Start Wirtschaft Corona-Serie: „Meeting-Anfragen nachts um 4 Uhr sind einfach keine Option“

Corona-Serie: „Meeting-Anfragen nachts um 4 Uhr sind einfach keine Option“

HandyGames-Gründer Christopher Kassulke auf der Devcom 2019 (Foto: GamesWirtschaft)
HandyGames-Gründer Christopher Kassulke auf der Devcom 2019 (Foto: GamesWirtschaft)

E3, GDC, Gamescom, Devcom – alles digital, wenn überhaupt: Der eingeschränkte Messe- und Event-Betrieb ist nur eine von vielen Herausforderungen, mit der Studios und Publisher in Corona-Zeiten zu kämpfen haben – Teil 3 der GamesWirtschaft-Serie.

Die wenigsten mittelständischen Studios sind personell in der Lage, parallel mehrere Großprojekte zu stemmen. Sprich: Lange vor Fertigstellung und Inbetriebnahme eines Spiels sollte das Folgeprojekt in trockenen Tüchern sein – inklusive Finanzierung, Fördergeldern und Vertriebspartner.

Dieses ‚Pitching‘ und ‚Match-Making‘ wird durch Corona zumindest ausgebremst, weil schlichtweg die Anlässe fehlen – Entwicklerkonferenzen, Messen wie die Gamescom, Festivals, geschmeidiger Smalltalk am Tresen.

Gleiches gilt für die Personal-Akquise: Üblicherweise werden Profis und Nachwuchs-Kräfte auf Veranstaltungen wie der derzeit laufenden Devcom im persönlichen Gespräch gesichtet. Stattdessen gehen Bewerbungsgespräche via Skype, Zoom und Teams über die Bühne – und das seit Monaten und mutmaßlich auch im Rest des Jahres 2020.

Im Rahmen einer fünfteiligen Serie beschreiben Gründer und Geschäftsführer kleiner, mittelgroßer und sehr großer Games-Unternehmen diese und andere Corona-Nebenwirkungen mit Blick auf das Tages- und Neugeschäft.

Der Fahrplan:


Corona-Herausforderungen: „Keine Einbußen in der Produktivität und keine Verschlechterung der Moral – eher das Gegenteil.“

GamesWirtschaft: Worin bestehen derzeit die größten Herausforderungen für den Geschäftsbetrieb?


Christopher Kassulke, HandyGames
Christopher Kassulke, HandyGames

Christopher Kassulke, Geschäftsführer von HandyGames („El Hijo: A Wild West Tale“) in Giebelstadt

Es gibt einige Herausforderungen als Publisher und Entwickler:

Eine davon ist definitiv die Veränderung im Marketing-Bereich beziehungsweise der Öffentlichkeitsarbeit. Der Wegfall der Messen rund um den Globus genauso wie Presse-Events und Touren zu den Partnern rund um den Globus sind von einem Tag auf den nächsten weggefallen.

Wir gehen aktuell davon aus, dass es keine ernstzunehmende Messe bis mindestens Mitte nächstes Jahres geben wird. Natürlich versuchen viele, dies über Online-Events zu kompensieren, jedoch ist dies nicht immer von Erfolg gekrönt – und wir sehen eine Sättigung dieser Online-Events am Markt.

Darüber hinaus lässt sich nicht jede Konferenz 1 zu 1 online übertragen. Der Charme und das Networking klappt nicht bei einem Event, indem man Teilnehmer rund um den Globus involviert – und lokale Events sind meistens zu klein. Wenn jeder in San Francisco ist, ist die Zeitzone für internationale Teilnehmer kein Problem, denn jeder ist Vorort. Aktuell ist es eine echte Herausforderung, Leute gleichzeitig aus Asien, Europa und Nord- beziehungsweise Südamerika an einen virtuellen Tisch zu bringen. Meeting-Anfragen nachts um 4 Uhr sind für mich und viele andere einfach keine Option.

Das Pitchen von Spielen hat sich sehr positiv entwickelt und ist jetzt dank bestimmter Events sogar einfacher und schneller als auf den üblichen echten Events. Was jedoch komplett weggefallen ist: das zufällige Sichten von Spielen auf Messen zwischen Tür und Angel beziehungsweise beim Pitchen beim Feierabendbier an der Bar oder auf der Party. Einige Rohdiamanten, wie „Chicken Police“ haben wir so gefunden und unterzeichnet. Das Spiel ist uns beim Schlendern über eine Messe ins Auge gefallen. Dies ist aktuell natürlich nicht möglich und bisher hat dies kein Online Event in irgendeiner Form reproduzieren können.

