Start Meinung E3: Die Branche auf Klassenfahrt (Fröhlich am Freitag)

E3: Die Branche auf Klassenfahrt (Fröhlich am Freitag)

Der E3-Ausflug nach Los Angeles muss auch 2021 entfallen.
Der E3-Ausflug nach Los Angeles muss auch 2021 entfallen.

Die Economy bleibt leer: Ebenso wie 2020 entfällt der traditionelle Klassenausflug nach Los Angeles auf die E3 2021 – ein Jammer.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

Klassenfahrten, Wandertage, Ski-Freizeiten, Abi-Feiern, Schüler-Austausch, selbst Einschulungs-Zeremonien – auf all das, was sich im Rückblick als prägend erweisen wird, mussten Kinder und Jugendliche in den vergangenen 18 Monaten vielfach verzichten.

Mindestens ähnlich deprimierend wirkt sich die fehlende Reisetätigkeit in der deutschen Games-Industrie aus.

Denn um diese Jahreszeit hätten schon längst gewichtige Entscheidungen getroffen werden müssen:

  • Disneyland Anaheim oder Universal Studios? Oder doch Six Flags Magic Mountain?
  • Las Vegas vorher oder nachher?
  • Burger-Bude oder Sushi-Laden?
  • Sinnfreien Nippes shoppen in Santa Monica oder abhängen am Pier?
  • Am Abend zur Microsoft- oder Ubisoft-Party? Wobei: Beides!

Anlass der Reiseplanungen war die Electronic Entertainment Expo (kurz: E3) in Los Angeles. Seit Mitte der 90er galt die alljährlich im Mai, später Juni stattfindende Videospiele-Weltleitmesse als Fixstern im Kalender von Publishern, Studios und Redaktionen. Wer sich in der Branche nach den Allzeit-Lieblingsmomenten erkundigt, bekommt fast immer epochale E3-Geschichten zu hören: Wo sonst konnte es passieren, dass einem Spielberg, Schwarzenegger oder Muhammad Ali über den Weg laufen?

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

An den Airports in Frankfurt und München hoben regelrechte „E3-Bomber“ ab, vollgepackt bis unters Dach mit Product Managern, Pressesprechern, Entwicklern, Sales-Personal, Marketing-Leuten, Geschäftsführern, Kamera-Teams und Redakteuren einschlägiger Games-Magazine.

Die Klassenfahrt begann traditionell mit einem spätrömisch-dekadenten Gelage im Fast-Food-Restaurant in der Abflughalle. Dann hieß es: Destination LAX – nur noch zwölf Stunden. Akute Flugangst wurde an Bord regelmäßig mit dem makabren Scherz überspielt, dass bei einem etwaigen Absturz die komplette deutsche Games-Industrie vor einem Reset stünde.

Frei nach Erich Kästner: „Wir haben Schinkenbrote und Benzin, wir werden von der bunten Welt erwartet, am Meer dort wo die Palmen steh’n, der Unterricht wird zum Lokaltermin!“

Kurzum: Es war ein Fest.

Nun haben sich die Zeiten geändert: Schon vor Corona wurden nur noch handverlesene Mitarbeiter nach Kalifornien entsandt, wenn überhaupt. Wer zwecks Akklimatisierung zwei, drei Tage früher anreisen oder eine Woche Grand Canyon dran hängen wollte (auf eigene Kosten natürlich), musste mindestens mit hochgezogenen Augenbrauen seitens des Controllings rechnen. Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.

Überhaupt sind Auslands-Einsätze – wenn es sie überhaupt noch gibt – längst minutiös durchgetaktet und auf das absolute Minimum an Abkömmlichkeit begrenzt. Dafür hat natürlich auch die Technik gesorgt: Als Jung-Redakteurin konnte ich einst bestenfalls zweieinhalb Bilder und eine Text-Datei über eine wackelige und obszön teure Leitung nach Deutschland tickern, heute sind durchgehende Livestreams und Social-Media-Bespaßung Standard.

Der Freizeit- und Party-Anteil ist auch dadurch zusammengedampft.

Das zieht sich quer durch’s Gewerbe – und ist pandemie-bedingt noch eskaliert: Die Markteinführung von PlayStation 5 und Xbox Series X im November bestand darin, die Konsolen-Paletten vor den Logistikzentren von MediaMarkt und Amazon abzuladen. Nicht überliefert ist, ob bei Microsoft in München oder Sony Interactive bei Frankfurt zumindest ein Gläschen Schaumwein zur Anwendung kam.

Entwicklerpreis, Computerspielpreis, demnächst E3 und Gamescom: All das findet im Smartphone- und Laptop-Format statt – die Twitch- und YouTube-Übertragung als kleinster gemeinsamer Nenner, flankiert von geschmeidigem Discord-Dialog.

Es ist schon ein bisschen irre: Nie zuvor hat dieser Wirtschaftszweig so unglaublich viel Geld verdient – und nie zuvor wurde so unglaublich wenig gefeiert, er- und gelebt. Ich finde, Letzteres muss sich dringend wieder ändern.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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3 Kommentare

  1. Da stimme ich vorbehaltlos zu. Bonus: wir haben Anekdoten für viele Jahre in der Kiste…

  2. Unpopuläre Meinung: man könnte jetzt natürlich auch sagen, dass die Branche zumindest ein bisschen gereift ist und schlicht professioneller agiert als noch vor 10-20 Jahren. Wie du schon sagst, auch vor Corona wurden fröhliche (no pun intended) mehrtägige Vor- und Nachgelage bei Veranstaltungen und Messen zum Glück immer seltener. Nichts gegen work hard, play hard, aber die übertriebene Feierlust der 90er und Nullerjahre ist heutzutage und in dem Stadium, in dem sich unsere Branche mittlerweile befindet doch eher unpassend.

    • Vielen Dank, Markus. Klar, alles hat seine Zeit – und das Beschriebene kommt definitiv nicht wieder. Dennoch erfüllt es sicher die allermeisten, die dabei waren, mit Dankbarkeit und Demut, diese (unbezahlbaren) Erfahrungen gemacht haben zu dürfen.

      Petra

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