Start Wirtschaft Nach Arbeitszeit-Urteil: Studios planen Korrekturen (Update)

Nach Arbeitszeit-Urteil: Studios planen Korrekturen (Update)

Deutsche Spiele-Entwickler - hier Goodgame Studios in Hamburg - werben mit flexibler Arbeitszeit-Einteilung innerhalb von Kernzeiten (Foto: Goodgame Studios)
Deutsche Spiele-Entwickler - hier Goodgame Studios in Hamburg - werben mit flexibler Arbeitszeit-Einteilung innerhalb von Kernzeiten (Foto: Goodgame Studios)

Wie halten es eigentlich deutsche Games-Studios und Niederlassungen mit der Protokollierung von Arbeitszeiten? Das EuGH-Urteil hat heftige Debatten ausgelöst.

Gratis Obst und Schokoriegel, XXL-Kühlschränke mit Energy-Drinks, Bier und Smoothies, Grillfeste und Firmenausflüge, Smartphones und Notebooks zur privaten Nutzung, Deutsch-Unterricht – all das ist in etlichen deutschen Entwicklerstudios Standard und Teil des Wohlfühl-Pakets, mit dem um neue Fachkräfte geworben wird. In Einzelfällen werden sogar eigene Kantinen und Fitness-Studios betrieben.

Ungleich weniger selbstverständlich ist die Aufzeichnung der konkret geleisteten Arbeitszeit. Das zeigt eine GamesWirtschaft-Umfrage unter den Arbeitgebern der deutschen Games-Industrie, von Startups über Mittelständler bis hin zu internationalen Konzernen. In einer Branche, in der es mit wenigen Ausnahmen (unter anderem Nintendo of Europe, Bigpoint, Electronic Arts) keinen Betriebsrat gibt, ist das Thema erwartungsgemäß hochsensibel. Gleich mehrere namhafte Studios und Niederlassungen wollen sich grundsätzlich nicht äußern, ob und in welchem Maße sie die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter überhaupt protokollieren.

Doch genau dazu werden sie künftig gezwungen sein. Denn der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat in einem Urteil entschieden, dass Unternehmen die Arbeitsstunden der Mitarbeiter vollumfänglich und systematisch zu erfassen haben. Nur so ließen sich etwaige Überstunden verlässlich ermitteln – und ausgleichen. Damit einher gehen Aspekte wie Versicherungsschutz und die Einhaltung des Mindestlohns.

Während Gewerkschaften und Teile des Berliner Politikbetriebs das EuGH-Urteil begrüßen, kommt von Arbeitgeber-Seite, Branchenverbänden und Unternehmern teils massive Kritik. Von einem Rückschritt ins Stechuhr-Zeitalter (FDP-Chef Christian Lindner) bis hin zur Schaffung eines neuen „Bürokratie-Monsters“ (FDP-Sprecher Johannes Vogel) und „totaler Überwachung“ (Gesamtmetall-Chef Oliver Zander) reichen die Reaktionen.

GamesWirtschaft dokumentiert die bislang vorliegenden Stellungnahmen aus der Branche. Sobald weitere Rückmeldungen vorliegen, wird dieser Beitrag ergänzt.

Die 35 größten Games-Unternehmen in Deutschland (v1 / Stand: Juli 2018)
Die 35 größten Games-Unternehmen in Deutschland (v1 / Stand: Juli 2018)

Arbeitszeit-Urteil: Die Reaktionen der Games-Branche (Update)

Jens Begemann, Gründer und CEO von Wooga in Berlin („June’s Journey“)
Jens Begemann, CEO von Wooga
Jens Begemann, CEO von Wooga

Wooga arbeitet mit Vertrauensarbeitszeit, was bedeutet, dass die Mitarbeiter sich innerhalb ihrer Teams selbst organisieren – je nachdem, wie es zum Projektverlauf sowie dem persönlichen Tagesablauf am besten passt.

