Start Politik Glücksspiel-Werbung: Hamburg zeigt Tipico und Bwin an (Update)

Glücksspiel-Werbung: Hamburg zeigt Tipico und Bwin an (Update)

Schleswig-Holstein (Abbildung ähnlich) hält am Sonderweg mit Blick auf die Glücksspiel-Regulierung fest (Foto: GamesWirtschaft)
Schleswig-Holstein (Abbildung ähnlich) hält am Sonderweg mit Blick auf die Glücksspiel-Regulierung fest (Foto: GamesWirtschaft)

Die „wunderbare Casino-Welt“ von Anbietern wie Wunderino, Hyperino oder DrückGlück richtet sich nur an Glücksspieler in Schleswig-Holstein – soweit die Theorie.

Update vom 24. Juni 2020: Hamburg macht Ernst: Die Innenbehörde der Hansestadt hat nach Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung eine Strafanzeige gegen die Sportwetten-Riesen Tipico, Bwin und Bet3000 gestellt. Auf Anfrage habe die Hamburger Staatsanwaltschaft bestätigt, dass diese Anzeigen derzeit geprüft werden.

Im Raum steht die „unerlaubte Veranstaltung eines Glücksspiels“ – konkret: die Online-Casino-Angebote auf den Websites der drei Unternehmen, darunter Roulette, Poker, Black-Jack und Spielautomaten.

Bwin ist unter anderem Partner von Borussia Dortmund und des Deutschen Fußballbunds (DFB)  – Tipico ist langjähriger Sponsor des FC Bayern München: Vorstand Oliver Kahn wirbt für den Anbieter in TV-Spots. Auf NDR-Anfrage halten sowohl Bwin als auch Tipico an der Einschätzung fest, dass der bislang geltende Glücksspiel-Staatsvertrag gegen Europarecht verstoße.

Bis zum Inkrafttreten der Glücksspiel-Reform vergeht noch ein gutes Jahr. Mehrere Bundesländer plädieren dafür, Gesetzesverstöße bis auf Weiteres zu dulden – Bremen, Niedersachsen, Hamburg und Baden-Württemberg sind strikt dagegen, ebenso Suchtberatungsstellen und die Bundesdrogenbeauftrage Daniela Ludwig (CSU).

Update vom 19. Juni 2020: Unter den Bundesländern tobt ein Streit um die vorläufige  „Duldung“ von Online-Casinos. Nach NDR-Recherchen setzen sich insbesondere Hessen und Sachsen dafür ein, Angebote ohne Lizenz bis auf Weiteres nicht juristisch zu belangen.

Hintergrund: Für das kommende Jahr ist das Inkrafttreten des neuen Glücksspiel-Staatsvertrags geplant, der den Marktzutritt und die Werbung neu regelt. Bislang ist Online-Glücksspiel in Deutschland verboten: Zwölf Anbieter berufen sich auf eine umstrittene Lizenz des Landes Schleswig-Holstein (siehe nachfolgende Einträge).

Strikt gegen ein solches Moratorium haben sich Bundesländer wie Hamburg, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Brandenburg ausgesprochen. Auf NDR-Anfrage betont zum Beispiel das Land Bremen, dass es keinen Anlass für eine vorläufige Duldung gebe, da Glücksspiel mit hoher Suchtgefahr verbunden sei.

Kritik an der Aussetzung der Strafverfolgung kommt auch vom Fachverband Glücksspielsucht. Der Plan von Hessen und Sachsen sei „weder aus suchtpolitischer noch aus rechtsstaatlicher Perspektive nachvollziehbar“ – dadurch werde das Vertrauen in den Rechtsstaat untergraben. Die Ehrlichen wären demnach „die Dummen“. Der Verband fordert Gesetzestreue von Marktteilnehmern, die sich im nächsten Jahr um die neue Lizenz bewerben wollen.

Aus Sicht der Bundesdrogenbeauftragten Daniela Ludwig (CSU) ist die Duldung von illegalem Glücksspiel „absolut inakzeptabel“.