Für neue Kollegen in der Branche ist diese Situation natürlich sehr schwierig, da ein Networking auf- beziehungsweise abseits der üblichen Messen und Events nicht stattfinden kann. Die alten Hasen haben jedoch weiterhin ihre Kontakte und dank den vielen Möglichkeiten egal ob Zoom, MS-Teams, Skype, 8×8, BlueJeans, Chime, Discord, Hangouts etc. kann man sich weiterhin professionell austauschen.

Das Zwischenmenschliche oder das übliche Networking leidet jedoch natürlich darunter weiterhin sehr. Denn bei dem ein oder anderen Bier bzw Wein oder gutem Essen kann man natürlich entspannter Business machen als über die genannten Online Tools im Homeoffice mit Kids im Hintergrund.

Ich bin der Meinung, dass die Gamesbranche schon immer Herausforderungen gemeistert hat – und auch Corona wird dazu gehören. Wir sind in der glücklichen Lage, auch weiterhin unserem Business nachgehen zu können trotz eines Lockdowns.

Unsere Produkte kann man 24/7 über die Online-Plattformen beziehen – ein Vorteil, den nicht jede Branche hat.


Johannes Roth, Mimimi Games
Johannes Roth, Mimimi Games

Johannes Roth, Geschäftsführer von Mimimi Games („Desperados 3“) in München

Durch den Projektwechsel fließt viel Zeit ins Pitching, aber die größte Herausforderung bleibt das Recruiting – trotz Freizeitausgleich, Gewinnbeteiligung und der Möglichkeit, an den bestbewerteten Premium PC- und Konsolenspielen mitzuarbeiten.

 


Tom Burck, Gameforge
Tom Burck, Gameforge

Tom Burck, Chief Officer Customers & HR bei Gameforge („Metin 2“) in Karlsruhe

Die Personalsuche bleibt schwierig: Wir rekrutieren weltweit, suchen nicht nur in Karlsruhe oder Deutschland, sondern auch in Europa, Amerika und Asien nach passenden Kandidaten. Und trotz dieses großen Teichs, in dem wir fischen, ist ein Fachkräftemangel spürbar – die Konkurrenz der Standorte und Arbeitgeber ist enorm. Das gilt vor allem, wenn man Menschen für spezielle Jobs sucht, die es in anderen Branchen nicht gibt – oder Team-Mitglieder mit Vorerfahrung.

Die Zusammenarbeit unter den aktuellen Bedingungen, die lange Phase im Home Office, das alles hat sich anders als befürchtet nicht als großes Problem herausgestellt – wir haben keine Einbußen in der Produktivität und keine Verschlechterung der Moral, eher das Gegenteil.


Carsten Fichtelmann, Daedalic Entertainment
Carsten Fichtelmann, Daedalic Entertainment

Carsten Fichtelmann, Geschäftsführer von Daedalic Entertainment („Deponia“) in Hamburg

Die Wechselwilligkeit der Mitarbeiter ist sehr gering. Einarbeitung und Aufnahme ins Team und Unternehmen sind durch Home-Office aber deutlich erschwert. Vor-Ort-Termine bei Dev-Teams sind nicht oder kaum möglich – Reisen in die USA oder nach China unmöglich. Networking auf Events ist ebenfalls nicht möglich.

All das fehlt, um Kontakte auszubauen oder zu knüpfen. Face-to-Face-Time fehlt als starkes Instrument in allen Bereichen des Geschäfts. Ich kann niemanden in Präsenz-Terminen kaputtreden oder mit Charme zur Unterschrift singen. Das fällt aktuell leider aus.


Goodgame Studios, Hamburg
Goodgame Studios, Hamburg

Goodgame Studios („Empire: Age of Knights“), Hamburg

Zu den größten Herausforderungen zählt unter anderem die Kommunikation, welche wir zwar dank moderner Messenger und Video-Tools sehr gut meistern, jedoch manchmal der direkte Austausch zwischen Kollegen von Angesicht zu Angesicht – eben auch auf menschlicher Basis – fehlt.

Darüber hinaus ist es seit März besonders auch zur Herausforderung geworden, neue Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt einzustellen, da die Corona-Situation in den jeweiligen Ländern sehr unterschiedlich ist und auch weiterhin Reisebeschränkungen aktiv sind.


Klaus Schmitt, Upjers
Klaus Schmitt, Upjers

Klaus Schmitt, Geschäftsführer von Upjers („Zoo 2: Animal Park“) in Bamberg

Größte Herausforderung: die Kommunikation in den Teams trotz Homeoffice und den ganzen Pandemie Beschränkungen im Office auf einem guten Niveau zu halten, so dass jeder weiß, was er zu tun hat.

