigentlich steht im Koalitionsvertrag vom März 2018 auf Seite 48, dass die Bundesregierung den eSport „vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht“ anerkennen wolle. Plus: olympische Perspektive.

Wer sich gefragt haben sollte, was mit „eSport“, „vollständig“ und „Sportart“ gemeint sein könnte, der bekommt von Union und SPD mit zwölfmonatiger Verspätung eine Präzisierung: eSport, das sind Sportsimulationen wie „FIFA“ oder „NBA 2K“, aber bitte keine ‚Gewaltspiele‘. „Rainbow Six: Siege“, „Overwatch“, „Counter-Strike“, „Call of Duty“  – all das fällt durchs Raster.

Für Sportvereine ist diese Unterscheidung eine wichtige, weil existenzielle Frage. Denn wer hier ausschert und zusätzlich zur Ski-Gymnastik auch „Fortnite“ anbietet, riskiert im Zweifel seine Gemeinnützigkeit. Weil: kein Sport. Dies entspricht ziemlich genau der Meinung des Deutschen Olympischen Sportbunds und weiterer Spitzenverbände. Das CSU-geführte Innenministerium war dieser Definition bereits gefolgt – jetzt schwenken auch die Fraktionen und Ausschüsse von Union und SPD auf diesen Kurs ein.

Es zeichnet sich also ein parteiübergreifender Konsens ab, eine Art Mittelweg.

Prompt fühlen sich Industrieverband und eSport-Bund mal wieder ge- und enttäuscht, sehen aber keinen Anlass, auch nur einen Millimeter von ihrer einbetonierten Haltung abzurücken. Die da lautet: eSport ist ungefähr alles, was sich wettbewerbsmäßig mit Gamepad, Tastatur, Maus und Smartphone betreiben lässt. Keine Ausnahmen. Gleichsam alternativlos. Meines Erachtens war diese Blankoscheck-Mentalität schon immer zweifelhaft – spätestens jetzt wird es Zeit, die Ansprüche kritisch zu überprüfen.

Denn DOSB, DFB und Politiker haben Leitplanken formuliert, wie sie es mit dem eSport halten. Das kann man kritisieren und doof finden, aber zumindest lässt sich damit arbeiten. Daraus resultiert automatisch eine Haltung in Form einer „Positivliste“, wie auch im herkömmlichen Sportbetrieb: Boxen und Ringen sind demnach ‚richtiger‘ Sport – Wrestling und Mixed Martial Arts sind es nicht, ausverkaufte Hallen hin oder her.

Auch der Vorstoß von CDU-Sportkamerad Steiniger weist in diese Richtung – sinngemäß: eSport ja, aber eben ohne Achievements für Headshots. In seinem Vorschlag zeigt sich im Übrigen das ganze Dilemma praktizierender Politiker. Denn: Wie will man erklären, dass es demnächst Steuererleichterungen für gemeinnützige eSport-Klubs geben könnte, in denen sich 16jährige treffen, um ihr Teamplay im „Battlefield“-Weltkriegs-Häuserkampf zu optimieren?

Alle, wirklich alle haben verstanden, dass es um die Anerkennung von eSport geht. Nur: Für welche Spiele und Modi eigentlich? Und viel wichtiger: für welche nicht? Solchen Festlegungen verweigert sich die eSport-Lobby weiterhin komplett. Verhandlungsmasse? Gibt’s nicht. Zugeständnisse? Nicht mit uns. Gegenvorschläge? Nichts dergleichen.

Wer weiß, wo die Debatte heute stünde, wenn man nicht gleich mit unverhandelbaren Alles-oder-nix-Maximalforderungen rangegangen wäre, sondern gesagt hätte: „Lasst uns mal piano mit ‚FIFA‘, ‚NBA 2K‘, ‚PES‘ und eventuell ‚League of Legends‘ starten – dann sammeln wir alle miteinander Erfahrungen und gucken nach zwei Jahren, wie’s gelaufen ist.“

Am Ende einer solchen 24-Monats-Test-Phase hätten jedenfalls gute Chancen bestanden, dass sich die Relevanz und olympische Perspektive einzelner eSport-Disziplinen von alleine erledigt – Stichwort „Heroes of the Storm“. Ganz auf biologische Weise.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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