Update vom 10. Juni 2020: „Dieses Angebot gilt nur für Personen mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthaltsort in Schleswig-Holstein“ – es ist just dieses Kleingedruckte, das ein Dutzend Online-Casino-Anbieter wie Hyperino, Wunderino & Co. dazu ermächtigt, breitflächig im Fernsehen für Glücksspiel-Portale zu werben.

Mit solchen Lizenzen bildet das nördlichste Bundesland weiterhin eine Ausnahme – andere Bundesländer reagieren zunehmend gereizt auf diesen Sonderweg. Die Drähte in die Glücksspiel-Industrie sind so intensiv, dass die Heimstätte von Handballmeister THW Kiel ab 1. Juli den Namen „Wunderino-Arena“ trägt.

Jetzt hat die Landesmedienanstalt Saarland (LMS) zwei „marktstarken Internet-Casino-Betreibern“ die Werbung für einzelne Angebote untersagt. Um welche Unternehmen es sich handelt, geht aus der Meldung nicht hervor.

In der Praxis bedeutet dies, dass beide Anbieter nicht mehr im saarländischen Teil des World Wide Web für „nicht erlaubnisfähiges öffentliches Glücksspiel“ werben dürfen.

Zur Begründung verweist die LMS auf eine vorgebliche Zusage Schleswig-Holsteins, für eine Begrenzung der Werbung sorgen zu wollen. Dies ist offenkundig nicht geschehen. Denn die zurückliegenden Wochen und Monate vermitteln den gegenteiligen Eindruck: Bei Privat- und Nischen-Sendern – von N-TV bis Sport1 – läuft mehr TV-Werbung für Online-Casinos denn je. Die LMS sorgt sich insbesondere um Kinder und Jugendliche, zumal die Werbung zu allen Tageszeiten geschaltet wird.

„Die LMS hat sich daher ent­schlos­sen, Schrit­te zu ergrei­fen, damit über schleswig-holsteinische Allein­gän­ge unter der Gel­tung des aktu­el­len Glücks­spiel­staats­ver­tra­ges nicht das Ziel der Glücks­spiel­sucht­be­kämp­fung gera­de auch in Corona-Zeiten mas­siv gefähr­det wird“, kündigt LMS-Direktorin Ruth Meyer an.

Die Bundesländer haben sich auf einen neuen Glücksspiel-Staatsvertrag verständigt, der im kommenden Jahr in Kraft treten soll und just die beanstandete Werbung für Online-Poker und -Casinos bundesweit zulässt. Allerdings sieht das neue Regelwerk auch Werbebeschränkungen sowie Auflagen zur Suchtprävention vor, beispielsweise Einzahlungs-Limits.

Dem politischen Druck haben sich offenbar bereits marktführende Zahlungsdienstleister gebeugt: Nach einem NDR-Bericht hat Kreditkartenanbieter Visa seine Partnerbanken angewiesen, dass sie keine Zahlungen für illegale Online-Casinos mehr abwickeln dürfen. Das federführende niedersächsische Innenministerium ist laut NDR mit 20 Dienstleistern im Gespräch.

Update vom 20. April 2020: Dürfen Spielhallen während der Corona-Krise öffnen? Nein, hat das nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht in der vergangenen Woche entschieden. Begründung: Der Gesundheitsschutz habe Vorrang. Weil Spielotheken geschlossen bleiben müssen, intensivieren Online-Casinos spürbar die TV- und Online-Werbung.

Besonders umtriebig: Mr Green, DrückGlück und Megapixel Entertainment, das in Deutschland unter den Marken „Wunderino“ und „Hyperino“ auftritt. Besonders aggressiv wird derzeit für Hyperino geworden: Scooter-Frontmann H. P. Baxxter trommelt für die Website mit dem Slogan „Dein Casino ohne Schnickschnack“. Analog zu anderen Angeboten lockt Hyperino mit Freispielen.

Wenngleich bundesweit geworben wird, gilt das Angebot vorgeblich „nur für Personen mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthaltsort in Schleswig-Holstein“. Hintergrund dieser wundersamen Floskel: Schleswig-Holstein ist das einzige Bundesland, das bis auf Weiteres Online-Glücksspiel-Genehmigungen erteilt. Zwölf Anbieter besitzen derzeit eine solche Lizenz.

