Start Sport Esportswashing: Warum Saudi-Arabien in die ESL investiert

Esportswashing: Warum Saudi-Arabien in die ESL investiert

Heimspiel: Die Lanxess Arena ist Austragungsort der ESL One Cologne (Foto: ESL / Adela Sznajder)
Heimspiel: Die Lanxess Arena ist Austragungsort der ESL One Cologne (Foto: ESL / Adela Sznajder)

Der Kölner E-Sport-Weltmarktführer ESL Gaming wird von Saudi-Arabien kontrolliert und finanziert. Wie gehen die Verbände damit um?

Mitte Juli wird die Lanxess Arena in Köln wieder zur „Cathedral of Counter-Strike“: Bei den Intel Extreme Masters Cologne 2022 kämpfen 24 Teams um 1 Million €. Gesetzt wäre eigentlich auch die russische E-Sport-Organisation Virtus:Pro – doch bereits Anfang März hatte die veranstaltende ESL entschieden, dass Teams aus Russland nicht am Spielbetrieb teilnehmen können. Denn analog zu Gambit ist auch Virtus.Pro in Besitz großer russischer Konzerne – und damit ein No-Go. Aus Gründen.

Eigentümer der Kölner ESL Gaming GmbH mit Sitz in Köln-Mülheim ist seit kurzem eines der reichsten Länder der Welt: Saudi-Arabien. 1 Milliarde $ hat der Wüstenstaat für das Unternehmen ausgegeben, das seit über 20 Jahren E-Sport-Turniere und Ligen organisiert. Zu den Sponsoren zählen Marken wie DHL, Acer, Intel, Mercedes-Benz, Bitburger, Müllermilch oder McDonald’s.

Als Vehikel dient die Savvy Gaming Group, eine 100%ige Tochter des Staatsfonds Public Investment Fund (PIF). Unter Vorsitz von Kronprinz Mohammed bin Salan investiert PIF in Infrastrukturprojekte, Fußballclubs wie Newcastle United und zunehmend in Spiele-Publisher wie Nexon, Capcom, Koei, Activision Blizzard und Nintendo.

Vor dem Einstieg von Saudi-Arabien gehörte die ESL zur schwedischen Modern Times Group (MTG), der es seit 2015 nicht gelungen ist, aus dem E-Sport ein nachhaltig profitables Business zu entwickeln. Bis zuletzt wies die Sparte tiefrote Zahlen aus, ehe sich die börsennotierten Skandinavier von allen Anteilen trennten.

Jetzt schickt sich die Savvy Gaming Group an, das Königreich in positiverem Glanz scheinen zu lassen. Der zuständige Fachbegriff lautet Sportswashing: Mit Formel-1-Rennen, Olympia und Fußball-Großereignissen wollen China, Russland und Golfstaaten ihr Renommee optimieren.

Auch der neue ESL-Eigentümer Saudi-Arabien hat das, was zuweilen euphemistisch als „Image-Problem“ umschrieben wird: Denn die Menschenrechtslage im Königreich ist laut Amnesty International nicht weniger als „katastrophal“. Trotz eingeleiteter Reformen geht das Land laut Menschenrechts-Organisationen weiterhin rigoros gegen Regierungskritiker, Journalisten und Frauenrechtlerinnen vor – Grundrechte wie freie Meinungsäußerung, Religions- und Versammlungsfreiheit werden unterdrückt.

Erst vor wenigen Wochen hat Saudi-Arabien nach eigenen Angaben 81 Menschen hinrichten lassen – an einem einzigen Tag.

Insbesondere Homosexualität ist nicht nur gesellschaftlich nicht akzeptiert, sondern schlicht verboten – Zuwiderhandlung wird nach Ermessen des Richters mit Stockhieben und Gefängnis bestraft. Laut Auswärtigem Amt kann für derlei Vergehen auch die Todesstrafe verhängt werden.

Das ESL-Motto „Where everybody can be somebody“ wird also nirgends so wenig gelebt wie in Saudi-Arabien, dem zweitgrößten Ölproduzenten der Welt.

ESL-Co-Gründer Ralf Reichert, der vom CEO-Posten in den Verwaltungsrat wechselt, sieht kein größeres Problem darin, dass er neuerdings auf der Payroll von Saudi-Arabien steht. Dem Kölner Stadtanzeiger sagte Reichert, er sei vor Ort gewesen, um sich von seinen neuen Geschäftspartnern zu überzeugen.

