Start Meinung Das Rotkehlchen-Prinzip (Fröhlich am Freitag)

Das Rotkehlchen-Prinzip (Fröhlich am Freitag)

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Das Rotkehlchen ist bei der Wahl der Unterkunft nicht wählerisch.
Das Rotkehlchen ist bei der Wahl der Unterkunft nicht wählerisch.

Das Rotkehlchen lebt gefährlich – und macht daraus eine Tugend. Zur Entwicklung von Computerspielen gibt es erstaunliche Parallelen.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

in unserem Garten wimmelt es nur so vor Nistkästen: in klassischer Bauweise mit Einflugloch für Meisen & Co, aber auch als sogenannter Halbhöhlenkasten, etwa für Amseln. Sogar Mehrfamilienhäuser sind am Start – Spatzen mögen es ja gern gesellig. Manche Unterkunft wird schon zwei Tage nach Installation bezogen, andere erst nach jahrlangem Vorlauf, einzelne auch gar nicht – trotz bester Lage. Leerstand ist normal.

Nun weiß jeder Tierfreund aus der täglichen Praxis, dass solche Lösungen von der Stange nicht zwingend goutiert werden. Beispiel: Der teure Kratzbaum mit Ausguck und Hängebrücke mag lieb gemeint sein, aber in 9 von 10 Fällen quetscht sich der Kater dann doch lieber in einen viel (viel!) zu kleinen Amazon-Karton, bei dem die Papp-Seitenwände bereits bedenklich nachgeben, während das Fell über die Kanten quillt. Aber solang’s ihm taugt …

Nun begab es sich am Wochenende, dass mir beim Entrümpeln eine sanierungsbedürftige Spur G-Modellbau-Weihnachts-Kapelle ins Auge fiel, die auf einem wind- und wettergeschützten Holzregal an der Hauswand überwintert hatte. Dort, wo sich einst die ‚Kirchen-Tür‘ befand, lugen Moos, Grashalme, Federn, Laub und Seil-Reste heraus.

Eine Wildkamera brachte rasch Gewissheit: Da hat sich doch tatsächlich ein Rotkehlchen-Paar eingenistet. Vor der Kapelle spielt sich seitdem reger Flugverkehr ab, mit Starts und Landungen im handgestoppten Fünf-Minuten-Takt: Ununterbrochen werden Raupen und Würmer angeschleppt.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Infolgedessen habe ich mir alle Basics über die putzigen und erstaunlich zutraulichen Rotkehlchen draufgeschafft – und weiß unter anderem, dass sie bei der Wahl ihrer Nester nicht wählerisch sind. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird bebrütet: aufgestapelte Winterreifen, Gießkannen, Blumentöpfe oder halt Spur-G-Modellbau-Kapellen.

Weil sich die Nester oft in Bodennähe befinden, ist die Lebenserwartung der ‚Robins‘ (wie sie in UK heißen) gering. Feinde lauern überall: Marder, Waschbären, Sperber, Krähen, Füchse, Eichhörnchen, Ratten und natürlich Katzen interessieren sich sehr für Gelege und Jungvögel.

Das Rotkehlchen praktiziert daher aktive Risikostreuung: Die Brutzeit ist im Branchenvergleich ausgesprochen kurz, so dass mehrere Brutvorgänge pro Saison nacheinander geschaltet werden. Dadurch liegen nicht alle Eier in einem Nest – im wahrsten Sinne des Wortes. Was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass möglichst viele Federbälle durchkommen.

Die Rotkehlchen-Strategie geht aber darüber hinaus: Oft wird schon mit dem Bau von Nest 2 begonnen, während in Nest 1 noch der Nachwuchs fröhlich vor sich hin tschilpt. Erst die gezielten Überlappungen sichern den Bestand und das Überleben.

Übertragen auf die Games-Branche könnte das wichtigste Gebot des Rotkehlchen-Prinzips lauten: Noch deutlich vor Release sollte mindestens das Konzept für ein Folge-Spiel in der Schublade liegen – inklusive einer Idee, wie die Finanzierung gelingen könnte.

Ansonsten droht ein gefährlicher Strömungsabriss, wie die Praxis ein ums andere Mal gezeigt hat. Warum? Weil mit jedem Tag das Risiko steigt, dass zwischen Projekt A und Projekt B entweder gar keine oder zu wenig Luft bleibt, um Prototypen zu bauen, Publisher-Pitches anzuleiern, Messen und Konferenzen zu bespielen, Kickstarter-Kampagnen aufzusetzen, Award-Fristen einzuhalten oder Fördermittel zu beantragen.

Schließlich wollen ’nebenbei‘ auch noch das Bestands-Spiel samt Community gepflegt werden. Die Kunden verlangen laufend Nachschub – genauso dringend wie frisch geschlüpfte Piepmätze.

Schon bei kleinen und mittelgroßen Studios mit erfolgreichem Debüt kann dieser Drahtseilakt dazu führen, dass die Unternehmung in ein kreatives und/oder finanzielles Loch fällt. Noch dramatischer sind die Auswirkungen natürlich im statistisch gar nicht mal völlig unwahrscheinlichen Fall eines Flops, weil das Ende der Startbahn für ein mögliches Folgespiel cashflow-bedingt mit noch höherem Tempo näher rückt.

Der Auftrieb reicht dann nicht, um nochmal abheben zu können. Die deutsche Branche hat in den vergangenen Jahren auf diese Weise eine Menge Studios ‚verloren‘, bei denen genau dieser GAU eingetreten ist.

Und noch ein ‚Learning‘: Perfektion ist tödlich. Wer das perfekte Nest am perfekten Ort bauen will, verplempert viel Zeit – zuweilen: zu viel Zeit. Das Rotkehlchen macht erstmal. Planlos geht der Plan los. Das Nest sieht entsprechend ‚wild‘ aus, aber das lässt sich entlang der Early-Access-Phase ja noch zurechtzupfen und optimieren.

Kurzum: Ein gutes Computerspiel zu bauen – das bekommen viele Entwickler hin. Was die nachhaltigen von den weniger nachhaltigen Studios unterscheidet ist die Fähigkeit, die Übergänge zwischen den Releases zu moderieren und zu überstehen. Wie beim Rotkehlchen: Während andere noch feiern, dass das erste Nest fertig geworden ist, entsteht bereits das nächste.

Ich finde, das hat viel Schönes.

Ein sonniges Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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