Abgesehen von dieser Ausnahme ist Online-Glücksspiel in Deutschland grundsätzlich illegal. Fundamentale Fortschritte mit Blick auf Spielerschutz, Suchtprävention und nicht zuletzt Steuereinnahmen versprechen sich Branche und Bundesländer von einer Reform des zugrundeliegenden Glücksspiel-Staatsvertrags, der allerdings erst Mitte 2021 in Kraft treten soll.

Update vom 22. Januar 2020: Laut dpa haben sich die Bundesländer auf eine Reform des Glücksspiel-Staatsvertrags verständigt. Was sich konkret ändert (und zwar bundesweit), erfahren Sie in dieser Zusammenfassung.

Update vom 5. Dezember 2019: Kaum eine Woche vergeht, ohne dass neue Anbieter von Casino-Portalen mit flächendeckender TV-Werbung aggressiv um Kunden buhlen. Neu auf dem Markt ist zum Beispiel Wildz: Analog zu anderen Betreibern wird im Werbespot Domain Wildz.de beworben – dort sind ausschließlich kostenlose, anmeldefreie Spiele ohne Geldeinsatz zu finden. Die Website wird von einem Unternehmen mit Sitz in Gibraltar betrieben.

Gleichzeitig bewirbt der Spot mit dem tanzenden Gorilla natürlich auch die Marke „Wildz“. Wer stumpf nach „Wildz“ googelt, wird schon auf der ersten Treffer-Seite fast ausschließlich auf die zugehörigen .com-Domains verwiesen – inklusive klassischer Spielautomaten, Roulette, Blackjack und so weiter. Auf der Startseite des deutschsprachigen Portals werden Freispiele und Boni für die Ersteinzahlung angepriesen. Weil die .com-Portale der maltesischen Glücksspiel-Aufsicht unterliegen, haben die deutschen Behörden keine Handhabe.

Online-Glücksspiel ist in Deutschland illegal – einzig Schleswig-Holstein erteilt Lizenzen, die allerdings nur für Bewohner dieses Bundeslands gelten. Dies ist auch der Grund, warum Anbieter wie Wunderino oder DrückGlück in ihren bundesweit ausgestrahlten TV-Spots auf diese Einschränkung hinweisen (müssen).

Update vom 4. Dezember 2019: Geht es nach den Vorstellungen der Bundesländer, soll der Online-Glücksspielmarkt komplett unter staatliche Aufsicht gestellt werden. Das berichtet die FAZ unter Berufung auf einen Entwurf der CDU-geführten NRW-Staatskanzlei. Auch der Deutsche Lotto- und Totoblock (DLTB) hat sich zuletzt gegenüber den Ländern für eine stärkere Regulierung stark gemacht, um dem Grau- und Schwarzmarkt einen Riegel vorzuschieben.

Update vom 19. September 2019: Laut dpa-Meldung hat sich Schleswig-Holsteins Landesregierung aus CDU, Grünen und FDP zusammen mit der Opposition der SSW auf eine einheitliche Position zum Thema Glücksspiel verständigt. Demnach will sich das Bundesland für eine staatliche Regulierung und Überwachung des Online-Glücksspiel-Markts einsetzen – auch, um Betrug und Geldwäsche zu unterbinden. Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) wird mit den Worten zitiert, es sei Pflicht der Politik, den legalen entgeltlichen Spielkonsum „auf einen angemessenen Umfang zu beschränken“.

Online-Casinos: Warum richten sich DrückGlück, Wunderino & Co. nur an Spieler in Schleswig-Holstein?

Meldung vom 16. September 2019: Wer es versäumt, rechtzeitig aus TV-Werbepausen herauszuzappen, entkommt ihnen nur schwerlich: Spots, die für Online-Casinos wie „Wunderino“ oder „DrückGlück“ werben. Der Deal: 10 Euro einzahlen – mit 50 Euros spielen. Off-Sprecher und Text weisen pflichtschuldig darauf hin, dass sich das Angebot nur an die etwas mehr als 2 Millionen volljährigen Spieler in Schleswig-Holstein richtet – nicht aber an den Rest der Republik.