„Die sprechen besser Englisch als ich“, schwärmt der umtriebige E-Sport-Pionier. „Wir haben in Deutschland natürlich auch ein Bild von der Region und dem Land, was ein bisschen antiquiert und ein bisschen finger-pointing ist. Nichtsdestotrotz ist es da weit weg von ‚alles in Ordnung‘, wissen wir alle. Aber die Bedenken haben nix mit Schwulen zu tun oder mit Diversity, sondern tatsächlich mit dem politischen System. Das öffnet sich. Ich glaube, dass wir da tatsächlich was beitragen können mit Gaming, sowohl dort als auch auf der ganzen Welt.“

Reicherts Spin erinnert an die Einschätzung von Nahost-Experte Franz Beckenbauer, der mit Blick auf die entwürdigenden Arbeitsbedingungen beim WM-Stadien-Bau zu Protokoll gab: „Also, ich hab noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum.“

ESL-Gründer und -CEO Ralf Reichert bedankt sich bei Nathanal Liminski (links) für den Besuch mit einem T-Shirt (Foto: ESL / Helena Kristiansson)
ESL-Gründer und -CEO Ralf Reichert bedankt sich bei Nathanal Liminski (links) für den Besuch mit einem T-Shirt (Foto: ESL / Helena Kristiansson)

LGBTQ, Frauenrechte, Presse- und Meinungsfreiheit: Die Werte-Vorstellungen und gesetzlichen Vorgaben in Saudi-Arabien stehen in diametralem Gegensatz zu jenen in der EU. Was bedeutet dies konkret für kommende Ligen- und Turnier-Formate der ESL oder für die DreamHack Hannover, die im Dezember gemeinsam mit der Deutschen Messe AG ausgerichtet wird?

Von der ESL heißt es auf Anfrage wolkig: „Wir glauben, dass dieses Investment ins kompetitive Gaming den positiven Wandel in der Region beschleunigt – auch in Kombination mit weiterer Unterstützung von Initiativen wie #GGFORALL und unserer internen Bemühungen wie dem Diversity & Inclusion Council. Wir glauben fest an Gaming als globale und inklusive Community, die allen auf der ganzen Welt offen steht.“

Saudi-Arabien beherrscht E-Sport-Pionier ESL: Was sagen die Verbände?

Besonders eng verdrahtet ist die ESL beim Branchenverband Game, etwa in der Arbeitsgruppe Game Esports, als Ausrichter von Gamescom-Turnieren oder als Partner der Esports Player Foundation. Die ESL gehört außerdem zur Unterzeichnerin der Game-Kampagne Hier spielt Vielfalt, die „alle Dimensionen von Diversität“ in Spielen, Teams, Gremien und Veranstaltungen berücksichtigen will.

Zur konkreten Eigentümerstruktur der ESL und deren Finanzierung durch Saudi-Arabien will der Game keine Stellung nehmen. Mehr noch: Der Game sieht keine Handhabe im Umgang mit Unternehmen, die von Staatskonzern aus Ländern mit besonders prekärer Menschenrechtslage kontrolliert werden.

„Im Game können ausschließlich Unternehmen mit Sitz in Deutschland Mitglied werden, die dadurch auch der hiesigen Rechtsordnung unterliegen – die vom Grundgesetz bis zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz reicht“, erklärt Game-Geschäftsführer Felix Falk gegenüber GamesWirtschaft. „Diese Grundlagen gelten für alle Unternehmen – ganz unabhängig von ihren Teilhabern oder Eigentümern. Aufgrund ihrer Herkunft oder bestimmter Investoren könnten wir allein aus kartellrechtlichen Gründen Unternehmen nicht einfach ablehnen und damit diskriminieren.“

Beim eSport-Bund Deutschland e. V. (ESBD) hat man zu den Vorgängen beim Gründungs-Mitglied ESL überhaupt keine Meinung, zumindest keine öffentliche.

Bei den Verbänden tut man sich also erkennbar schwer, die Situation bei einem der größten Games-Unternehmen des Landes zu kommentieren oder gar einzuordnen. Offen bleibt zudem, wie sich langjährige ESL-Sponsoren und -Partner wie Counter-Strike-Hersteller Valve positionieren, die im Januar über die Folgen der Übernahme informiert worden seien und mit denen die ESL weiterhin eng zusammenarbeiten will.

Erst recht werden sich Zuschauer von ESL- und DreamHack-Formaten die Frage stellen müssen, ob sie bereit sind, mit dem Kauf eines 100-€-Wochenend-Tickets für die IEM Cologne 2022 auf Konto und Image von Saudi-Arabien einzuzahlen.

1 Kommentar

  1. Scheinen ja alles sehr gut strukturierte Verbände zu sein, mit klarer Positionierung, fundiertem Sachwissen und standhafter Meinungsbildung….

    So wird diese Mediensparte eine Randerscheinung sein und bleiben…

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