Bei Überstunden gilt, dass alle Teams angehalten sind, diese möglichst zu vermeiden. Sollte der Projektverlauf dies jedoch einmal erfordern, wird innerhalb des Teams gemeinsam mit dem Lead Producer besprochen, wie die geleistete Mehrarbeit durch Freizeitausgleich kompensiert wird.

Wir sind gespannt, wie die konkreten Vorgaben für Deutschland vor dem Hintergrund des EuGH-Urteils aussehen werden und unsere Regelungen dann entsprechend anpassen.

Benedikt Grindel, Managing Director, Ubisoft Blue Byte („ANNO 1800“, „Die Siedler“)
Benedikt Grindel, Managing Director Ubisoft Blue Byte
Benedikt Grindel, Managing Director Ubisoft Blue Byte

In unseren deutschen Ubisoft-Studios (Düsseldorf, Berlin, Mainz, Anm. d. Red.) haben wir flexible Arbeitszeiten mit einer Kernarbeitszeit, die zwischen 10 Uhr und 16 Uhr liegt. Die Mitarbeiter entscheiden außerhalb dieser Zeiten selber, wann sie mit der Arbeit beginnen oder nach Hause gehen. Projektzeiten erfassen die Mitarbeiter eigenständig über dafür vorgesehene Software.

Wir legen bei Ubisoft Blue Byte viel Wert auf eine gute Work-Life-Balance. Unsere Teams sind sehr darauf bedacht, Mehrarbeit zu vermeiden. Wir sind uns dessen bewusst, dass ein Team, das ständig unter Stress steht, keine Produkte mit bester Qualität produzieren kann – und das ist unser wichtigstes Ziel.

Kommt es dennoch einmal vor, dass beispielsweise während des Mastering oder auf Messen Mehrarbeit ansteht, muss diese zunächst durch das Management freigegeben werden und wird durch Freizeitausgleich kompensiert.

Stepan Payer, Gründer und Head of Human Resources bei CipSoft in Regensburg („Tibia“)
Stephan Payer, Co-Gründer und Head of Human Resources bei CipSoft
Stephan Payer, Co-Gründer und Head of Human Resources bei CipSoft

Wir bieten unseren Mitarbeitern vollständig flexibilisierte Arbeitszeiten. Jeder Mitarbeiter kann sich seine Arbeitszeit und seine Pausen frei einteilen, soweit nicht betriebliche Belange seine Anwesenheit zu einer bestimmten Zeit zwingend erfordern (zum Beispiel die Durchführung eines wichtigen Updates) oder gesetzliche Regelungen (zum Beispiel Arbeitszeitgesetz) entgegenstehen. Unsere Mitarbeiter erfassen ihre Arbeitszeiten selbstständig in einer Datei.

Wir garantieren unseren Mitarbeitern, dass sie im langfristigen Mittel keine Überstunden leisten müssen. Die Geschäftsführung ist der Ansicht, dass permanente Überstunden nicht zu höherer Arbeitsleistung, sondern vielmehr zu höherer Fehlerquote und Unzufriedenheit führen. Überstunden werden deshalb zeitnah durch verkürzte Arbeitstage oder zusätzliche freie Tage abgebaut.

Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbands Game
Felix Falk, Geschäftsführer Game e. V.
Felix Falk, Geschäftsführer Game e. V.

Das aktuelle Urteil des Europäischen Gerichtshofs wird weitreichende Konsequenzen für Unternehmen in Deutschland haben, das gilt auch für die Games-Branche.

Es bleibt jetzt abzuwarten, wie das Urteil konkret in nationales Recht umgesetzt wird. Insbesondere für eine Projekt-getriebene Arbeitsweise, wie sie auch in der Games-Branche üblich ist, muss für Arbeitgeber und Arbeitnehmer weiterhin die Möglichkeit bestehen, selbst eine gute Balance zwischen Flexibilität und Ausgleich zu finden. Die Schaffung neuer bürokratischer Vorgaben muss verhindert werden.

