Start Meinung Fröhlich am Freitag 17/2020: Werdet endlich erwachsen!

Fröhlich am Freitag 17/2020: Werdet endlich erwachsen!

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor zwei Jahren beim Deutschen Computerspielpreis in München (Foto: Getty Images / Isa Foltin für Quinke Networks)
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor zwei Jahren beim Deutschen Computerspielpreis in München (Foto: Getty Images / Isa Foltin für Quinke Networks)

Ausgerechnet das diesjährige Computerspielpreis-Gastgeberland Bayern fremdelt weiter mit Games für ein erwachsenes Publikum. Warum eigentlich?

Verehrte Leserinnen und Leser,

wenn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am kommenden Montagabend live zur Verleihung des staatlichen Computerspielpreises zugeschaltet wird, können sich Deutschlands Spiele-Entwickler schon mal ein verbales Wellness-Schaumbad einlassen. Von Kultur, Innovation und Raketen-Technologie wird da die Rede sein. „Wir glauben, dass Sie zu den besten und zukunftsfähigsten Branchen überhaupt gehören“, flötete Söder vor zwei Jahren an selber Stelle, damals noch mit Live-Publikum.

Dass Bayern den weltbesten Games-Standort auf Gottes Erdboden darstellt, versteht sich von selbst, zumindest aus Söders Sicht. Was die staatlichen Fördergelder anbelangt, war dies bis 2019 auch tatsächlich der Fall. Inzwischen ist Nordrhein-Westfalen nach- und vorbeigezogen.

Ausgerechnet Erzfeind Armin Laschet (CDU) will das Land der Küchenbauer zum Games-Standort Nummer 1 machen. Diesen Zustand kann Söder unmöglich hinnehmen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Zur Wahrheit gehört aber auch, dass gerade der Freistaat den Computerspiel-Sektor weiterhin nicht ernst nimmt. Das lässt sich nicht zwingend an Euro festmachen, sondern daran, welche Leitplanken für die Branche gelten.

Denn wer als bayerisches Spiele-Studio Subventionen haben will, darf nur Produkte entwickeln, die maximal eine Altersfreigabe von 16 Jahren aufweisen. Gleiche Regeln gelten auch andernorts, etwa in Niedersachsen. Funfact: Beim Kinofilm und bei Serien mit ihren vielfach höheren Fördertöpfen gibt es dieses Limit nicht – nirgends in Deutschland.

Diese Obergrenze lässt nur den Schluss zu, dass die Entwicklung von Games für Erwachsene in Bayern schlicht nicht gewollt ist.

Wir reden hier nicht von räudigen Shootern. Wir reden von einem Marktsegment mit weltweit gefeierten, preisgekrönten Meisterwerken wie „Red Dead Redemption“, „The Last of Us“, „Grand Theft Auto“, „The Witcher“, „Wolfenstein“, „Far Cry“, „God of War“, „Resident Evil“, um nur die offensichtlichsten zu nennen.

Zur Stunde gibt es in Deutschland exakt zwei Studios, die Spiele für ein erwachsenes oder zumindest spätjugendliches Publikum produzieren: Crytek („Hunt“, „Crysis“) und Deck 13 („The Surge“), beide aus Frankfurt. Die Ubisoft-Studios in Düsseldorf und Berlin sind immerhin Zulieferer für „Rainbow Six: Siege“ und „Far Cry“.

Das ist gut, reicht aber nicht. Egal ob Netflix-Serie oder Videospiel: Wer perspektivisch in der Weltspitze mitspielen will, braucht Produkte mit komplexer Handlung und noch komplexeren Figuren, Drama, Konflikt, explicit language und ja: Gewalt.


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Es ist daher unverzichtbar, dass in Deutschland – auch – Erwachsenen-Spiele entstehen. Und das fängt damit an, dass Länder wie Bayern ihre muffigen Killerspiel-Gedächtnis-Klauseln endlich überwinden.

Mein Eindruck: Die Gesellschaft ist mental schon viel weiter als die Politik. Wenn ich wetten wüsste, würde ich auf folgendes Szenario am Montagabend tippen: Söder überreicht den Preis fürs Beste Deutsche Spiel an ein Spiel mit einer Altersfreigabe von 6 oder 12 Jahren – und den Publikumspreis gewinnt ein USK-18-Spiel.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Die Verleihung des Deutschen Computerspielpreises wird am Montag (27.4.) live via Stream übertragen. Die Moderation übernehmen Barbara Schöneberger und Nino Kerl. Den traditionellen Bullshit-Bingo-Schein veröffentlichen wir am Montagvormittag.

2 Kommentare

  1. Räudige Shooter? RÄUDIGE SHOOTER?? Dazu hätte ich gerne eine Erklärung!
    Ein paar eurer aufgezählten „preisgekrönten Meisterwerke“ sind Shooter.
    Vorschlag: Das unsägliche Wort „räudig“ durch z.B. einseitig ersetzen. Oder so ähnlich.
    Jedes Game hat seine Anhänger (ja, sogar das alte Rambo Spiel- welches das einzige wäre, das ich persönlich als „räudig“ bezeichnen würde) und es steckt ein Entwicklungsprozess, Geld, Arbeit usw. darin. Manche Spiele als räudig zu bezeichnen empfinde ich persönlich als Frechheit. (Ja, ich mag Shooter und ja, ich bin Ü50 und weiblich) Ansonsten ist der Artikel prima und zeigt nur mal wieder, dass das Verständnis für Games für Erwachsene scheinbar immer noch in den Kinderschuhen steckt.

    • Hallo Nadja,

      danke fürs Feedback. Dass sich die Politik mit einer „Lockerung“ schwer tut, hat auch und vor allem damit zu tun, dass gewalthaltigen Spielen immer noch mit Vorbehalten begegnet wird – anders als beim Film. Es ist mutmaßlich etwas (zu) viel verlangt, stumpfe / einseitige / oberflächliche Shooter mit Steuergeld fördern zu wollen – das geben die Regularien nicht her, auch künftig nicht.

      Viele Grüße aus der Redaktion!

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