Start Karriere Tschö Germany – Episode 8: Melanie Taylor / Brisbane, Australien

Tschö Germany – Episode 8: Melanie Taylor / Brisbane, Australien

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GamesWirtschaft-Serie "Tschö Germany": Melanie Taylor, Mellow Games / Brisbane, Australien

Mit „Orwell“ hat sie den Deutschen Computerspielpreis 2017 gewonnen – mittlerweile lebt und arbeitet Melanie Taylor an der australischen Ostküste. 

Der erste Tweet von Melanie Taylors neuem Studio ist noch relativ frisch und datiert vom 24. März: „Hallo Welt!“, ist da in Englisch zu lesen. „Mellow Games ist ein neues Indie-Entwicklerstudio in Brisbane, Australien. Wir bauen zugängliche, schrullige und originelle Spiele, die eine Geschichte erzählen.“

Gründerin, Art Director und Narrative Designer in Personalunion ist Melanie Taylor, die erst 2018 von Hamburg nach Australien ausgewandert ist. Vier Jahre zuvor hatte sie zusammen mit Kommilitonen der HAW Hamburg ein eigenes Studio gegründet: Osmotic Studios. Bekannteste Titel: „Orwell“ und „Orwell: Ignorance is Strength“.

Für das außergewöhnliche Überwachungsstaat-Abenteuer wurde das junge Team im April 2017 mit dem Deutschen Computerspielpreis in der Kategorie „Bestes Serious Game“ ausgezeichnet. Es sollten viele weitere Nominierungen und Preise auf internationalen Festivals folgen.

Preisgekröntes Indiegame: Mit "Orwell" holte Osmotic-Co-Gründerin Melanie Taylor den Deutschen Computerspielpreis (Abbildung: Osmotic Studios)
Preisgekröntes Indiegame: Mit „Orwell“ holte Osmotic-Co-Gründerin Melanie Taylor den Deutschen Computerspielpreis (Abbildung: Osmotic Studios)

Inzwischen hat sich Taylor in einem Co-Working-Space in Brisbane eingemietet. Das erste Projekt von Mellow Games heißt „Blueberry“ – ein storybasierter Platformer, der noch in der Prototypenphase ist. „Darin begleitet man ein Mädchen und später Frau durch ihre Lebensphasen von Kind bis Seniorin und beschäftigt sich dabei mit ihrer Psyche und wie sich die Veränderung in ihrem Leben auf diese auswirkt“, erklärt die Spieldesignerin.

Mit der Auswanderung nach Down Under hat Taylor ihrerseits eine denkbar massive Veränderung in ihrem eigenen Leben vorgenommen – immerhin 16.000 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt. Ob sie bereits in der australischen Millionenstadt Brisbane (oder wie es die Einheimischen nennen: Brissie) angekommen ist, erklärt sie in Folge 8 der GamesWirtschaft-Auswanderer-Serie „Tschö Germany“.

Sie kennen auch eine spannende Person aus der deutschen Games-Industrie, die dauerhaft oder vorübergehend im Ausland lebt? Wir freuen uns über Tipps an die Redaktion.

Melanie Taylors aktuelles Projekt: Mit "Blueberry" entsteht ein Puzzle-Plattformer (Abbildung: Mellow Games)
Melanie Taylors aktuelles Projekt: Mit „Blueberry“ entsteht ein Puzzle-Plattformer (Abbildung: Mellow Games)

Tschö Germany: Melanie Taylor, Brisbane / Australien

Immer wieder schmunzeln muss ich über folgendes australische Wort:
Die Australier lieben Abkürzungen und da klingen schon manche Dinge etwas niedlicher – zum Beispiel „brekky“ für breakfast oder „arvo“ für afternoon.

Das am wenigsten zutreffende Klischee über Brisbane lautet:
Brisbane gilt im Vergleich zu Melbourne oder Sydney als eher entspannte Kleinstadt und ist auch wesentlich übersichtlicher. Ich habe sogar Bezeichnungen wie „country town“ gehört, aber so klein ist Brisbane dann doch wieder nicht. In jedem Fall ist es eine wunderschöne Stadt mit vielen schön gemachten Parks und beeindruckend beleuchteten Brücken, die mich persönlich an Köln oder Düsseldorf erinnern, nur mit wesentlich besserem Wetter. Die Games-Szene insbesondere ist klein, aber sehr freundlich und sympathisch und vor allem auf den Mobile-Markt fokussiert.

Hingegen trifft folgendes Klischee über Brisbane definitiv zu:
Es ist sehr sonnig und im Sommer sogar über längere Zeit 35 bis 40 Grad heiß. Viele Häuser und auch Appartmentgebäude haben gemeinsam nutzbare Swimmingpools – und das gilt nicht mal als besonders luxuriös.

