Start Meinung Fröhlich am Freitag 23/2019: Google Stadia – das große Missverständnis

Fröhlich am Freitag 23/2019: Google Stadia – das große Missverständnis

Der Stadia-Controller ist zwingende Voraussetzung für den Betrieb von Stadia am TV-Gerät (Abbildung: Google)
Der Stadia-Controller ist zwingende Voraussetzung für den Betrieb von Stadia am TV-Gerät (Abbildung: Google)

Noch im November 2019 will Google erstmals Blockbuster via Stadia in die deutschen Haushalte streamen. Von einem „Netflix für Games“ könnte das Konzept nicht weiter entfernt sein.

Fröhlich am Freitag 23/2019: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

Was zur Hölle verkauft Google da eigentlich genau?
Und zu welchem Preis?
Und ab wann?

Auch US-Medienvertreter hatten zunächst erkennbare Schwierigkeiten, die Informationen des halbstündigen Werbevideos in die richtige Reihenfolge zu bringen, das Google gestern Abend ins Netz gestellt hatte – so, als würde man das erste Mal Tarantinos „Pulp Fiction“ gucken.

Dröseln wir es mal auf.

Erkenntnis 1: Stadia ist nicht das „Netflix für Games“, als das es zunächst verkauft wurde. Möglicherweise haben Öffentlichkeit und Journalisten auch einfach zu viel in das hineininterpretiert, was im März angekündigt wurde – und Google hat logischerweise alles unterlassen, um diesen Eindruck zu korrigieren.

Zwar ist die Nutzung des Streaming-Dienstes kostenlos, doch Stadia setzt weiterhin auf den Einzelverkauf von Spielen – der Spieler wird für „Baldur’s Gate 3“ oder „Ghost Recon Breakpoint“ separat blechen müssen. Die Abogebühr von 9,99 Euro für „Stadia Pro“ ist lediglich eine Art 4K-HDR-60-Bilder-pro-Sekunde-5.1-Sound-Gebühr – plus Zugriff auf ältere Titel wie „Destiny 2“. Um hier mit dem Mitbewerb mithalten zu können, wird sich Google strecken müssen: Im Xbox Game Pass (ebenfalls 9,99 Euro pro Monat) sind Microsoft-Neuheiten wie „Sea of Thieves“ bereits inklusive. EA Access gibt es schon für 3,99 Euro – weitere Dienste dieser Art werden folgen.

Erkenntnis 2: Stadia ist weniger disruptiv als erhofft / erwartet / befürchtet. Der Live-Betrieb von „Assassin’s Creed Odyssey“ oder „Shadow of the Tomb Raider“ wird sich via Stadia im allerbesten Fall (sprich: maximale Bandbreite) genauso anfühlen, als würde man die Spiele auf einer handelsüblichen Xbox One oder PlayStation 4 betreiben. Denn ob die Spieldaten nun von den Konsolen-Chips oder aber auf einem externen Server errechnet werden, ist ja aus Spieler-Sicht zunächst mal völlig egal – das Ergebnis ist identisch.

Erkenntnis 3: Einschalten und loslegen? Von wegen: Völlig ohne Zusatz-Hardware funktioniert auch Stadia nicht. Wer das System als Konsolen-Ersatz fürs Wohnzimmer begreift, braucht zwingend den offiziellen Stadia-Controller für 70 Euro plus einen Chromecast Ultra für 80 Euro. Rechnet man noch Stadia Pro für ein Jahr dazu, liegt man bei einer Anfangs-Investition von stolzen 270 Euro. Günstiger wird es für Early Adopter: Wer Stadia noch vor Weihnachten ausprobieren will, muss zwangsläufig die „Founder’s Edition“ für 129 Euro vorbestellen.

Fazit: Die dahinterstehende Streaming-Technologie mag Gemeinsamkeiten mit Raketenwissenschaft aufweisen, das Geschäftsmodell namens „Einzelverkauf“ ist es sicher nicht. Netflix hat sich ja nicht deshalb durchgesetzt, weil Filme und Serien statt auf Blu-Ray-Disc übers WLAN ins Wohnzimmer gelangen – sondern weil der Kunde eine kalkulierbare Pauschale zahlt und darauf vertraut, dass keine Zusatzkosten anfallen. Erst recht nicht für begehrte exklusive Inhalte. Von solchen Exklusiv-Titeln war gestern nicht viel zu sehen – stattdessen: sattsam bekannte Bestandsware. Ein „No-Brainer“ sieht anders aus.

Daraus speist sich mutmaßlich auch die leichte bis mittelgroße Enttäuschung, die sich im Anschluss an die Präsentation bei Tech-Blogs und Analysten breitgemacht hat. Von einer „Spiele-Flatrate“ kann jedenfalls nicht länger die Rede sein.

Zumindest in der Theorie hat Google hat nun vorgelegt – ob und wie das Produkt technisch in der Praxis funktioniert, wird man im November wissen. Mindestens die Produkt-Manager und Ingenieure der Streaming-Allianz aus Microsoft und Sony dürften gestern Abend vermutlich besonders leicht in den Schlaf gefunden haben.

Ein schönes langes Pfingst-Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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