Start Meinung Fröhlich am Freitag 46/2019: Zahltag im Haus des Geldes

Fröhlich am Freitag 46/2019: Zahltag im Haus des Geldes

Eine Viertelmilliarde Euro fließt zwischen 2019 und 2023 in die deutsche Games-Förderung (Foto: Fröhlich)

Die Branche in Feierlaune: In den kommenden vier Jahren wird der Steuerzahler 200 Millionen Euro in Computerspiele made in Germany investieren.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

es war am frühen Donnerstag-Nachmittag, als SPD-Haushaltspolitiker Johannes Kahrs das Foto eines stattlichen, mit Metzgerzwiebeln gespickten Mett-Igels twitterte. Schon wenige Minuten später wirkte der rot-weiß-melierte Zwiebel-Mett-Sonic mitsamt seiner traurigen Kapern-Äuglein, als sei er vor dem Kanzleramt von einem E-Scooter touchiert worden.

Der herzhafte Imbiss wurde während der Bereinigungssitzung im Haushaltsausschuss des Bundestags gereicht und ist – wie man hört – eine Art Tradition in dieser Marathon-Sitzung, die auch diesmal bis in die frühen Morgenstunden des heutigen Freitags dauern sollte. Neben respekteinflößend hohen Stapeln mit dicken Aktenordnern gehört der Mett-Igel quasi zum Inventar dieses Höhepunkts im Kalender des 42köpfigen Haushaltsausschusses.

„Bereinigungssitzung“ klingt danach, als würde der Bundeshaushalt 2020 in einem finalen Kraftakt von teuren Prestige-Projekten und Wahlkreis-Geschenken befreit, also: bereinigt. Doch das exakte Gegenteil ist der Fall: „Bereinigt“ werden vor allem die Festgeldkonten und Tresorräume von Finanzminister Olaf Scholz.

Wer tagsüber die Social-Media-Accounts der Fraktionen verfolgte, musste den Eindruck gewinnen, die Groko-Politiker würden sich in rote Overalls werfen, eine Dalí-Maske aufziehen und ein Schließfach nach dem anderen leer räumen – wie in der Netflix-Serie „Haus des Geldes“. 15 Millionen für die Sanierung des Bamberger Rathauses, 45 Millionen Euro für ein noch zu gründendes „Deutsches Foto-Institut“, 450 Millionen für das „Museum des 20. Jahrhunderts“ in Berlin … es konnte einem schwindlig werden.

Freilich wurde auch kräftig investiert, zum Beispiel sieben Milliarden ins Klima, eine halbe Milliarde in Künstliche Intelligenz oder eben jährlich 50 Millionen Euro in die Entwicklung von Computerspielen in Deutschland.

Dass es zu Letzterem kommt, war alles andere als sicher. Die Anspannung bei Verband und Entwicklern war mit Händen greifbar – umso verständlicher ist die Erleichterung über diesen geradezu spektakulären Lobby-Erfolg.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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In den zurückliegenden Tagen und erst recht während der Haushaltsausschuss-Sitzung hatten sich bereits Hinweise verdichtet, dass Union und SPD ihre Koalitionsvertrags-Zusage einhalten und die „Hängepartie“ (Game-Geschäftsführer Falk) beenden und dadurch ein „politisches Desaster“ (Bayerns Digitalministerin Gerlach) verhindern.

In weiser Voraussicht hatten CDU-Haushälter Rüdiger Kruse und CSU-Digital-Staatsministerin Dorothee Bär tagsüber einen Stuhlkreis gebildet, um ein gemeinsames Video zu drehen, das zu später Stunde veröffentlicht werden sollte. Als die Fortsetzung der Games-Förderung beschlossen wurde, war Bär nämlich nicht abkömmlich – zu diesem Zeitpunkt saß sie im ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin-Mitte bei Maybritt Illner.


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Zur selben Zeit lieferte der Verursacher des Förder-Schlamassels – Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) – via Twitter eine sehr exklusive Interpretation der Gemengelage. Demnach sei seine „ursprüngliche Anmeldung im Kabinettsbeschluss zunächst nicht berücksichtigt“ worden. Jetzt sei sie glücklicherweise „reaktiviert“ worden. Personen, die mit dem Thema aus nächster Nähe be- und vertraut sind, haben den Vorgang ganz anders in Erinnerung. Demnach sei die Games-Förderung vom Verkehrsminister von Anfang an schlichtweg nicht priorisiert worden – und fiel deshalb mit Anlauf hinten runter.

Aber sei’s drum – die Sache ist ja jetzt ebenso gegessen wie der Mett-Igel.

Ganz vom Eis ist die Kuh allerdings noch nicht. Damit ab 2020 auch Subventionen in hoher sechs- bis niedrig siebenstelliger Höhe ausbezahlt werden können, ist zunächst noch das Okay seitens der EU-Wettbewerbshüter vonnöten. Seine Behörde habe bereits die „Empfehlungen der EU“ umgesetzt, beteuert der Minister. Eine Europäische Kommission, die statt knallharter Vorgaben nur sanfte „Empfehlungen“ ausspricht – noch so eine Scheuer-Vokabel, mit dem die Branche weiterhin viel Freude haben wird. Denn die Zuständigkeit für Förderung und Computerspielpreis verbleibt vorerst im BMVI.

Für Deutschlands Spiele-Entwickler, für Studios, Publisher und internationale Investoren ist der 14. November 2019 jedenfalls ein richtig guter Tag, um nicht zu sagen: Feiertag. Ab sofort sind die Games-Produzenten gefordert, das Vertrauen der Politik buchstäblich zurückzuzahlen – damit das 200-Millionen-Paket auch tatsächlich zu jenem guten Geschäft für Finanzminister und Steuerzahler wird, wie es der Verband namens der Branche versprochen hat.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Alle Folgen der Kolumnen-Serie finden Sie in der Rubrik „Meinung“.

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