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Echte Gamer (Fröhlich am Freitag)

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Echte Gamer unter sich: Der damalige Xbox-CEO Phil Spencer mit Vizekanzler und 'Games-Minister' Robert Habeck auf der Gamescom 2023.
Echte Gamer unter sich: Der damalige Xbox-CEO Phil Spencer mit Vizekanzler und 'Games-Minister' Robert Habeck auf der Gamescom 2023.

Asha Sharma erkundet Nerd-Neuland: Als Xbox-Chefin plumpst sie in die Fußstapfen von Phil Spencer. Kann das gut gehen? Klar.

Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,

spielt sie? Oder spielt sie nicht?

An dieser Frage arbeiten sich seit einer Woche Heerscharen von Industriellen, Beobachtern und Influencern ab, die dringend ergründen wollen, ob Asha Sharma für die Leitung der Xbox-Abteilung von Microsoft geeignet wäre oder eher nicht.

Am vergangenen Freitag wurde die KI-Managerin konzernintern zur Gaming-CEO befördert – und damit an die Spitze eines der marktführenden Spielehersteller mit 20.000 Beschäftigten, einem Umsatz von roundabout 25 Mrd. $ und Weltmarken wie Call of Duty, Candy Crush Saga, Minecraft, Fallout und World of WarCraft.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Besonders unter Beobachtung: Sharmas Gamescore. Ihr Xbox-Profil existiert erst seit dem Jahreswechsel und fällt ausgesprochen übersichtlich aus – ein wilder Mix aus Spielen und Genres. Was Anlass zu Spekulationen gab, es handele sich um ein Fake-Profil, das ihr Team für sie pflegt.

Asha Sharma reagierte via X. Die Realität sei eher langweilig. Sie habe das Profil erst kürzlich angelegt, um das Neuland „kennen zu lernen und zu verstehen.“ Sie habe gemeinsam mit ihrer Familie gespielt – auf einem gemeinsamen Account, der mehrere Geräte umfasst. Das sei jetzt „korrigiert“ worden.

Und sie bekennt: „Ich gebe nicht vor, die beste Gamerin zu sein – und das ist auch nicht mein Ziel. Mein Fokus liegt darauf, Xbox zum besten Ort für Spiele zu machen, zu unseren Wurzeln zurückzukehren, großartige Produkte auszuliefern und das Business auszuweiten.“

Damit hat sie Seamus Blackley getriggert, dereinst Geburtshelfer für die erste Xbox-Generation – der in Sharma die Totengräberin des Microsoft-Gaming-Business sieht. Blackley diagnostiziert eine übergeordnete Microsoft-Strategie: Alles, was nicht ins KI-Zeitalter passt, wird passend gemacht – oder halt dicht.

Aus der Personalie leitet er die gleichermaßen provokante wie pessimistische These ab, dass die Managerin gezielt die kontrollierte Abwicklung der Games-Abteilung organisieren soll.  Ihre Berufung ähnele dem Chef eines Filmstudios, der keine Filme mag. Oder einem Platten-Boss, der noch nie ein Konzert gesehen habe.

Diese Meinung hat er zwar nicht exklusiv. Aber man muss sie ja nicht teilen.

Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass die Eignung von Industrie-Führungskräften daran festgemacht wird, ob sie einen Controller richtig herum halten können. Es ist kein Jahr her, dass sich Take-Two-Boss Strauss Zelnick in ein TV-Studio setzte und kalt lächelnd bekannte, dass er kein Gamer sei. Er spiele nicht. Also: gar nicht. Mehr noch: Er halte es sogar für einen Fehler, wenn der CEO gleichzeitig der Consumer-in-Chief sei (mehr dazu in dieser Kolumne).

Die entwaffnende Offenheit brachte für einige Millisekunden sogar den Moderator aus dem Konzept.

Wohlgemerkt: Zelnick steht seit 15 Jahren an der Spitze eines der Top-10-Games-Konzerne mit einem Börsenwert jenseits von 30 Mrd. €. In seiner Amtszeit sind Blockbuster erschienen wie Grand Theft Auto 5, Red Dead Dedemption 2, Bioshock Infinite, Civilization 6 und ein ganzes Rudel an absurd erfolgreichen NBA 2K– und WWE-Spielen.

Das ist … nicht so schlecht für jemanden, der so gar nix mit Spielen anfangen kann. Man muss als ‚echter Gamer‘ nicht mit jedem Zukauf und jeder Monetarisierungs-Finte einverstanden sein, aber es schadet offenkundig offenkundig auch nicht, wenn sich der Boss aus Spielmechanik-Entscheidungen raushält und den Fachleuten im Maschinenraum vertraut.

Jetzt also Microsoft. Wo schon jetzt absehbar ist: Sharma legt eine sehr andere Art der Kommunikation an den Tag als ihr Vorgänger Phil Spencer.

Ob sich die Berufung einer Nicht-Gamerin als Geniestreich oder Schnapsidee erweist, wird sich nicht heute und nicht morgen, sondern erst entlang der konkreten Entscheidungen bewerten lassen. Nur eines ist offenkundig: Üppige Gamertags schützen nicht vor Fehleinschätzungen. Dass mit Phil Spencer über ein Jahrzehnt ein ‚echter Gamer‘ an der Spitze der Abteilung stand, konnte nicht verhindern, dass …

  • … Abertausende von Entwicklern ihren Job verloren.
  • … Studios geschlossen und Spiele-Projekte gestoppt wurden
  • … der Xbox Series X-Launch-Titel Halo Infinite den Xbox Series X-Launch verpasst hat.
  • … sich die Konsolen-Umsätze im freien Fall befinden – ohne Aussicht auf Turnaround
  • … First-Party-Titel erscheinen, die selbst eigenen Qualitätsansprüchen nicht genügen.
  • … sich der Game Pass durch Preiserhöhungen und Leistungskürzungen in eine Sackgasse manövrierte.
  • … die This is an Xbox-Kampagne jemals stattgefunden hat.
  • … völlig unterschiedliche, teils widersprüchliche Signale gesendet wurden (Stichwort: PS5-Portierungen).
  • … niemand Einhalt geboten hat, als ein 80-€-Ticket für ein Spiel wie The Outer Worlds 2 durchgesetzt werden sollte.

Und so weiter. Dem gegenüber stehen eine Menge Achievements – allen voran die letztlich gewonnene Übernahme-Schlacht um Activision Blizzard.

Wenn man Asha Sharma einen Rat mit auf den Weg geben wollen würde, dann wohl diesen: Lieber weniger spielen – und stattdessen mehr zuhören. Alle profitieren, wenn Führungskräfte die Grenzen des eigenen Tanzbereichs kennen.

Das gilt im Übrigen auch für Berufspolitiker. Es gibt wenig Entwürdigenderes, als wenn Minister, Generalsekretäre oder Partei-Chefs nach ihren Lieblings-Games gefragt werden – und dann kommt sowas wie FIFA oder Frogger oder Tetris. Ich würde mir tatsächlich Sorgen um Volksvertreter machen, die sich die Nächte mit dem Hochleveln von Diablo-Chars um die Ohren schlagen.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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