Martin Lorber, PR Director bei Electronic Arts in Köln („FIFA 19“, „APEX Legends“)
Martin Lorber, PR Director bei Electronic Arts
Martin Lorber, PR Director bei Electronic Arts

Die Arbeitszeiten werden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erfasst. Falls jemand montags bis freitags mehr als 9,6 Stunden oder ausnahmsweise am Wochenende arbeitet, müssen die Arbeitszeiten auf jeden Fall erfasst und abgegeben werden.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ein Zeitkonto, es gibt einen „grünen“ Bereich von plus oder minus 40 Stunden, über den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst verfügen können. Zwischen 40 und 70 Mehrstunden (gelber Bereich) muss innerhalb von drei Monaten ein Plan zum Abbau zwischen mit dem Vorgesetzten vereinbart werden. Bei über 70 Stunden (roter Bereich) wird zusammen mit dem Vorgesetzten und der Personalabteilung verbindlich festgelegt, wie die Mehrarbeit abgebaut werden kann, und ein Plan erarbeitet, wie eine Überlastung künftig vermieden wird.

Diese Regelung bietet ein Maximum an Flexibilität für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dient der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und reflektiert außerdem die Erfordernisse des Unternehmens. Wir sind alle sehr zufrieden damit.

Johannes Roth, Geschäftsführer Mimimi Productions in München („Shadow Tactics“, „Desperados 3“)
Johannes Roth, Gründer und Geschäftsführer von Mimimi Productions
Johannes Roth, Gründer und Geschäftsführer von Mimimi Productions

Wir tracken Arbeitszeiten, schon seit vielen Jahren. Und dementsprechend kriegen unsere Mitarbeiter auch ihren Freizeitausgleich. Ein 40-Stunden-Vertrag ist grundsätzlich ein Vertrag über 40 Stunden pro Woche. Diese Fairness wünscht man sich doch auch bei allen anderen Budgets und Deadlines, egal auf welcher Vertragsseite man steht. Der respektvolle Umgang mit der Lebenszeit der Angestellten ist der wichtigste Schritt gegen Crunch und sollte eigentlich selbstverständlich sein.

Die ganze Kritik, dass das gegen flexible Arbeitszeiten und Home Office geht, kann ich nicht nachvollziehen. Jeder Freelancer bekommt sein Zeittracking doch auch hin, egal ob unterwegs, beim Kunden oder zu Hause mit Kinderbetreuung. Die Sorge, dass das nun vielleicht (!) überreguliert wird, kann ich zwar verstehen. Da sich aber tendenziell herausstellt, wie viele Unternehmen hier überhaupt nicht tätig sind, haben wir uns das als Wirtschaft leider selbst zu verdanken.

Und wenn dann noch behauptet wird, solch ein Tracking würde das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitnehmer und -geber erschüttern, da es ja ein Kontrollorgan wäre, dann bekommt man irgendwie den faden Beigeschmack, dass sich da ein paar Leute zu viel auf ihren „passionierten Workaholics“ ausgeruht haben und froh waren, nicht genau hinschauen zu müssen.

Marika Schmitt, Mitglied der Geschäftsführung bei Upjers in Bamberg („My Free Farm“, „Dark Gnome“)
Marika Schmitt, Mitglied der Geschäftsleitung bei Upjers
Marika Schmitt, Mitglied der Geschäftsleitung bei Upjers

Bei Upjers loggt sich jeder Mitarbeiter selbst an seinem PC in das Zeiterfassungstool ein. Dort können die Mitarbeiter auch jederzeit einsehen, wie viele Stunden sie bereits gearbeitet haben und wie viele sie eventuell für ihre Monatsstunden noch brauchen.

Das monatliche Arbeitspensum kann sich jeder individuell aussuchen. Von Teilzeit, über reduzierte Stunden bis zu klassischen Vollzeit-Verträgen ist alles möglich. Die Stundenanzahl kann zudem flexibel und kurzfristig angepasst werden – je nach Wunsch der Mitarbeiter.

