Start Wirtschaft Online-Casinos: Landesmedienanstalten erhöhen Druck

Online-Casinos: Landesmedienanstalten erhöhen Druck

Milliarden-Markt Online-Casinos: Alleine im Google Play Store sind Hunderte Apps gelistet (Abbildung: Screenshot)
Milliarden-Markt Online-Casinos: Alleine im Google Play Store sind Hunderte Apps gelistet (Abbildung: Screenshot)

Die Medienanstalten der Länder nehmen Online-Casinos ins Visier: Im ersten Schritt soll die Flut an TV-Werbung eingedämmt werden.

Werbung für Online-Casinos ist omnipräsent, insbesondere bei privaten Sport-Sendern,  im Pay-TV und im Netz. Auf Hunderten Portalen und Apps lässt sich um kleine und große Geldgewinne spielen. Dem potenziellen Kunden wird suggeriert, das Online-Glücksspiel via Laptop oder Smartphone sei erstens legal und zweitens sicher.

Doch so glasklar ist die Sache nicht. Online-Glücksspiel ist in Deutschland grundsätzlich illegal, sowohl der Betrieb als auch die Werbung – Sportwetten werden zumindest streng reguliert. So steht es im Glücksspielstaatsvertrag.

Einzige Ausnahme bislang: Schleswig-Holstein. Das Kieler Innenministerium hat acht Konzessionen ausgestellt – die aber nur für Unternehmen mit Sitz in Schleswig-Holstein und die rund 3 Millionen Einwohner zwischen Flensburg und Lübeck gelten. Genauer: galten – denn die letzte Lizenz dieser Art ist im Februar 2019 abgelaufen. Das Bundesland plant nun einen deutschlandweiten Alleingang, um auch künftig Lizenzen für Internet-Casinos ausstellen zu können. Der Sonderweg stößt im Rest der Republik auf allgemeines Unverständnis.

Online-Casinos: Landesmedienanstalten erhöhen Druck

Fakt ist: Trotz offenkundigen Verbots und/oder abgelaufener Lizenz werden Kunden weiterhin von Anbietern wie Tipico, Bwin, Wunderino, DrückGlück und Mr Green umworben und mit einem „Willkommensbonus“ gelockt. Die zugrundeliegenden Lizenzen stammen in der Regel aus regulierungsfreundlichen Gefilden wie Malta, Zypern oder Gibraltar – und gelten somit für die komplette europäische Union, zumindest aus Sicht der Betreiber.

Die Aufsichtsbehörden sehen das anders und fühlen sich durch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts bestärkt, gehen aber bislang nicht aktiv gegen illegale Angebote vor. In erster Linie liegt das daran, weil sich der Zugriff auf die international operierenden Anbieter als komplex erweist.

Vielversprechender erscheint da schon die Unterbindung der Zahlungsströme ins Ausland mit Blick auf das Geldwäschegesetz. Der politische Druck zeigt erste Wirkung: So sind bei CasinoClub und Wunderino keine Einzahlungen mehr via PayPal möglich. Als Alternative bleiben abseits von Kreditkarten nur noch wenige Anbieter, etwa Paysafecard. Von Wirecard heißt es, die Vorgänge würden derzeit überprüft.

Jetzt haben die Landesmedienanstalten einen neuen Hebel entdeckt, um zumindest die Werbung für Online-Casinos in Funk und Fernsehen zu unterbinden: In einem gemeinsamen Schreiben haben sie 500 Sender in Deutschland aufgefordert, keine Spots für Online-Casinos mehr auszustrahlen. Das haben Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung ergeben. Bei Zuwiderhandlung würden die Medienanstalten zu „verwaltungsrechtlichen Mitteln“ greifen, was beispielsweise Bußgelder bedeuten könnte.

Der Spielautomat als Smartphone-App: Sind „Social Casinos“ legal?

Vom Online-Casino abzugrenzen sind sogenannte „Social-Casinos“, wie sie etwa die Hamburger Whow Games GmbH entwickelt. Das Unternehmen wurde von Bigpoint-Gründer Heiko Hubertz aufgebaut und zählt zu den größten Spiele-Entwicklern im Land.

Die simulierten Automatenspiele und Roulette-Games werden auf Websites und als App unter Marken wie Jackpot.de oder Slotino betrieben, sind in Portale wie Bild.de eingebunden und werden mit TV-Spots beworben.

Die Whow-Spiele sind kostenlos nutzbar, gleichwohl basieren die Spielautomaten, Blackjack- und Roulette-Tische auf dem Free2play-Modell: Sobald die Gratis-Chips aufgebraucht sind, muss der Spieler virtuelle Chips-Pakete nachkaufen, will er sofort weiterspielen. Das Guthaben lässt sich durch täglichen Login, die Verknüpfung mit dem Facebook-Konto, das Einladen von Freunden oder den Konsum eines Werbespots aufladen – also die klassischen Instrumente von Free2play-Titeln. Zwar sind keine Echtgeld-Auszahlungen vorgesehen, allerdings kann der Spieler um den Highscore mitspielen und (geldwerte) Sachpreise gewinnen, etwa Reisen, Smartphones oder Spielkonsolen.

Sind derartige Modelle also als illegales, mindestens aber genehmigungspflichtiges Glücksspiel einzustufen? Mit dieser Frage beschäftigen sich derzeit Gerichte in mehreren US-Bundesstaaten. Im Fokus stehen dabei Unternehmen wie Big Fish Games, Huuuge Games und der israelische Entwickler Playtika, der Ende Dezember 2018 das Berliner Studio Wooga übernommen hat. Weitere Social-Casino-Akteure im deutschsprachigen Raum: die Berliner Filiale von Huuuge Games und der Wiener Entwickler Platogo („Slotpark“).

Online-Casinos im Visier – mit Folgen für deutsche Games-Industrie?

Die deutsche Computerspiel-Branche distanziert sich weiterhin vom Online-Glücksspiel-Gewerbe und zieht eine feine Linie zwischen Gaming und Gambling. So durfte ein Tochterunternehmen des Glücksspiel-Marktführers Gauselmann („Merkur“) Anfang 2017 nicht dem Branchenverbands-Vorläufer BIU beitreten.

Wenige Monate später hat Gauselmann angekündigt, kein Online-Glücksspiel mehr in Deutschland anzubieten. Wer die entsprechende Website aufruft, bekommt nun einen Hinweis eingeblendet: „Das Angebot steht aufgrund dringender Wartungsarbeiten leider nicht zur Verfügung.“ In anderen europäischen Ländern – etwa in Spanien, Italien und Großbritannien – sind die Casinos noch im Netz. Entwickelt werden die Games unter anderem bei der Hamburger Gauselmann-Tochter Edict Gaming.

Die jüngste Entwicklung im Online-Glücksspielmarkt ist ein Beleg dafür, dass die Aufsichtsbehörden weltweit genauer hinsehen, zumal die Grenzen zwischen vermeintlich harmlosen Smartphone-Games und eindeutigem Glückspiel zunehmend verschwimmen. Dies zeigt auch die Debatte um die umstrittenen Lootboxen („Beuteboxen“), die zufällige Spielelemente gegen Geldeinsatz freischalten. Krankenkassen, Suchtforscher und die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) stufen Lootboxen als Glücksspiel ein. Bei unseren europäischen Nachbarn in den Niederlanden und in Belgien sind im vergangenen Jahr Lootbox-Verbote in Kraft getreten.

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