Start Meinung DCP 2022: Wer stiehlt mir die Show? (Fröhlich am Freitag)

DCP 2022: Wer stiehlt mir die Show? (Fröhlich am Freitag)

Deutscher Computerspielpreis 2022: Moderator Uke Bosse musste auf die Corona-erkrankte Katrin Bauerfeind verzichten (Foto: Franziska Krug / Getty Images for Quinke Networks)
Deutscher Computerspielpreis 2022: Moderator Uke Bosse musste auf die Corona-erkrankte Katrin Bauerfeind verzichten (Foto: Franziska Krug / Getty Images for Quinke Networks)

National, international, total egal: Beim Deutschen Computerspielpreis werden immer noch internationale Blockbuster ausgezeichnet – warum eigentlich?

Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,

am gestrigen Abend wurden wir Zeuge gleich mehrerer Eigentums-Delikte, die sich in der Münchener Tonhalle zugetragen haben. Dort fand der Deutsche Computerspielpreis 2022 statt, zu dem sich Laudatoren, Preisträger und ausgewählte Branchenvertreter verabredet hatten. 800.000 € Steuergeld wurden an diesem Abend verteilt (Gewinner / Nominierte / Jury / Ticker-Protokoll / YouTube-Aufzeichnung).

Die erste Person, der die Show gestohlen wurde, hieß tragischerweise Katrin Bauerfeind. In ihrem außergewöhnlich quotenstarken ProSieben-Quiz-Format taucht die Moderatorin stets relativ spät auf, nämlich erst als Spielleiterin im großen Finale – wenn Joko Winterscheidt ’seine‘ Show gegen einen Herausforderer verteidigt.

Bauerfeinds Endgegner bestand gestern aus zwei hellroten Strichen auf einem Corona-Teststreifen, was die gebuchte Gastgeberin zur Hotelzimmer-Quarantäne zwang. Co-Moderator Uke Bosse musste die Sendung also notgedrungen alleine über die Zeit bringen, was ihm über weite Strecken souverän gelang. Die vorbereiteten Multiplayer-Dialoge auf den Moderationskärtchen waren indes Makulatur.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Der zweite, der vorübergehend die Show entwendete, ist Maximilian Knabe alias HandOfBlood. Der Gründer, Streamer, YouTube-Star und Moderator, der unterjährig Kurt Krömer und Helge Schneider über Greenscreen-Autobahnen chauffiert, nutzte den Sieg in der Kategorie „Spieler / Spielerin des Jahres“ für eine minutenlange Würdigung seiner Belegschaft. Zuvor ließ er sich in einem Will-Smith-Gedächtnis-Moment instinktiv von Vorjahressiegerin und Agentur-Kollegin Gnu abklatschen.

Wenngleich ungefähr null Zweifel an Knabes Preiswürdigkeit bestehen (insbesondere mit Blick auf seine Haltungs-Noten), so zeigt sich doch erneut die serienmäßig eingebackene Unwucht von Publikumspreisen. Faustregel: Reichweite gewinnt – immer. Seine vier Mitbewerber hätten da schon zusammenlegen müssen, um in dieser Disziplin ansatzweise etwas reißen zu können.

Und dann sind da noch die beiden internationale Kategorien, die aus historischen Gründen fester Bestandteil des Deutschen Computerspielpreises sind. Aber warum werden überhaupt Produkte wie Elden Ring, Horizon: Forbidden West, Forza Horizon 5 oder It Takes Two nominiert und prämiert?

Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik. In den DCP-Gründerjahren musste die Games-Industrie das Preisgeld noch zur Hälfte selbst tragen – erst seit dem Jahrgang 2020 übernimmt der Bund die komplette Finanzierung. Und wenn die großen Publisher schon Geld innerhalb der Branche umverteilen, dann erschien es ja nicht zu viel verlangt, dass die deutschen Niederlassungen auch mal einen (undotierten) Preis abholen und im Scheinwerferlicht baden.

Die sich abwechselnden Staatskanzleien in Berlin und München – Letzteres ein Artefakt aus einer Zeit, als die CSU für die Games-Politik ‚zuständig‘ war – richten die Preisverleihung aus. Im Gegenzug gibt es ein schönes Logo an der Fotowand sowie einen politischen Werbeblock in Form eines Laudatoren-Postens – eine Gelegenheit, die Ministerpräsident Markus Söder gestern abermals ungenutzt ließ.

Noch am Vortag hatte die Staatsregierung Söders Teilnahme angekündigt. Was der CSU-Chef stattdessen vorhatte? Unklar. Corona, Krieg, Lanz, irgendwas ist ja immer.

Jedenfalls: Jetzt, da der Computerspielpreis analog zu anderen Kulturpreisen vollständig aus der Staatskasse bezahlt wird, gibt es exakt keinen Grund mehr, internationalen Spielen Sendezeit zuzugestehen. Selbst die Plätze 2 und 3 in der Hauptkategorie „Bestes deutsches Spiel“, die ja immerhin 30.000 €-Schecks erhalten, mussten sich mit kurzen Trailern begnügen – von den abgefrühstückten Nominierten in den angeblich ja so wichtigen Nachwuchs-Kategorien ganz zu schweigen.

Mehr noch: Die ausgiebige Huldigung von internationalen AAA-Produktionen widerspricht aus meiner Sicht dem Geist der Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Verband: „Es ist das gemeinsame Ziel der Vertragsparteien als Träger des Deutschen Computerspielpreises, dass mehr Menschen in Deutschland entwickelte digitale Spiele entdecken.“

In. Deutschland. Entwickelte. Spiele.

In den Sieger-Titel It Takes Two des schwedischen Studios Hazelight hatte zum Beispiel Electronic Arts weit über 3 Millionen Euro investiert – während Deutschland für den US-Konzern weiterhin in allerallerallererster Linie Absatzmarkt bleibt, Förderung hin oder her. Trotzdem gab es für diese Nicht-Leistung gestern schon wieder eine DCP-Trophäe, wie bereits 2020 für Apex Legends und Star Wars Jedi: Fallen Order – wir gratulieren.

Beim Deutschen Filmpreis käme niemand auf die Idee, die Arbeitsnachweise heimischer Kino-Schaffender mit Hollywood-Glamour zu verwässern. Wenn sich Spiele-Industrie und Politik schon vorgenommen haben, zumindest einen Abend lang Games made in Germany zu feiern, dann sollten ihnen internationale Blockbuster nicht die Show stehlen.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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2 Kommentare

  1. Kann es nicht sein, dass die deutschen Dpiele einfach nur Mist sind? Sowas wie Sea of Solitude ist doch stinklangweilig und mit seinem depressiven Unterton typisch deutsch. Und wer stastliche Fördergelder will, muss sich dann auch entsprechenden Vorgaben unterwerfen. Ob des dan Spielen gut tut?

    • Welche „entsprechenden Vorgaben“ könnten das sein, die ein gutes Spiel verhindern? Inhaltlich gibt es keine Begrenzungen, auch nicht mit Blick auf Altersfreigaben oder Genres.

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