Start Karriere Tschö Germany Episode 7: Andreas Wilsdorf, Nordeus, Belgrad / Serbien

Tschö Germany Episode 7: Andreas Wilsdorf, Nordeus, Belgrad / Serbien

GamesWirtschaft-Serie Tschö Germany: Andreas Wilsdorf arbeitet als Spieldesigner bei Nordeus im serbischen Belgrad (Foto: Nordeus)
GamesWirtschaft-Serie Tschö Germany: Andreas Wilsdorf arbeitet als Spieldesigner bei Nordeus im serbischen Belgrad (Foto: Nordeus)

Neue Folge unserer Auswanderer-Serie ‚Tschö Germany‘: Andreas Wilsdorf entwickelt Fußball-Smartphone-Spiele bei Nordeus („Top Eleven“) in Belgrad.

Noch ist die Republik Serbien kein EU-Mitglied – doch das ist nur eine Frage der Zeit, denn die Reformen im Land plus Investitionen haben dazu beigetragen, dass Wirtschaftskraft und Lebensqualität im Balkanstaat deutlich gestiegen sind. Davon profitiert auch die übersichtliche serbische Spiele-Industrie, die um internationale Fachkräfte buhlt.

Zu diesen Fachkräften zählt Andreas Wilsdorf. Sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ist mittlerweile die Landeshauptstadt Belgrad – mit rund 1,4 Millionen Einwohnern etwa so groß wie München. Wilsdorfs Games-Karriere hat in der Qualitätssicherung von Deck 13 in Frankfurt begonnen, bevor er als Spiel-Designer zu Goodgame Studios nach Hamburg wechselte und dort das Strategiespiel “Goodgame Empire” mitentwickelte. Nach zwei weiteren Jahren beim Bamberger Studio Upjers (“My Little Farmies”) unterschrieb er im März 2018 einen Arbeitsvertrag bei Nordeus und zog nach Belgrad.

Dort hat er zunächst am Free2play-Fußballmanager “Top Eleven” gearbeitet: Für die enorm populäre Smartphone-App mit über 200 Millionen registrierten Spielern wirbt ‚the special one‘ José Mourinho im Appstore. Wildorfs aktuelles Projekt: „Golden Boot” – laut Nordeus der ‚perfekte Zeit-Killer für Fußball-Fans‘.

Tschö Germany Episode 7: Andreas Wilsdorf, Nordeus

Immer wieder schmunzeln muss ich über folgendes serbische Wort:

Može! Das Wort ist sehr vielseitig in seiner Benutzung, was mich immer wieder zum Lachen bringt. So kann man damit nach etwas fragen: “Moze kesa” („Kann ich eine Tüte haben?”). Man kann es aber auch nutzen, um etwas in einem Gespräch zu bestätigen: “Moze? Moze!” (“Einverstanden? Geht klar!”). Allgemein wird das Wort in vielen Situationen benutzt, was einem beim Lernen der Sprache oft verwirren und erheitern kann.

Das am wenigsten zutreffende Klischee über Serbien lautet:

Dass Serben unfreundlich oder rau sind. Genau das Gegenteil ist der Fall. Serben sind sehr freundlich, offen für andere Menschen, laden einen gerne ein und sind sehr hilfsbereit. Serben ist es sehr wichtig, dass man sich bei ihnen willkommen fühlt – und das merkt man, sei es auf der Arbeit hier bei Nordeus oder privat.

Hingegen trifft folgendes Klischee über Serbien definitiv zu:

Serben lieben Fleischgerichte. Es gibt den Spruch: “Was nicht mit Fleisch ist, ist keine Mahlzeit.” Dies trifft auf jeden Fall zu: Die serbische Küche ist mächtig, aber auch einfach sehr lecker. Auf seine Linie zu achten fällt in Serbien auf jeden Fall sehr schwer – und man nimmt gerne mal ein paar Kilo zu.

Mit vielen Annehmlichkeiten wirbt Nordeus um internationale Spiele-Entwickler (Foto: Nordeus)
Mit vielen Annehmlichkeiten wirbt Nordeus um internationale Spiele-Entwickler (Foto: Nordeus)

Noch immer nicht daran gewöhnt habe ich mich daran, dass in Belgrad …

… die Hupe das wichtigste Mittel im Verkehr ist. Hier wird in jeder Situation gehupt, noch mehr, als man es aus Deutschland kennt. Es vergeht kein Tag, an dem man nicht mindestens einmal eine Ampel sieht, an der mehrere Autofahrer hupen.

Nicht genug bekommen kann ich von der landestypischen Spezialität namens …

Pljeskavica. Eine Art Frikadelle aus Schwein, Rind und Lamm mit Zwiebeln, Kajmak und Ajvar. Bekommt man an vielen Ecken, mal im Fladenbrot, mal ohne, und schmeckt immer. Egal, wo man es kauft.

