Start Wirtschaft Goodgame Studios: The Making of Betriebsrat-Versuch

Goodgame Studios: The Making of Betriebsrat-Versuch

Andreas Wilsdorf erklärt, wie das Management von Goodgame Studios auf die Betriebsrat-Pläne reagierte.
Andreas Wilsdorf erklärt, wie das Management von Goodgame Studios auf die Betriebsrat-Pläne reagierte.

Er war einer von 16 Mitarbeitern, die einen Betriebsrat bei Goodgame Studios gründen wollten – und gefeuert wurden: Game Designer Andreas Wilsdorf zieht Bilanz.

Keine schmutzigen Geheimnisse über seine früheren Chefs, kein Goodgame-Bashing, kein Nachtreten eines enttäuschten Ex-Mitarbeiters: Gleich auf einer der ersten Powerpoint-Folien macht Andreas Wilsdorf klar, was die Zuhörer im Rahmen seines Respawn-Vortrags zu erwarten haben. Die Entwicklerkonferenz findet parallel zur Game Developers Conference Europe im Vorfeld der diesjährigen Gamescom statt.

Eineinhalb Jahre arbeitete Wilsdorf als Junior Game Designer bei Goodgame Studios in Hamburg, dem mitarbeiterstärksten Spiele-Entwickler des Landes. Bis zu einem Tag Ende November 2015: Zusammen mit 27 Mitstreitern erhielt Wilsdorf die Kündigung, buchstäblich aus heiterem Himmel. Unter den Gekündigten fanden sich bemerkenswert viele, die sich für einen Betriebsrat stark gemacht hatten, darunter Wilsdorf. Das Management begründete den Rauswurf hingegen mit „Abbau von Überkapazitäten, Fehlverhalten oder Leistungsdefiziten“, von einer Betriebsratsgründung habe man „definitiv nichts gewusst“.

Betriebsrat bei Goodgame Studios: „Mitarbeiterversammlungen wie E3-Pressekonferenzen“

Wilsdorf erzählt Schritt für Schritt, wie die Idee reifte, überhaupt einen Betriebsrat zu gründen. Von der Schwierigkeit, mit dem kleinen Gehalt in Hamburg zu überleben. Von der 32-qm-Wohnung vor den Toren der Hansestadt. Von den Arbeitsverhältnissen bei Goodgame, zu denen zwar Swimmingpool, Fitness-Raum und Feelgood-Manager gehören, aber beispielsweise keine Bonuszahlungen. Von befristeten Arbeitsverträgen. Von Angestellten, die zu Mindestlohn-Tarifen arbeiteten. Von den Ängsten des Jobverlusts. Von der drohenden Auslagerung ganzer Abteilungen ins billigere Ausland. Von den Hürden, betriebsintern das Studio zu wechseln. Von den Wochenend-Einsätzen, die lediglich mit Pizza belohnt wurden.

Das Management hätte sich zwar regelmäßig den Beschäftigten im Rahmen von Townhall-Meetings gestellt, angesprochene Probleme seien aber nicht ernstgenommen worden. Vielmehr hätten die Meetings eher „den Charakter einer E3-Pressekonferenz“ gehabt.

Betriebsratsgründung: Der erste Kontakt mit ver.di

Zusammen mit zwei weiteren „Musketieren“ sei Wilsdorf zu der Überzeugung gelangt, dass es so nicht weitergehen könne. Die Idee eines Betriebsrats wurde ins Auge gefasst. Die Gruppe traf die Entscheidung, sich professionelle Hilfe zu holen – und zwar von der Gewerkschaft ver.di.

Bei diesen Gesprächen sei man sich der Dimension eines solchen Schrittes bewusst geworden. Denn so ein Betriebsrat vertritt nicht nur die Interessen der Belegschaft, sondern ist auch mit einer ganzen Reihe von Rechten und Pflichten ausgestattet. Unter anderem muss er bei Kündigungen oder Betriebsverlagerungen einbezogen werden, hat ein Wörtchen bei Urlaubs- und Überstundenregelungen mitzureden. Zudem hätte der Betriebsrat Einblicke in Gehaltslisten und konkrete Umsatzzahlen erhalten. 15 Personen stark wäre der Betriebsrat angesichts der Firmengröße von Goodgame Studios gewesen – inklusive weitreichendem Kündigungsschutz und Anspruch auf Räumlichkeiten und Weiterbildung.

Im Anschluss daran habe man das Gespräch mit einem der Firmengründer gesucht. Die Unterredung sei positiv verlaufen, man habe offen alle Anliegen angesprochen und das Büro mit einem guten Gefühl verlassen. Doch Zusagen seien letztlich nicht eingehalten worden.

In der Folge habe die Betriebsrats-Gruppe nach weiteren Mitstreitern gefahndet und sie aktiv angesprochen. Es folgten Gespräche nach Dienstschluss in einem Restaurant. Eine Whatsapp-Gruppe und ein eigener Kanal im Organisations-Tool Slack mit dem Namen „La Revolucion“ wurden eröffnet. Eines der Meetings fand schließlich im Rahmen der regulären Arbeitszeit statt – schließlich ging es ja um Firmen-Belange. Am Schluss bestand die Gruppe aus 16 Unterstützern plus vielen weiteren Mitwissern.

November 2015: „Ich wurde gekündigt“ – „Ich auch!“

An einem Tag im November, als die nächsten Schritte mit ver.di-Vertretern diskutiert werden sollten, wurde Wilsdorf vom Studioleiter in ein Büro gebeten – und im Beisein eines Mitarbeiters der Personalabteilung gefeuert. Er musste umgehend die Firma verlassen, durfte nicht mal seinen Schreibtisch räumen – Schlüssel, Brieftasche, das war’s.