Crunch-Times gibt es bei Upjers überhaupt nicht. Es wird darauf geachtet, dass Mitarbeiter nie länger als 10 Stunden pro Tag am Arbeitsplatz verbringen. Zudem werden Überstunden in der Regel nicht angeordnet. Vielmehr ist es so, dass die Mitarbeiter es schätzen, am Anfang der Woche etwas länger zu arbeiten, damit sie zum Beispiel freitags eher nach Hause gehen oder ganze Tage freinehmen können.

Überstunden werden bei Upjers nicht nur minutengenau erfasst, sondern können auch jederzeit abgefeiert werden. Dabei ist es jedem Mitarbeiter selbst überlassen, ob er dafür später ins Büro kommt oder früher nach Hause geht. Lediglich die Kernarbeitszeit von 11 bis 13 Uhr sollte eingehalten werden.

Es gibt zudem die Möglichkeit, Ausgleichstage zu nehmen. Wer genug Überstunden hat, wählt über das Zeiterfassungstool einfach einen Ausgleichstag und hat so einen zusätzlichen freien Tag. Das Ganze geht auch sehr kurzfristig und ohne bürokratischen Aufwand – einfach per Mausklick.

Selbst wer spontan einen freien Tag haben möchte, obwohl er/sie noch nicht genug Plus-Stunden dafür hat, darf selbstverständlich einen Ausgleichstag nehmen. Die Stunden können später ausgeglichen werden.

Als weitere Möglichkeit bietet Upjers seinen Mitarbeitern an, sich Überstunden auch auszahlen zulassen. Mit diesem fairen System erreichen wir eine gute Work-Life-Balance für unsere Mitarbeiter. Sie können nicht nur selbst festlegen wie viel sie arbeiten, sondern auch ob und wann sie Überstunden leisten wollen.

Florian Emmerich, PR Manager Global bei HandyGames in Giebelstadt („TownsMen VR“)
Florian Emmerich, PR Manager Global bei HandyGames
Florian Emmerich, PR Manager Global bei HandyGames

HandyGames hat seit Januar 2008, also seit über 10 Jahren, eine flächendeckende elektronische Zeiterfassung – „Stempelkarte“ digital quasi. Jeder Mitarbeiter hat einen kleinen Chip dabei, mit dem er sich bei Betreten und Verlassen des Büros ein- beziehungsweise ausloggt.

Zusätzlich werden externe Veranstaltungen händisch erfasst, also Messen, Präsentationen „woanders“ oder Dienstreisen jedweder Art entsprechend den gesetzlichen Vorgaben in Deutschland.

Jede Überstunde kann der Mitarbeiter nach Belieben ausgleichen, wenn ganze Tage fällig werden natürlich nach Absprache. Das kommt allerdings fast gar nicht vor (Ausnahme sind natürlich besagte Messen etc.), sodass es sich in der Regel auf klassische „Ich gehe heute mal 3 Stunden früher“-Situationen beschränkt.

HandyGames plant die Arbeit auch Mithilfe von SCRUM gut durch. Wir haben mehrere SCRUM-Master, die die Planung wöchentlich mit den Teams aktualisieren und täglich kurz den Status abfragen, so dass im Grunde keine Überstunden anfallen. Das hat sich vollauf bewährt, ist absolut transparent weil jeder Mitarbeiter beim Ein- und Ausloggen seinen Stunden-Stand sieht. Bemerkt die HR, dass eine Abteilung oft stark ausgelastet ist, werden eben neue Stellen geschaffen.

Ist auch eigentlich selbstverständlich so und diese ewige Leier vom „notwendigen“ Crunch halten wir für ein Gerücht oder das Resultat schlechter Planung. Auch bei uns dauern Sachen länger als geplant, keine Frage, das kann niemand ausschließen. Aber dann werden eben Deadlines und Release-Termine angepasst. Sollte es dann doch einmal vorkommen, dass jemand wegen einer externen Deadline zum Beispiel mal länger  arbeiten muss, wird das eben 1:1 ausgeglichen.

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