Start Meinung Fröhlich am Freitag 32/2019: Aufschwung ohne Jobs

Fröhlich am Freitag 32/2019: Aufschwung ohne Jobs

Der Arbeitsmarkt in der deutschen Spiele-Industrie ist weiterhin unter Druck (Foto: Bundesagentur für Arbeit)

Deutschlands Spiele-Industrie meldet abermals Rekord-Umsätze – neue Arbeitsplätze sind dadurch aber bislang nicht entstanden, im Gegenteil.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

wie kann es eigentlich sein, dass der Computerspiele-Umsatz in Deutschland seit 2016 um über eine Milliarde Euro gestiegen ist, aber gleichzeitig die Zahl der Beschäftigten zurückgeht – und zwar deutlich?

Diese Frage hat man sich sich in dieser Woche nicht nur im Inland, sondern bemerkenswert oft im Ausland gestellt. Immerhin ist Deutschland einer der, wenn nicht der wichtigste Videospielmarkt des Kontinents.

Zum Aufschwung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, der seit Jahren anhält und in vielen Regionen für Vollbeschäftigung sorgt, hat das computerspielverarbeitende Gewerbe in Summe exakt nichts beitragen können. Allein im Kernbereich – Spiele-Verlage (Publisher) und Entwickler – gibt es fast 2.000 Jobs weniger als noch 2016.

Woran liegt das?

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Branchenkenner wissen: Die Hälfte dieser Zahl ist mit dem Aderlass beim Hamburger Spiele-Entwickler Goodgame Studios zu erklären. Die andere Hälfte verteilt sich auf Dutzende Einzelfälle: Mal wurden ganze Niederlassungen geschlossen, mal kam es bei Mittelständlern zu Personalabbau, weil zum Beispiel Projekte eingestellt wurden. Gerade bei den Vertriebsniederlassungen internationaler Publisher ist dieser Prozess schleichend und geschieht unter dem Radar, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nimmt.

Hinzu kommt: Bei den allermeisten der 50 größten deutschen Games-Mittelständler haben sich die Beschäftigtenzahlen seit Anbeginn der GamesWirtschaft-Aufzeichnungen nur in Nuancen verändert. Sprich: Im besten Fall wird nachbesetzt, aber eben nicht expandiert. Und wer weiß, wie die Lage aussähe, wenn die Ansiedlung neuer Studios nicht durch regionale Zuschüsse in Millionen-Höhe motiviert worden wäre.

Die Flut hebt alle Boote, heißt es. Für die Videospiel-Branche gilt das offenbar nur bedingt. Wenn es selbst in Boom-Phasen nicht gelingt, den Job-Motor zum Laufen zu bringen, wie soll das erst in einer Phase des konjunkturellen Abschwungs aussehen?

Der Industrieverband verknüpft die beunruhigenden Zahlen abermals mit der Botschaft, dass erstens dem Land und zweitens der Branche noch mehr Unheil droht, wenn nicht bald staatliche Subventionen anlaufen. Die Planzahlen unterstellen, dass der unterversorgte Weltmarkt dringend auf deutsche Games wartet – und dass dadurch Tausende neue Jobs entstehen. Im besten Fall ist das tatsächlich so. Doch die Computerspiele-Industrie wäre nicht die erste Branche, die glänzende Geschäfte macht, ohne dass signifikante Wertschöpfung im jeweiligen Absatzmarkt stattfindet. Das können Sie an sich selbst nachprüfen, indem Sie sich fragen, wann Sie zuletzt ein Smartphone, einen Flachbildfernseher oder – ganz verrückt – eine Spielkonsole made in Germany erworben haben.

Immerhin: Die bereits bestehenden Fördermittel plus die begründete Aussicht auf noch sehr viel mehr Geld haben dazu beigetragen, dass die Zahl der Studios in den vergangenen Monaten förmlich explodiert ist. Wer ein pfiffiges Games-Konzept aufschreibt, hat zum Beispiel in Bayern beste Chancen, einen 20.000-Euro-Scheck zu bekommen, den er nicht zurückzahlen muss.

Dass Fördergelder reichen, um für mehr Jobs zu sorgen, ist jedenfalls keine ausgemachte Sache. Zumindest unsere 70 GamesWirtschaftsweisen haben da dezente Zweifel: Nur zwei von drei Experten gingen Anfang 2019 davon aus, dass die größten deutschen Studios an Silvester mehr Mitarbeiter beschäftigen als ein Jahr zuvor – und zu diesem Zeitpunkt standen die 50 Millionen Euro noch im Bundeshaushalt.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Alle bisherigen Folgen unserer Kolumnen-Reihe finden Sie in der Rubrik „Meinung“.

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