Von einem Kollegen der Whatsapp-Gruppe, dem Wilsdorf eine Nachricht über die Kündigung schickte, erhielt er Sekunden später die Antwort: „Ich auch“. Er wartete vor dem Firmengebäude – und ein Mitglied der Betriebsrats-Gruppe nach dem anderen kam heraus. Alle gekündigt. Zwei krankgeschriebene Mitarbeiter wurden ebenfalls über ihre Kündigung informiert – via E-Mail. Der Studioleiter sei vor die Tür gekommen und habe sich entschuldigt; viele Kollegen aus den Teams hätten geweint.

Völlig überrascht von der Maßnahme war auch der Ver.di-Vertreter, mit denen sich die Gruppe zum Mittagessen verabredet hatte. Am Ende des Tages erhielten 28 Goodgame-Studios-Mitarbeiter die Kündigung, darunter ein schwerbehinderter Kollege – ein „bedauerlicher Fehler“, wie das Unternehmen nachträglich einräumte.

Die Tage danach: Furcht führt zu Wut

Wilsdorf beschreibt seine Gefühlslage in den darauffolgenden Tagen. Als einer der Initiatoren der Betriebsrats-Pläne fühlte er sich mitschuldig für den Jobverlust so vieler Kollegen, darunter mehrerer Familienväter, noch dazu wenige Tage vor Weihnachten 2015.

Lokalmedien wie die Hamburger Morgenpost berichteten ausführlich über die Kündigungen bei Goodgame Studios.
Lokalmedien wie die Hamburger Morgenpost berichteten ausführlich über die Kündigungen bei Goodgame Studios.

Das traumatische Erlebnis schweißte die Gruppe noch mehr zusammen. Was folgte, waren Beratungsgespräche mit ver.di – und der Entschluss, auf die lokalen Medien zuzugehen. Doch die Situation eskalierte, die Gruppe wurde von den Anfragen förmlich überrollt – Tageszeitungen, Fernsehsender, Online-Magazine, sie alle berichteten ausführlich über den Fall. Ging es ursprünglich darum, die eigene Situation zu erklären, suchten etliche Redaktionen den Skandal. Die Hamburger Morgenpost titelte zum Beispiel: „Sind das Hamburgs schlimmste Chefs?“ – versehen mit dem Foto der beiden Gründer von Goodgame Studios. Einzelne Betroffene wurden aufgefordert, sie mögen vor laufender Kamera darlegen, wie sauer sie auf ihre ehemaligen Chefs seien.

Firmenintern wurde ver.di scharf angegangen: Die Gewerkschaft wolle die Firma unter Kontrolle bringen oder gar zerstören. Nicht zuletzt die zugespitzten Medienberichte hätten zudem dazu geführt, dass sich Ex-Kollegen abwandten.

Arbeitnehmervertretung statt Betriebsrat

Statt eines Betriebsrats hat sich eine deutliche Mehrheit der Goodgame-Angestellten bei einer Betriebsversammlung im Januar für eine „Mitarbeitervertretung“ ausgesprochen. Im Mai fand ein entsprechender Vertragsentwurf breite Zustimmung bei der Belegschaft. Dies ist auch der Grund, warum Wilsdorf nicht von einem Fehlschlag sprechen will – schließlich hätten sich einige Dinge zum Positiven verändert.

Auch die Unterstützung aus anderen Spielefirmen hätten ihm gezeigt, wie sehr das Thema die Branche umtreibe. Doch nach wie vor gäbe es mit Blick auf die Mitarbeitervertretung erheblichen Nachholbedarf bei Deutschlands Spielestudios. Als eines von wenigen Unternehmen habe Bigpoint einen Betriebsrat.

Und heute, knapp neun Monate später? Mit Goodgame Studios habe man vor Gericht Vereinbarungen erzielt, wenngleich dies mit erheblichen Mühen verbunden gewesen sei. Die meisten seiner Mitstreiter hätten inzwischen wieder einen Job gefunden. Wilsdorf selbst arbeitet als Gamedesigner beim Bamberger Free2play-Spezialisten Upjers (My Little Farmies, My Free Zoo, Wauies). Auf Nachfrage bestätigte er, dass Upjers zwar keinen Betriebsrat habe, er dort aber auch keinen vermisse. Die Firmenleitung habe für Anliegen ein offenes Ohr.

Betriebsrat in der Spielebranche: Tipps für Nachahmer

Wer sich ebenfalls mit dem Gedanken der Gründung eines Betriebsrats trägt, für den hat Wilsdorf eine Reihe von Tipps. Zum Beispiel rät er dazu, Meetings, Chats und e-Mails strikt außerhalb des Firmennetzwerks zu organisieren. Bei der Ansprache von potenziellen Mitstreitern solle man immer die Folgen für die Betroffenen im Hinterkopf behalten, sollte der Plan scheitern.

Hat man schließlich drei bis vier Willige gefunden, solle man nicht lange fackeln und die Betriebsratsgründung beantragen. Personalien und Formalitäten könne man auch noch hinterher in aller Ruhe regeln. Beim Umgang mit den Medien und mit Gewerkschaften rät Wilsdorf zu Besonnenheit: Beide seien im Einzelfall eine große Hilfe, aber man müsse sich immer im Klaren sein, mit wem man es zu tun habe.

Und – ganz wichtig: eine gute Rechtsschutzversicherung.

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