Mellow-Games-Gründerin Melanie Taylor hat sich in einem Co-Working-Space in Brisbane eingemietet (Foto: privat)
Mellow-Games-Gründerin Melanie Taylor hat sich in einem Co-Working-Space in Brisbane eingemietet (Foto: privat)

Noch immer nicht daran gewöhnt habe ich mich daran, dass in Australien … 
… das Alkohol-Trinken auf der Straße verboten ist. Das habe ich schon mal vergessen und die Bierdose versehentlich mit raus genommen.

Nicht genug bekommen kann ich von dieser australischen Spezialität:
Ich bin generell ehrlich gesagt nicht so begeistert von australischem Essen, aber ich fand den Tim Tam Slam sehr originell.

Die wenigsten dürften wissen, dass in Brisbane …
… vor der globalen Finanzkrise von 2007/2008 einige AAA Studios beheimatet hat. So war in Brisbane bis 2009 zum Beispiel das von EA gekaufte Studio Pandemic angesiedelt oder bis 2011 THQ Studio Australia. Nachdem diese aufgelöst wurden, gab es sehr viele talentierte Entwickler hier, die plötzlich ohne Job waren. Viele von ihnen begannen anschließend, ihre eigenen Studios zu gründen. Deswegen gibt es immer noch viel Talent hier in Brisbane und eine kleine, aber feine Indie-Community, die extrem hilfsbereit, qualifiziert und sympathisch ist.

Volle Konzentration: Seit 2018 lebt und arbeitet Melanie Taylor in der 2,5-Millionen-Metropole Brisbane an der Ostküste Australiens (Foto: privat)
Volle Konzentration: Seit 2018 lebt und arbeitet Melanie Taylor in der 2,5-Millionen-Metropole Brisbane an der Ostküste Australiens (Foto: privat)

Der aus meiner Sicht größte Unterschied zwischen der deutschen und australischen Games-Branche besteht darin:
Die Menschen sind im Allgemeinen einladender und ich fühlte mich als Neuling sehr willkommen, ohne große Einstiegsbarrieren. Während in Deutschland die Indie-Entwickler meiner Erfahrung nach ähnlich willkommen heißend für Neulinge sind, ist es bei den größeren Games-Firmen eher schwierig, Leute kennenzulernen und mit ihnen Kontakt aufzunehmen, gerade als kleiner Indie Entwickler. Das ist allerdings nur meine persönliche Erfahrung.

Von Australien könnte das Games-Entwicklerland Deutschland lernen…
… mit Themen wie Integration von Minderheiten oder Sexismus offener umzugehen. Das ist natürlich immer ein heißes Eisen, aber ich fürchte, in Deutschland ist man da noch viel mehr in einer Phase, wo die lautesten Stimmen eher dazu neigen abzustreiten, dass es in der Hinsicht überhaupt Probleme gibt.

In Australien scheint schon viel mehr aktiv daran gearbeitet zu werden, Menschen aus der LGBT+ Community (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Anm. d. Red.), Menschen mit verschiedenen kulturellen und ethnischen Hintergründen und auch Frauen aktiv besser zu integrieren und gerade auf großen Konferenzen wird dies gezielt diskutiert. In Deutschland wird einfach nicht so viel darüber geredet – und wenn, dann eher über Facebook-Diskussionen, bei denen viele nichts von solchen Problemen wissen möchten.

Umgekehrt könnte sich australische Studios von deutschen Spiele-Machern Folgendes abgucken:
Die Gamescom ist einer der großen Dinge in der deutschen Spielindustrie, die wirklich weltweit bekannt und anerkannt sind und jährlich ein gewaltiges Publikum von überall auf der Welt anzieht. So etwas ist natürlich schwer zu toppen oder überhaupt mit anderen Conventions weltweit zu vergleichen, gerade da Australien generell von den meisten anderen Teilen der Welt schwer zu erreichen ist.

Aber im Hinblick auf Professionalität und Organisation der Veranstaltung könnte man sich hier schon Einiges von der Gamescom abgucken.

Allen, die mit einem Wechsel in die Gamesbranche in Australien liebäugeln, möchte ich Folgendes mit auf den Weg geben:
Erwartet nicht zu sehr, dass ihr hier viele große Entwicklerstudios oder mehr internationale Kontakte findet als in Deutschland – Australiens Spiele-Entwicklungsbranche ist immer noch übersichtlich und keineswegs zum Beispiel mit den USA vergleichbar. Allerdings gibt es hier eine sympathische und talentierte Community, die ehrgeizig, hilfsbereit und qualifiziert ist.

Bisherige Folgen unserer Auswanderer-Serie „Tschö Germany“:

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