Start Meinung Gamescom-Beben: Klartext, bitte! (Fröhlich am Freitag)

Gamescom-Beben: Klartext, bitte! (Fröhlich am Freitag)

Die Gamescom-typischen Wartezeiten sollen 2022 durch buchbare 'Anspiel-Slots' verkürzt werden (Foto: GamesWirtschaft)
Die Gamescom-typischen Wartezeiten sollen 2022 durch buchbare 'Anspiel-Slots' verkürzt werden (Foto: GamesWirtschaft)

Es ist eingetreten, was sony hätte passieren dürfen: Die Gamescom 2022 muss ohne einige der weltgrößten Spielehersteller auskommen.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

es hilft nix. Wir müssen schon wieder über die Gamescom sprechen – und zwar allein deshalb, weil diese muckelige Freitags-Kolumne ja den Anspruch erhebt, das jeweilige Branchen-Thema der Woche angemessen zu reflektieren. Und die Gamescom ist Thema. Wenn auch anders, als erhofft.

In case you missed it: Sony Interactive kommt nicht zur Gamescom (24. – 28. August) nach Köln. Der PlayStation 5-Hersteller verzichtet damit auf das „weltgrößte Event rund um Computer- und Videospiele und Europas größte Business-Plattform für die Games-Branche“ – wie schon zuvor die Top-10-Weltranglistenspieler Nintendo, Activision Blizzard und Take-Two.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Am Dienstagabend, als der dazugehörige GamesWirtschaft-Beitrag gegen 18:20 Uhr online ging, konnte man via Twitter förmlich in Echtzeit besichtigen, wie die Meldung einmal rund um den Erdball rauscht.

Aus Gründen: Denn der Sony-Rückzug hat noch ungleich weitreichendere Implikationen als im Falle von No-Show-Nintendo, weil an der PlayStation umsatztechnisch ungefähr alle ‚Third Parties‘ des Planeten hängen – also Publisher, die den größten Teil ihres Konsolen-Geschäfts auf Sony-Systemen erwirtschaften.

Das Signal, so ehrlich muss man sein, ist einigermaßen fatal – national wie international: Wie will eine Games-Leitmesse globale Relevanz beanspruchen und auch ansonsten ziemlich auf die Sahne hauen („Wie früher. Nur besser.“), wenn allein zwei von drei Konsolenbauern unentschuldigt fehlen? Zumal Konzern-Entscheidungen wie eine Gamescom-Teilnahme, die auf sämtliche Unternehmens-Teile und Absatzmärkte abstrahlt, ja nicht von heute auf morgen fallen.

Das aktuelle Lagebild liefert immerhin eine Erklärung, warum die Gastgeber – also KoelnMesse und Verband – bis heute jedwede Festlegung vermeiden, wer eigentlich in wenigen Wochen die 100.000+ Quadratmeter der Hallen 6 bis 10 bespielt. Man kennt das von Feiern und Ausflügen, bei denen angefragte Teilnehmer vor der Ab-/Zusage erstmal vorfühlen: „Wer kommt denn sonst noch so?“. Und als Gamescom-Veranstalter willst du einfach nicht antworten müssen: „Sony PlayStation schon mal nicht. Und Nintendo übrigens auch nicht.“

Gleichzeitig werden seit Anfang Juni munter 30-€-Eintrittskarten verkauft – plus ‚Super-Fan-Tickets‘, die gegen Aufpreis reservierte Anspiel-Slots freischalten. Für welche Spiele? Niemand weiß es. Mit dem wenig verblüffenden Ergebnis, dass sich zunehmend Unruhe Bahn bricht – bei Besuchern, aber eben auch bei Influencern, die ja qua Definition an der Meinungsbildung ihrer Community mitwirken.

Bleibt die Frage nach dem ‚Warum‘ für die Storno-Welle. Die Argumente, wie sie beispielsweise von Messebauern und Agenturen vorgetragen werden, fallen maximal unterschiedlich aus: Kosten, Logistik, Timing, Effizienz, Projektverzug, Kapazitäten – allesamt Aspekte, auf die die Gamescom-Macher wenig bis keinen Einfluss haben.

Das Fernbleiben der ‚big names‘ mag temporäre Covid-Symptome aufweisen, ist aber vor allem Ausdruck dessen, mit welch atemberaubendem Tempo sich die Games-Vermarktung in den 36 Monaten seit der Rekord-Gamescom 2019 verändert hat. Denn offensichtlich ist eine unangenehm große Zahl an Weltmarktführern nicht bereit, zum Gelingen der Gamescom mit hochglanzpolierten Vorführ-Versionen und Spiele-Demos beizutragen.

Das neue Credo lautet vielmehr: Wir zeigen erst dann etwas, wenn wir etwas zu zeigen haben – und nicht zwingend am 9. August, damit die USK-Prüfer noch last-minute die Gamescom-Freigabe abstempeln können.

