Start Politik Kieler eSport-Wende: Günther rudert zurück

Kieler eSport-Wende: Günther rudert zurück

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) - Foto: CDU / Laurence Chaperon
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) - Foto: CDU / Laurence Chaperon

Überraschendes Manöver an der Förde: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther schließt sich der kritischen eSport-Haltung des DOSB an.

Vor einem Jahr ließ sich Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) noch im eSport-Dress vor der ESL-Arena des Wacken Open Air 2018 ablichten. Gleichzeitig sollten große eSport-Events ins nördlichste Bundesland geholt werden – so hat es die regierende Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grüne bereits 2017 im Koalitionsvertrag vereinbart. Noch im Oktober 2018 wurde deshalb eine halbe Million Euro für eine eSport-Akademie in Kiel locker gemacht.

Ende April verschickte die Staatskanzlei schließlich eine Pressemitteilung, wonach „Schleswig-Holstein bei der Förderung des eSports bundesweit Vorreiter“ sei. Seitdem können Gemeinden und Vereine staatliche Zuschüsse für Trainingsräume, Turniere und Infrastruktur (etwa Computer und Konsolen) beantragen.

Fast forward in den Sommer 2019: Bei seiner Rede beim Verbandstag des Landessportverbands Schleswig-Holstein (LSV) lässt der 46jährige Regierungs-Chef durchblicken, dass sich sein Blick auf den eSport in den vergangenen Monaten verändert habe – und zwar „nach zahlreichen informativen und aufklärenden Gesprächen“. Demnach schließe sich nun die Landesregierung der Auslegung des Sportverbands und des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) an.

Anstelle von „eSport“ werden somit „virtuelle Sportsimulationen“ betrieben – also das, was sich aus real existierenden Sportarten ableitet. In der Praxis bedeutet dies: „FIFA 19“, „Pro Evolution Soccer“ (PES) oder „NBA 2K19“. Von dieser Ausweitung der Definition könne auch die zugrundeliegende Sportart profitieren.

Ausdrücklich nicht dazu gehöre das, was der DOSB unter ‚eGaming‘ versteht – etwa Shooter („Call of Duty“, „Rainbow Six Siege“, „Fortnite“) und Strategiespiele („League of Legends“, „Dota 2“). Und deshalb könne es hier auch keine Unterstützung via Sportförderung geben, so Günther – allenfalls ließe sich über eine Unterstützung des Segments im Zuge der Wirtschaftsförderung sprechen. Mit dem, was der organisierte Sport leiste, habe eGaming jedenfalls nichts zu tun.

Nachfrage in der Staatskanzlei: Welche Argumente mögen den Ministerpräsidenten bewogen haben, seine Meinung zu korrigieren? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Schleswig-Holstein? Antworten soll es nach der parlamentarischen Sommerpause geben.

Klar ist: Nimmt man die Aussagen des CDU-Politikers ernst, dann dürfte kein Cent aus den schleswigholsteinischen Fördertöpfen an eSport-Einrichtungen wandern, die andere Disziplinen pflegen als „FIFA 19“ oder „PES 2019“.

Zur Meinungsbildung hat möglicherweise auch eine Landtags-Anhörung im Januar beigetragen, bei der es eine hitzige Debatte um die Frage gegeben hatte, ob die Ausübung von „Baller-Spielen“ überhaupt dem Gemeinwohl diene und somit förderfähig sei. Zudem gäbe es – anders als im Sport – keine Regelautonomie, denn die Spielregeln schreibt nun mal der jeweilige Spielehersteller vor. Auch beim Thema Sucht und Gewaltdarstellung gebe es weiterhin offene Fragen.

Wem gehört der eSport? Die Top 10 der wichtigsten Disziplinen - plus das Verfolgerfeld (Stand: März 2018)
Wem gehört der eSport? Die Top 10 der wichtigsten Disziplinen – plus das Verfolgerfeld (Stand: März 2018)

Beim eSport-Bund Deutschland (ESBD) sieht man den Sinneswandel des CDU-Spitzenpolitikers gelassen: Grundsätzlich sei der Ministerpräsident durch den Koalitionsvertrag und Landtagsbeschlüsse gebunden. Er nehme weiterhin die „enorme Unterstützung des Landes Schleswig-Holstein für eSport“ wahr, so ESBD-Präsident Hans Jagnow. Die öffentliche Förderung käme den lokalen Vereinen zugute.

Beim DOSB hingegen nimmt man erfreut zur Kenntnis, dass sich der Ministerpräsident der Position des Spitzensportverbands anschließt.

Die unmissverständliche Klarstellung von Daniel Günther vor den LSV-Delegierten dürfte nicht dazu beitragen, dass sich das ohnehin belastete Verhältnis zwischen DOSB und ESBD zeitnah entspannt. Spekulationen über einen Abbruch der wechselseitigen Annäherung weisen beide Verbände zurück – indes sind die Fronten spätestens seit der nahezu einstimmigen DOSB-Mitgliederversammlung vom Herbst 2018 verkantet.

  • Der ESBD reklamiert weiterhin einen Dialog auf Augenhöhe, nimmt aber „viele Vorurteile und Bauchgefühle“ wahr. Deshalb werde die eSport-Lobby den Dialog an anderer Stelle weiterführen, nämlich dort, wo eher Chancen als Gefahren gesehen werden.
  • Der DOSB verweist seinerseits auf einen Schriftwechsel, in dem noch einmal die bekannten Argumente ausgetauscht worden seien. „Wie wir in unserer Positionierung zu Virtuellen Sportarten und eGaming deutlich gemacht haben, entspricht eGaming aus unserer Sicht nicht ansatzweise den Kernbedeutungen und Handlungslogiken, auf denen das Sport- und Verbändesystem unter dem Dach des DOSB aufgebaut ist“, so eine DOSB-Sprecherin gegenüber GamesWirtschaft.

Hauptstreitpunkt ist weiterhin die Frage, ob eSport per se als gemeinnützig anerkannt werden darf und soll. Dadurch würden eingetragene Vereine unter anderem von der Körperschafts-, Gewerbe- und Grundsteuer befreit, dürften EU- und Bundesfördermittel abrufen und Spenden entgegen nehmen. Eine Mehrheit der Körperschaftssteuer-Referatsleiter von Bund und Ländern hat sich mittlerweile dagegen ausgesprochen, eSport als gemeinnützig anzuerkennen. Während Bundesländer wie Sachsen-Anhalt eine tendenziell eSport-freundliche Politik pflegen, lässt unter anderem Hessens Sportminister Peter Beuth keine Gelegenheit ungenutzt, um gegen den eSport zu schießen.

Auch die bundespolitischen Ressort-Zuständigkeiten sind weiterhin völlig ungeklärt. Formell liegt die nationale Verantwortung für den eSport zwar bei Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), allerdings will man dort die Vokabel „eSport“ nur im DOSB-Sinne interpretiert wissen. Daraus resultiert ein geradezu bleierner Stillstand, wie der ESBD zuletzt anlässlich des Sportberichts der Bundesregierung beklagte.

Neue Impulse könnten von der Gamescom 2019 (ab 20. August in Köln) ausgehen: Dort werden wieder Dutzende Bundes- und Landespolitiker erwartet.

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