Start Sport eSport: DFB-Präsident Grindel kritisiert Koalitionsvertrag

eSport: DFB-Präsident Grindel kritisiert Koalitionsvertrag

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sieht eSport in Konkurrenz zur Nachwuchs-Arbeit des traditionellen Fußballs.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sieht eSport in Konkurrenz zur Nachwuchs-Arbeit des traditionellen Fußballs.

„eSports ist für mich kein Sport“: DFB-Präsident Reinhard Grindel schießt weiterhin scharf gegen eSport und kritisiert auch die dazugehörigen Passagen des Koalitionsvertrages. Damit geht der DFB in Konfrontation zur Deutschen Fußball-Liga (DFL), die den Ausbau der Virtuellen Bundesliga forciert.

Eine weiterhin unaufgeklärte Sommermärchen-Affäre, regelmäßige Ausschreitungen in den Stadien, davongaloppierende Ablösesummen, Debatten um den Videobeweis und Montagsspiele, die mögliche Abschaffung der 50+1-Regel – und dann ist da auch noch das Projekt „WM-Titelverteidigung“: Man kann nicht behaupten, dass das Thema eSport derzeit allerhöchste Priorität beim Deutschen Fußballbund genießt.

Das hält DFB-Präsident Reinhard Grindel nicht davon ab, bei seiner kategorischen Ablehnung des Themas eSport zu bleiben, die er in den vergangenen Monaten in gleich mehreren Interviews und Reden deutlich gemacht hat.

Am vergangenen Samstag war der ranghöchste Fußball-Funktionär des Landes zu Gast beim Talk-Format „Weser-Strand“ des Weser-Kuriers. Angesprochen auf das Thema Computerspiele sagte Grindel wörtlich: „Ich glaube, dass die größte Konkurrenz für die Frage ‚Kommen Kinder und Jugendliche zu uns in die Sportvereine‘ gar nicht Handball, Basketball oder andere Sportarten sind, sondern wirklich das Befassen mit digitalen Endgeräten. Ich glaube, das ist eine absolute Verarmung. Zum Sport gehört, dass man einen direkten Kontakt hat zu denen, mit denen man Sport betreibt, dass der Sport eine soziale Funktion hat, die eben in der Gemeinschaft ausgeübt wird. Und deshalb noch einmal: Fußball gehört auf den grünen Rasen. eSport ist für mich kein Sport.“

DFB-Präsident Reinhard Grindel: „eSport ist für mich kein Sport“

Als geradezu „absurd“ bezeichnet Grindel die Ambitionen, den eSport ins Programm der Olympischen Spiele aufzunehmen, wie es beispielsweise CSU-Politikerin Dorothee Bär im Nachgang zu den Verhandlungen der Groko-Arbeitsgruppe „Digitales“ angeregt hatte. Er hoffe, dass es nicht dazu kommt.

Auch den im Koalitionsvertrag vorgesehenen Plan, eSport gemeinnützig zu machen, hält Grindel für falsch. Er werbe dafür, dass sich die Politiker lieber für die Vereine einsetzen, die „es schwer genug haben“ und das Ehrenamt zu stärken, anstatt „der Unterhaltungs-Industrie Steuervorteile zu verschaffen“.

Bereits Mitte Februar hatte der Landessportbund Hessen die im Koalitionsvertrag angekündigte Anerkennung des eSport als eigener Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht als „schweren Eingriff in die Autonomie des Sports“ kritisiert. Die Politik sei aufgrund „der große Nähe zu einer mächtigen Wirtschaftsbranche über das Ziel hinaus geschossen.“

DFB contra DFL: Verbände uneins beim Thema eSport

Mit seiner Ablehnung positioniert sich der DFB-Präsident explizit gegen die Haltung des deutschen Profi-Fußballs in Form der Deutschen Fußball Liga (DFL): Der Ligaverband vertritt die Interessen der 36 Vereine der ersten und zweiten Bundesliga, die zuletzt einen Rekord-Umsatz von mehr als 4 Milliarden Euro vermeldeten.

Unter der Führung von DFL-Präsident Reinhard Rauball baut die Profi-Liga die langjährige Zusammenarbeit mit dem „FIFA 18“-Anbieter Electronic Arts aus. So entsenden in diesem Jahr nahezu alle deutschen Erstligisten eigene Vertreter in die Play-Offs der Virtuellen Bundesliga. Vereine ohne eigene eSport-Abteilung – darunter der Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach oder Mainz 05 – haben dazu eigene Turniere veranstaltet.

Eine der wenigen Ausnahmen: Borussia Dortmund. Sowohl Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke als auch Marketing-Chef Carsten Kramer haben sich klar gegen eSport beim BVB ausgesprochen – die Argumente ähneln jenen von DFB-Funktionär Grindel beinahe aufs Wort. Gleichzeitig kooperiert der BVB seit Jahren mit dem japanischen Videospiele-Hersteller Konami bei der Vermarktung des „FIFA“-Konkurrenten „Pro Evolution Soccer“ (PES).

Der 1. FC Köln ist der siebte Fußball-Bundesligist mit konkreten eSport-Ambitionen (Stand: 1.2.18)
Der 1. FC Köln ist der siebte Fußball-Bundesligist mit konkreten eSport-Ambitionen (Stand: 1.2.18)

 

eSport-Bund Deutschland warnt vor „künstlicher Konkurrenzsituation“

Der erst im November gegründete eSport-Bund Deutschland (ESBD) warnt indes davor, dass sich der Sport den „digitalen Innovationen“ verschließt. Der Aufbau einer künstlichen Konkurrenzsituation sei hinderlich. Nach den Worten von ESBD-Präsident Hans Jagnow bietet sich dem Sport durch digitale Sportarten die Chance, „eine junge Zielgruppe mit den Werten des organisierten Breitensports zu erreichen.“

Das demonstriere unter anderem der Einstieg etlicher Bundesligisten in den eSport, so Jagnow. Was der ESBD-Präsident nicht sagt: Die eSport-Aktivitäten von Bundesliga-Vereinen wie dem VfL Wolfsburg, RB Leipzig und VfB Stuttgart sind nicht in den eingetragenen, gemeinnützigen Vereinen verankert, sondern in den ausgegliederten Lizenzspieler-GmbHs und deren Marketing-Abteilungen.

Die Anerkennung des eSport als Sportart gehört zu den wichtigsten Zielen des ESBD.

Debatte um Anerkennung von eSport hält an

Dass Grindels provokante „eSports ist kein Sport“-These nicht unumstritten ist, dürfte ihm bewusst sein: Bei anderer Gelegenheit hat der DFB-Präsident bereits durchblicken lassen, dass es innerhalb des Verbands mit seinen 7 Millionen Mitgliedern naturgemäß auch andere Bewertungen gäbe.

Mit seiner skeptischen Haltung steht Grindel zumindest nicht alleine da: Neben BVB-Boss Watzke stimmen auch 77 Prozent der Deutschen der These zu, dass eSport kein „richtiger“ Sport sei, wie eine Umfrage des Branchenverbands Bitkom im August 2017 gezeigt hat.

Reinhard Grindel ist seit 2016 Präsident des Deutschen Fußballbundes und damit Nachfolger des zurückgetretenen Wolfgang Niersbach. Zuvor saß Grindel seit 2002 für die CDU im Deutschen Bundestag, wo er im November 2007 zusammen mit Dorothee Bär (CSU), Monika Grütters (CDU), Volker Kauder (CDU), Olaf Scholz (SPD) und weiteren prominenten Unterzeichnern den Deutschen Computerspielpreis ins Leben rief.

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