 


Anika Thun, Kalypso Media
Anika Thun, Kalypso Media

Anika Thun, International Marketing Director bei Kalypso Media („Port Royale 4“) in Worms

Natürlich ist jeder persönliche Austausch momentan erschwert – ob es nun um Job-Interviews oder den Austausch mit Entwicklern, Distributoren und Geschäftspartnern geht. Aber wir sind es in unserer Industrie ja gewohnt, digital zu arbeiten und so ist der Einschnitt zumindest für eine bestimmte Zeit zur verschmerzen.

Natürlich fehlt trotzdem der direkte persönliche Kontakt zu unserer Community, zum Beispiel auf Messen wie der Gamescom oder einfach auch nur mal der Plausch unter Kollegen in der Kaffeeküche.


Konstantin Kronfelder, Boxelware
Konstantin Kronfelder, Boxelware

Konstantin Kronfelder, Gründer von Boxelware („Avorion“) in Erlangen

Aktuell sind wir zufrieden, was die Herausforderungen angeht. Wir entwickeln mit Belegschaft im Home Office – das war zuerst einmal eine Umstellung, mittlerweile funktioniert es recht gut. Viele sehnen sich aber nach der guten Hardware im Office.

 


Maike Steinweller, Wooga
Maike Steinweller, Wooga

Maike Steinweller, Head of Communications bei Wooga („June’s Journey“) in Berlin

Wir haben seit März viele neue Mitarbeiter an Bord geholt und unsere Recruiting-Aktivitäten nicht verlangsamt. Sämtliche Interviews und Abstimmungen rein digital zu machen ist jedoch für alle Seiten besonders herausfordernd.

So ist zum Beispiel non-verbale Kommunikation digital schwieriger, was wir zum Anlass genommen haben, unsere Interview-Panels zeitweise zu vergrößern.

Für die Kandidaten ist eine Zunahme an Interviews und Personen, die sie im Prozess kennenlernen, deutlich intensiver. Das kann den Entscheidungsprozess verlangsamen. Doch die Tatsache, dass wir nach wie vor großartige Kandidaten an Bord holen können, zeigt uns, dass wir trotz des intensiven Prozesses ein attraktiver Arbeitgeber sind.

Was unsere internen Abläufe betrifft, haben wir uns inzwischen zwar sehr gut eingefunden und sämtliche Kommunikation auf digitale Kanäle umgezogen, doch den persönlichen face-to-face-Austausch vor allem innerhalb der Spieleteams und einzelnen Gewerke, kann dies nie ganz ersetzen.

Die Gefahr für Missverständnisse, wenn man nicht nebeneinander in einem Büro sitzt, ist einfach größer.


Jan Theysen, King Art Games
Jan Theysen, King Art Games

Jan Theysen, Geschäftsführer von King Art Games („Iron Harvest“) in Bremen

Wir haben dieses Jahr konzentriert an unseren Projekten arbeiten können und hatten deswegen eher wenige Probleme. Auch fürs Pitching neuer Projekte sehen wir eher keine Probleme, da wir ohnehin eher außerhalb von Messen pitchen.

Eine Herausforderung sind lediglich die unklaren Termine bei der Förderung: Was wann wie angefangen werden kann, ist erstens nicht angekündigt und zweitens fragt man sich natürlich, wieviel die Ankündigung wert sein wird.


Benjamin Zuckerer, CipSoft
Benjamin Zuckerer, CipSoft

Benjamin Zuckerer, Geschäftsführer von CipSoft („Tibia“) in Regensburg

Die meisten unserer Mitarbeiter sind inzwischen seit circa fünf Monaten im Homeoffice. Die aktuell größte Herausforderung ist für uns, die Kommunikation im Unternehmen auf einem hohen Niveau aufrechtzuerhalten.

Das Onboarding neuer Mitarbeiter ist ebenfalls nicht einfacher geworden, zudem fehlen uns die Branchen-Events.


Frederik Hammes, Travian Games
Frederik Hammes, Travian Games

Frederik Hammes, Geschäftsführer von Travian Games („Travian Legends“) in München

Bei Travian Games fällt die Zeit der Neuausrichtung des Unternehmens mit der Corona-Krise zusammen. Es gab sicher schon einfachere Setups für so etwas. Dennoch erfahre ich im Moment vor allem, dass geschenktes Vertrauen in die Mitarbeiter belohnt wird – mit Engagement, Kreativität und Lösungswillen.

Insofern ist es vielleicht auch wieder ein passendes Setup für einen Re-Start. Und ein Thema rückt noch stärker in den Fokus: „Kommunikation“ als Fokusthema unserer „neuen“ Firma.


Immer freitags, immer kostenlos: Jetzt GamesWirtschaft-Newsletter abonnieren!

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here