Die wenigsten dürften wissen, dass in Serbien …

… die Internetanbindung besser ist als in vielen deutschen Städten. An allen Bushaltestellen in Belgrad gibt es kostenloses Wifi und eigentlich in jeder Wohnung ist ein schneller Internetzugang erhältlich, meistens sogar direkt in Verbindung mit Pay-TV-Anbindung über einen Kabelanschluss zu einem günstigen Preis.

Der aus meiner Sicht größte Unterschied zwischen einem Studio/Publisher in Deutschland und einem Studio/Publisher in Belgrad besteht …

… in der Unabhängigkeit als Gedanke und der Wahrnehmung im Land. Serben ist ihre Unabhängigkeit sehr wichtig. Während in deutschen Studios oftmals Investoren beteiligt sind, wird hier viel Wert darauf gelegt, eben gerade nicht von Investoren abhängig zu sein und selbst sein Schicksal als Studio bestimmen zu können. Auch ist in Deutschland die Anerkennung für Game-Studios samt Förderungen sehr viel weiter als in Serbien, wo die Games-Industrie noch sehr jung und im Aufbau ist.

Was das Games-Entwicklerland Deutschland von Serbien lernen könnte:

Von Nordeus kann Deutschland die Wertschätzung von Angestellten lernen. Angestellte sind hier das wirklich höchste Gut und gleichgestellt. Jeder schätzt die Meinung des anderen und es wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass jeder sich wohlfühlt und sich entfalten kann.

Kritik wird gehört und ernst genommen – das Management hat jederzeit ein offenes Ohr und ist ansprechbar. Jedes Jahr gibt es einen gemeinsamen Urlaub, bei dem alle zusammen abschalten und der noch mehr miteinander verbindet. Sei es Umzug, alltägliche Fragen zu Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten, Sprachkurse: Man erhält eine umfassende Betreuung und immer schnelle Hilfe von Nordeus. In dieser Form habe ich das bei deutschen Firmen mit internationalen Angestellten noch nicht gesehen.

Gilt als eines der erfolgreichsten Fußballmanager-Spiele im Appstore: "Top Eleven" (Abbildung: Nordeus)
Gilt als eines der erfolgreichsten Fußballmanager-Spiele im Appstore: „Top Eleven“ (Abbildung: Nordeus)

Umgekehrt könnten sich Studios im osteuropäischen Raum von deutschen Spiele-Machern abgucken:

Die Verbandsarbeit, Einrichtungen wie der deutsche Entwicklerpreis und generell der Aufbau einer Struktur für Entwickler-Nachwuchs in Serbien. Der erste Schritt ist mit der Serbian Games Association und ihren Projekten getan, doch hier kann Deutschland als gutes Beispiel dienen, mit seinen vielfältigen Bildungsmöglichkeiten und der guten Verbandsarbeit. Allerdings muss man hier auch beachten, dass die Spieleindustrie in Serbien noch sehr jung ist.

Allen, die mit einem Wechsel nach Serbien liebäugeln, möchte ich Folgendes mit auf den Weg geben:

Bedenken und Vorurteile abschütteln – und sich darauf vorbereiten, mit offenen Armen empfangen zu werden. Stellt euch darauf ein, ein paar Kilo zuzulegen und euch hier ein gutes Fitnessstudio zu suchen. Aber vor allem: Das Leben unterscheidet sich nicht von Deutschland – man hat Zugriff auf all die Annehmlichkeiten, die man auch in Deutschland hat. Andererseits sind gerade Lebensmittel und Unterhaltungsorte wie Kino oder Theater sehr viel günstiger.

Was Sprachbarrieren angeht, spricht fast jeder hier in Serbien genug Englisch, um euch zu verstehen und zu helfen. Filme und Serien laufen zum Beispiel im Originalton, so dass man relativ schnell ankommen und direkt die notwendigsten Dinge erledigen kann, ohne über große Barrieren zu stolpern.

Für die Wohnungssuche ist wichtig, dass in Serbien die meisten Wohnungen bereits voll möbliert sind, so dass ihr nur das Notwendigste mitzubringen braucht. Ihr solltet euch auf jeden Fall eine Wohnung mit Klimaanlage suchen, denn es gibt hier zwar kalte Winter, aber im Sommer kann es bis zu 38 Grad werden. Abkühlen könnt ihr euch dann aber am kostenlosen, sieben Kilometer langen Badesee samt Strand.

Abschließend kann ich nur sagen, dass sich das Abenteuer Serbien lohnt – die negativen Vorurteile, die man zum Teil hört, haben sich nicht bestätigt.


Bisherige Folgen unserer Auswanderer-Serie „Tschö Germany“:

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