Der Grund für diese außergewöhnliche Klausel: Schleswig-Holstein ist das einzige Bundesland, das bis auf Weiteres Online-Glücksspiel-Genehmigungen erteilt. Zwölf Lizenznehmer listet die Website der Landesregierung derzeit, darunter bekannte Marken wie Pokerstars, Merkur, Löwen Play und Tipico (respektive deren Auslands-Töchter).

Die deutsche Rechtslage ist eindeutig: Ein Staatsvertrag (GlüStV) verbietet das „Veranstalten und Vermitteln öffentlicher Glücksspiele im Internet“. Die sechzehn Bundesländer streiten seit Jahren um eine grundlegende Glücksspiel-Reform, explizit mit Blick auf Online-Angebote und Apps. Die schwarz-gelb-grüne Landesregierung von Schleswig-Holstein hat mit den Stimmen von FDP, AfD und Südschleswigschem Wählerverband (SSW) die Ausnahmeregelung bis zum Ende der Laufzeit des derzeitig gültigen Staatsvertrag im Juni 2021 verlängert.

Das Problem: Offiziell gilt die Zulassung nur für die im TV beworbenen Angebote wie Drückglück.de und Wunderino.de. Wer diese Websites ansteuert, erfährt zum Beispiel: „Diese Spieleplattform ist nur für Bewohner von Schleswig-Holstein.“ Wer aber nach „Drück Glück“ oder „Wunderino“ googelt, landet auf einer deutschsprachigen Unter-Seite der .com-Domain – außerhalb des Zugriffsbereichs der hiesigen Behörden. Dort können auch Nutzer außerhalb Schleswig-Holsteins zocken, und zwar mit Echtgeld. Geschäftspartner in beiden Fällen ist die Muttergesellschaft mit Sitz auf Malta. Die Mittelmeer-Insel ist für die großzügige Regulierung des Glücksspiel-Wesens bekannt.

Der Vorgang stößt auf zunehmende Kritik befreundeter Behörden: Laut Norddeutschem Rundfunk (NDR) hat die Hamburger Glücksspiel-Aufsicht die Kollegen in Kiel in forschen Worten aufgefordert, die bundesweite TV-Werbung zu unterbinden. Das Land Schleswig-Holstein verteidigt das Vorgehen und will daran festhalten – mit Verweis auf Jugendschutz und Suchtprävention. Nur mit legalen Angeboten könne man den prosperierenden Online-Glücksspiel-Grau- und Schwarzmarkt in den Griff bekommen – und natürlich an Steuereinnahmen partizipieren.

Kommt es zu einer Liberalisierung des Online-Glücksspielmarkts, hätte dies auch Auswirkungen auf die deutsche Computerspiele-Industrie. Bislang müht sich die Entwickler-Landschaft um eine scharfe Abgrenzung zum Glücksspiel-Wesen, nicht nur mit Blick auf die umstrittenen Lootboxen. So hat der Branchenverband BIU (inzwischen: Game) die Mitgliedschaft einer Tochter-GmbH des Automaten-Riesen Gauselmann rückabgewickelt.

Gleichwohl gibt es eine Reihe von Unternehmen, die schon jetzt im schmalen Fenster zwischen Gaming und Gambing aktiv sind, etwa der Hamburger Spielehersteller Whow Games: Statt Geldpreisen werden Ingame-Chips und geldwerte Sachpreise (Spielkonsolen, Notebooks, Tablets) ausgelobt. Im Dezember 2018 wurde außerdem das Berliner Mobilegames-Studios Wooga vom israelischen Anbieter Playtika („Caesars Casino Online“, „Slotomania“, „Poker Heat“) übernommen.

Das sind die 30 größten Spiele-Entwickler und Studios in Deutschland (Stand: 15. August 2019)
Das sind die 30 größten Spiele-Entwickler und Studios in Deutschland (Stand: 15. August 2019)

2 Kommentare

  1. Wieso kann ich mich mit einer Adresse außerhalb von SH registrieren? Es wird nach Eingabe der Postleitzahl kein Ablehnungshinweis angezeigt wegen einer Postleitzahl außerhalb von SH. Stattdessen erscheibt eine Liste mit sllen Straßennamen, die zur Postleitzahl gehören.

    Das mit „Für SH“ ist also die reinste Verarsche.

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