Start Meinung Wo bleibt das neue ‚FIFA‘? (Fröhlich am Freitag)

Wo bleibt das neue ‚FIFA‘? (Fröhlich am Freitag)

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Mit dieser Belegschaft ist die Nationalelf bei der Fußball-WM 22 aufgelaufen - buchstäblich (Szene aus EA Sports FIFA 23).
Mit dieser Belegschaft ist die Nationalelf bei der Fußball-WM 22 aufgelaufen - buchstäblich (Szene aus EA Sports FIFA 23).

Stell dir vor, es ist bald Fußball-Weltmeisterschaft – und vom groß angekündigten FIFA-Computerspiel ist weit und breit nix zu sehen.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

die wichtigste Botschaft vorneweg, weil mich in den vergangenen Tagen verblüffend viele Menschen drauf angesprochen hatten: Den Rotkehlchen (wir berichteten) in unserem Garten geht’s gut. Hoffe ich zumindest.

Nachdem die Jungvögel von den Erziehungsberechtigten nonstop mit saftigen Raupen versorgt worden waren, war es am Mittwoch gegen Mittag soweit: Innerhalb eines Vier-Stunden-Fensters hüpfte ein zerzaustes Küken nach dem anderen aus dem provisorischen Nistkasten, schüttelte sich kurz, trat an die Kante wie ein 12jähriger auf dem 10-Meter-Turm, sprang ab – und flatterte dann unbeholfen ein paar Meter. Zu mehr reichte es nicht. Alles minutiös dokumentiert vom Bewegungsmelder der Versteckten Kamera.

Aus den vier Nestlingen wurden damit … Ästlinge! Die so heißen, weil sie sich zunächst im Unterholz verstecken müssen – in der Hoffnung, dass kein Nachbars-Kater zufällig vorbeischnürt. Die kommenden Tage werden also noch mal besonders kritisch.

Wurde man als störender Mensch tagelang wüst von den erwachsenen Rotkehlchen aus der Baumkrone beschimpft, ist daraus nun ein zartes, kaum hörbares Fiepen geworden. Die Familie kann sich dadurch wechselseitig orten. Wenn alles nach Plan läuft, lernen die Mini-Kehlchen über Pfingsten, wie sie sich selbst versorgen. Jetzt gilt es aber erstmal, unterm Radar zu bleiben und die Krallen still zu halten – bloß nicht auffallen!

Also das komplette Gegenteil zu jener Marketing-Maschinerie, die derzeit rund um das das weltgrößte Sportereignis tobt: Die Fußball-WM startet am 11. Juni in den USA, Mexiko und Kanada – in weniger als drei Wochen.


Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Am ‚lautesten‘ sind derzeit natürlich die offiziellen Sponsoren und Partner von FIFA und DFB – von A wie Adidas bis Z wie Zalando. Wer keine offizielle Lizenz hat, aber trotzdem irgendwie auf dem WM-Trittbrett mitsurfen will, muss sich was einfallen lassen und unterwegs dringend jedweden direkten Bezug zur Fußball-WM und zu urheberrechtlich geschützten Begrifflichkeiten vermeiden, um sich keine Abmahnung einzufangen.

Das sogenannte Ambush-Marketing bewegt sich auf dünnem Eis: MediaMarkt-Saturn hat zum Beispiel eine KI-Fassung von Fußball-Lehrer und -Erklärer Jürgen Klopp in TV-Spots reingekloppt, die mit „Sorry, is‘ halt WM“ für „Wahnsinns-WM-Angebote“ werben. Legal – und legitim.

Derweil Einzelhandel, Sportartikler, Telkos und das FMCG-Gewerbe seit Wochen also aus allen Rohren schießen, wirkt es so, als fände die Fußball-WM diesmal ohne die Games-Branche statt.

Das war vor vier Jahren noch anders: So stellte Sony eigens ein FIFA-PlayStation-5-Bundle in den Handel. Die Weihnachts-WM in Katar ließ sich außerdem mit einem FIFA 23-Gratis-Update durchsimulieren: Per Gamepad konnte man dafür Sorge tragen, dass die deutsche Nationalmannschaft doch noch die Vorrunde gegen Angstgegner wie Costa Rica und Japan überstand.

Nach dem Ende des Lizenz-Deals zwischen Weltverband und Electronic Arts wurde aus der FIFA-Serie die neue Marke EA Sports FC. Ende 2025 kündigte FIFA-Boss Gianni Infantino (Sie erinnern sich – der Typ, der Trump einen selbstausgedachten Friedenstrostpreis vorbeigebracht hat) ein eigenes, kostenloses WM-Mobilegame an. Zumindest für all jene, die ein Netflix-Abo haben, denn der US-Streaming-Dienst ist offizieller Kooperations- und Vertriebspartner.

Ein „Meilenstein“ sollte es werden, der „neue Maßstäbe“ setzt. Drunter macht’s Infantino bekanntlich ja nicht.

Der Chef des beauftragten Spieleherstellers Delph Interactive griff ebenfalls ins oberste Regal: „Unsere Mission ist einfach: Wir wollen das FIFA-Game zum unterhaltsamsten, zugänglichsten und globalsten Fußballgame aller Zeiten machen.“

All das ist ein halbes Jahr her. Seitdem herrschte komplette Funkstille. Wenige Wochen vor dem WM-2026-Eröffnungsspiel ist immer noch nichts zu sehen vom ’neuen FIFA‘; weder gibt es einen konkreten Termin noch einen Namen, geschweige denn Screenshots oder Trailer.

Im besten Fall liegt das daran, dass im offiziellen WM-Spiel nur die tatsächlich berufenen Spieler verbaut sein sollen – die WM-Kader wurden ja erst in den vergangenen Tagen geleakt bekannt gegeben. Im ungünstigsten Fall ist das ‚Netflix-FIFA‘ weit entfernt von einem vorzeigbaren Status. Dass beim beauftragten Studio Refactor Games immer noch Stellen für Programmierer, Grafiker und QA-Mitarbeiter mit Fußball-Grundkenntnissen ausgeschrieben sind, muss Sorge bereiten.

Aber vielleicht werden wir in den wenigen verbleibenden Tagen bis zum Anpfiff in Mexico City doch noch überrascht – möglicherweise zur Abwechslung sogar positiv.

In der Zwischenzeit lassen sich die weiteren Premium-Gaming-Experiences der FIFA erkunden, etwa das Roblox-Format FIFA Super Soccer. Oder der WM-Modus im Football Manager von SEGA, der am Dienstag freigeschaltet wird. Oder FIFA Rivals, das mit Krypto-NFT-Marktplatz und Aggro-Monetarisierung aufwartet.

Ein schönes langes Pfingst-Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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