Dabei gäbe es hinreichend Möglichkeiten, auch rund um längst veröffentlichte Spiele stabilen Fan-Service zu leisten – erinnert sei an den sensationellen Fortnite-Auftritt auf der Gamescom 2018. Die Messe-Leitung hat daher mit dem eingeleiteten Relaunch – mehr Community, mehr Festival – im Grunde die richtigen Rückschlüsse aus dieser absehbaren Entwicklung gezogen. Was bislang unter die Räder kommt, ist der Markenkern – nämlich die namensgebenden Games.

Wie geht es nun weiter? Noch halten sich viele potenzielle Aussteller an ihr geleistetes Schweigegelübde. Wer sich umhört, registriert: In den kommenden Tagen werden neben erfreulichen Zusagen auch noch schmerzhafte Absagen folgen. Langweilen wird sich auf dem Gamescom-Gelände dennoch niemand – weder Fachbesucher noch Endverbraucher.

Die Gamescom muss jetzt dringend punkten und dafür sorgen, der wichtigsten Branchen-Veranstaltung des Kontinents einen positiven ‚Spin‘ zu geben – auch mit Blick auf verunsicherte Kundschaft, die schon Stände geplant, Hotels gebucht oder Tickets gekauft hat. Vor allem ist es überfällig, endlich Ross und Reiter zu benennen.

In sieben Wochen startet der Aufbau in Köln-Deutz. Die Zeit des Rumeierns ist vorbei.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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14 Kommentare

  1. Ich frage mich welche Relevanz die Gamescom überhaupt jemals in der Branche hatte? Eine Messe für die man Eintritt bezahlt, um dann stundenlang irgendwo anzustehen, nur um ein Spiel anzutesten, was eh in 2-3 Monaten erscheint. Im Grunde ist die Gamescom komplett nutzlos und überflüssig.

    Publisher bieten Testversionen heutzutage über Streams/Clouds an. Das ist kostengünstiger und erreicht viel mehr Leute ohne ewige Wartezeiten. Das gleiche gilt für Ankündigungen auf eigenen digitalen Events. So große Messen sind in der Branche einfach obsolet und Geldverschwendung.

    • Das hat sich aber auch erst in den letzten Jahren so etabliert. Die so viel gepriesene Digitalisierung hat es ja bislang nichtmal in die Regierung geschafft. Versprochen waren mal flächendeckend 100 MBit, dann nachdem Jahre nichts passiert ist sind es auf einmal 1 GBit und das ist auch schon wieder 6 Jahre her. Solange es der Bund nicht schafft seinen Bürgern ein einheitliches Datennetz zur Verfügung zu stellen, was eigentlich schon ein ziemliches Armutzszeugnis für ein einstiges Technologievorzeigeland Deutschland ist, dann hängen wir leider den Großteil der Bevölkerung ab.

      Ich für meinen Teil sehe es nicht ein für 1 GBit Internet über 200€ zu zahlen. Als mein Arbeitgeber nach einem neuen Anbieter gesucht hat, hat er nur Angebote für 500€ aufwärts für 100 MBit von Vodafone ehm. Unity Media bekommen. Einfach weil das Gebäude vond er vorhandenen Infrastruktur nicht mehr hergibt. Dabei ist Internet heutzutage schon nahezu verpflichtend. Banken beispielsweise bieten teilweise schon überhaupt keine Alternative zum Onlinebanking mehr an.

      Solange die Politik weiterhin den Kurs beibehält und unser Land von „alten weißen Männern“ regiert wird, so lange wird sich daran auch nichts ändern und es wird noch Raum für Präsenzveranstaltungen wie die Gamescom geben

  2. Wieso immer so kompliziert und schwer: Die Rechnung ist ganz einfach. Selbst die härtesten Fan-boys haben keine Lust mehr 6 Stunden am AAA Stand zu stehen, damit sie 10 Minuten den neusten Retortentitel anspielen „dürfen“.

    Wozu auch, wir sind eine Digital Kultur!

    Ich sehe die GamesCom einzig allein und wenn überhaupt noch notwendig als Branchenveranstaltung, das würde erhebliche Kosten sparen –> schöne Grüße an die Messe Köln, die seit dem Umzug aus Leipzig jedes Jahr die Publisher immer mehr schröpft! – Ansonsten werden schlauer Publsiher eigenen Shows, Cons oder digitale Formate anbieten. Alles andere ist einfach heute nicht mehr zeitgemäß!

  3. Ich bin auch super enttäuscht von der Gamescom.
    Ich habe die Möglichkeit gewonnen wildcard Tickets zu erwerben welche extrem teuer geworden sind, und werde dabei noch unter Zeitdruck gesetzt da der Code sonst verfliegt.
    Aber dass Nintendo und Sony nicht erscheinen kam natürlich erst kurz danach auf.. ich würde liebend gern meine 59€ zurückerstatten lassen aber so wie ich die Gamescom kenne wird das wohl kaum möglich sein..

    • Da haben wir Fachbesucher natürlich einen kleinen Vorteil, wir können quasi bis zum letzten Drücker warten und uns erst das Lineup anschauen bevor wir uns entscheiden welches Ticket es dann werden soll.

