Start Sport Nach Grindel-Rücktritt: Was ändert sich für den eSport?

Nach Grindel-Rücktritt: Was ändert sich für den eSport?

Zusätzlich zur Nationalmannschaft unterhält der DFB seit Ende März auch eine eNationalmannschaft in der Disziplin
Zusätzlich zur Nationalmannschaft unterhält der DFB seit Ende März auch eine eNationalmannschaft in der Disziplin "FIFA 19" (Abbildung: EA)

Der Rücktritt von DFB-Präsident Reinhard Grindel könnte zu einer Neubewertung des eSport beim Deutschen Fußballbund sorgen. 

„Jeder, der mit kennt, weiß, dass ich nicht geldgierig bin und seit Jahren mit Compliance-Fragen befasst bin.“

So steht es geschrieben in der persönlichen Erklärung, die der scheidende DFB-Präsident Reinhard Grindel nur wenige Minuten nach der Pressemitteilung verbreiten ließ. Das „wenig vorbildliche Handeln in Zusammenhang mit der Annahme einer Uhr“ habe „Vorurteile gegenüber haupt- oder ehrenamtlich Tätigen im Fußball bestätigt“, so Grindel.

Zwangsläufige Folge: der Rücktritt, auf den Boulevard- und Sportmedien bereits seit dem Wochenende hingearbeitet hatten.

Aus „Höflichkeit“ habe er einen Chronometer im Wert von kolportierten 6.000 Euro von einem ukrainischen Oligarchen angenommen, beteuert Grindel. Die Affäre bildet den Schlusspunkt unter einer langen Liste an Verfehlungen und Ungeschicklichkeiten des Spitzenfunktionärs, der seit 2016 im Amt ist – angefangen vom Umgang mit dem Özil-Erdogan-Foto im WM-Vorfeld bis hin zu einem wenig souveränen Abbruch eines TV-Interviews vor wenigen Wochen.

Beim DFB-Bundestag im September 2019 soll der Nachfolger von Reinhard Grindel gewählt werden – als potenzielle Kandidaten gelten unter anderem der ehemalige Profi-Fußballer Christoph Metzelder, Teamchef Oliver Bierhoff, Generalsekretär Friedrich Curtius und Weltmeister Philipp Lahm. Bis zur Wahl des neuen Präsidenten übernehmen die Vizepräsidenten Rainer Koch und Reinhard Rauball interimsmäßig die Führung des Verbands. Grindel will seine Ämter im FIFA-Council und im UEFA-Exekutivkomitee behalten.

Grindel-Rücktritt: DFB vor eSport-Neubewertung?

Die Personalie Grindel bildet auch einen Neustart mit Blick auf die künftige eSport-Ausrichtung des weltgrößten Sportverbands und seiner über 7 Millionen Mitglieder. Seit mehr als einem Jahr hat sich Grindel bei mehreren Gelegenheiten ausgesprochen kritisch und ablehnend über das eSport-Segment geäußert. Zu zweifelhafter Berühmtheit brachte es seine Einschätzung, eSport sei „eine absolute Verarmung“.

Der Verbandspräsident fürchtete um die Bedeutung des Fußballs, insbesondere im Amateur-Bereich und bei Kindern und Jugendlichen. Fußball gehöre auf den grünen Rasen – und nicht auf die Konsole: eSport sei für ihn daher kein Sport. Die entsprechenden Passagen im Koalitionsvertrag von Union und SPD kritisierte er scharf – den Gedanken von eSport als olympischer Disziplin empfand Grindel als „geradezu absurd“. Er werbe dafür, dass sich die Politiker für das Ehrenamt und die Vereine einsetzen, die es schwer genug hätten, anstatt – so wörtlich – „der Unterhaltungsindustrie Steuervorteile zu verschaffen“.

Wenige Monate später – im April 2018 – hat sich der DFB zu einer Neubewertung des eSport durchgerungen. Nämlich insofern, als dass der Begriff ‚e-Sport‘ kurzerhand abgeschafft und durch „E-Soccer“ und „E-Football“ ersetzt wurde. Begründung: Im eSport würden „Gewalt-, Kriegs- und Killerspiele“ praktiziert. „Wir wollen keine Spiele fördern, in denen Kinder auf andere schießen und das Ganze auch noch als Sport bezeichnet wird“, erklärte Grindel. In Fußball-Simulationen wie „FIFA“ oder „Pro Evolution Soccer“ sah und sieht der DFB hingegen eine Chance, Kinder und Jugendliche für das Vereinsleben zu begeistern.

Die weiterhin rückläufige Zahl an Junioren-Mannschaften bereitet dem DFB Kopfzerbrechen.
Die weiterhin rückläufige Zahl an Junioren-Mannschaften bereitet dem DFB Kopfzerbrechen.

In abgeschwächter Form hatte auch DFB-Vize Rainer Koch die Positionen von Grindel unterstützt. Das für den Amateurbereich zuständige Präsidiumsmitglied betonte, dass der DFB und die Landesverbände geschlossen „hinter der Ablehnung von gewaltverherrlichenden Spielen auf der einen Seite und einem offenen Umgang mit digitalen Fußballformaten“ stünden.

Koch übernahm auch die Vorstellung der ersten eNationalmannschaft am vergangenen Sonntag – Grindel war der Präsentation des „FIFA 19“-Kaders ferngeblieben. Von Koch kamen versöhnliche Töne: „FIFA 19 ist längst ein fester Bestandteil des Fußballs – Spielerinnen und Spieler möchten sich heutzutage auch an der Konsole miteinander messen“. Das Beispiel des eNationalspielers MoAuba, der selbst als Amateurfußballer aktiv ist, zeige, dass der DFB die Synergien zwischen eFootball und Amateurfußball nutzen müsse.

DFB und der eSport: Sponsoren schaffen Fakten

Während der DFB beim Thema Computerspiele also langsam die angezogene Handbremse lockert (Deutschland war eines der letzten Länder, das für den FIFA eNationsCup 2019 zusagte), schaffen die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und die DFB-Sponsoren seit Monaten Fakten: Die DFL als Vertreter der Erst- und Zweitligisten ist Partner von Electronic Arts bei der Ausrichtung der Virtual Bundesliga.

Mit Ausnahme von Borussia Dortmund, der TSG Hoffenheim und des FC Bayern München haben alle deutschen Top-Klubs eigene „FIFA“-Spieler verpflichtet – der Rekordmeister steht nach Aussage der Vereinsführung kurz vor dem eSport-Einstieg.

Druck kommt auch von der wirtschaftlichen Seite: Die langjährigen Nationalmannschafts-Partner McDonald’s und Mercedes-Benz haben ihre Sponsoring-Verträge nicht verlängert – und das Budget stattdessen in den eSport umgeschichtet.

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