      Allerdings sind auch diese extrem teuer geworden und ein Preisaufschalg von 100% ist schon heftig dafür, dass man nichtmal PSVR2 anschauen geschweige denn ausprobieren kann

  4. „Es ist eingetreten, was sony hätte passieren dürfen“

    Überflüssiges Sony-Bashing, ob nun gewollt oder nicht gewollt. Selbst als Flachwitz ungeeignet, es sei denn, man freut sich über Häme in Bezug auf einen der wichtigsten Hersteller. Meiner Meinung nach kann Sony nichts für die Lage der Gamescom, vielleicht hätte man erst planen sollen, wer alles zusagt, bevor man überhaupt die Messe freigibt. wirkt alles sehr unausgereift, dazu die unsicheren Zeiten, in denen eben vielen nicht nach Feiern und Messen zumute ist. Der Trend zu Stream-Events hat damit weniger zu tun, denn man möchte doch nicht dauerhaft alles nur online serviert bekommen. Ich jedenfalls nicht.

    • Ergänzend: Die Nachfrage nach Events, Feiern, Konzerten, Reisen etc. ist (wieder) sehr groß – ‚unsichere Zeiten‘ hin oder her. Davon trennen muss man die strategischen und kommerziellen Interessen von Ausstellern. Beim einen passt das Timing einfach nicht, beim nächsten fehlen die Kapazitäten, wieder andere setzen mittlerweile andere Marketing-Schwerpunkte.

      Daran hat niemand ‚Schuld‘ – und deshalb gibt es auch nullkommanull Anlass für Bashing, wenn ein Austeller absagt oder auch pausiert. Gemeint ist: Es ist jetzt ein Fall eingetreten, der mit Blick auf den Stellenwert der Messe nicht hätte eintreten sollen / dürfen. Eine Leitmesse muss den Anspruch haben, dass die relevantesten Player der Branche vertreten sind – egal ob IAA, IFA, CES oder Spielwarenmesse.

  5. Was niemand unterschätzen darf und vermutlich pandemiebedingt auch eine ziemliche Nachwirkung auf die künftigen jahre haben wird, ist die zunehmende Verlegung der Präsentationen in den digitalen Bereich. Denn was war zu Zeiten des Lockdowns, das Leben ging weiter und Spieler*innen forderten stärker denn je nach Befriedigung ihrer Spieltriebe. Die daraus entstandene Kultur von online Events, Livestreams und Gratiswochenenden haben nicht nur dafür gesorgt, dass die Fans nach wie vor mit Content versorgt wurden, sondern auch den Studios und Publishern einige Millionen gespart. Ein Gratiswochenende nach dem die Verkaufszahlen erstmal durch die Decke gehen ist weit wirkungsvoller als ein Trailer oder eine gehübschte Messeversion eines Spiels.

    Ich würde darauf setzen, dass damit ein Trend gestartet wurde, der die etablierten Veranstaltungen nachhaltig beeinflussen wird. Zukünftig werden Spiele wieder mehr den digitalen Raum erobern, eben in Form der genannten Präsentationsformen und das Messegeschäft wird wenn überhaupt dann eine zurückgestellte Rolle spielen

    • Zudem kommt natürlich noch der durch die Köln messe GmbH eingeleitete Imagewechsel von eine bunten lauten Eventveranstaltung hin zur seriösen Messeveranstaltung. Eine schlechtere Zeit kann sich die Eventbranche mit Sicherheit nicht vorstellen, außer einen erneuten Lockdown natürlich.

      Von daher: die Messe ist geselesn, lang lebe die Messe!

      • Eine Messe ist nunmal eine Marketingveranstaltung und kein Event. Wer so etwas sucht, sollte nach einer Games-Con suchen und nicht nach einer Games-Com.

        • Sehe ich in diesem und ähnlich gearteten Fällen anders. Sowohl die Gamescom, als auch die Spiel (findet regelmäßig in Essen statt) sind Events und keine seriösen zugeknöpften Messeversnatsaltungen wie etwa die Landwirtschafts- oder Erotikmesse. Wobei man bei eltzterer vermutlich nicht von „zugeknöpft“ sprechen kann.

          Du magst recht haben, dass sich abseits des Trubels die Entwickler und Publischer zum seriösen STelldichein verabreden. Das lässt aber die Tatsache dennoch nicht verschwinden, dass es eben den auf die Normalbesucher zugeschnittenen Enertainmentbereiche, Events und Spektakel gibt. DIese zielen ganz klar eben auf den Unterhaltungsfaktor ab, wenn es auch in erster Linie um potentielle Kunden geht, so muss heutzutage eben viel mehr passieren als sich einfach nur hinzustellen und Flyer zu verteilen. Und das ist auch gut so, immerhin geht es hierbei um Unterhaltung.

          Ob das Publikum die Veränderungen akzeptieren wird mag ich allerdings zu bezweifeln, immerhin lebte die Messe in den letzten Jahren eben genau vom dem Spektakel, dass die Aussteller veranstaltet haben

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