Start Meinung Fröhlich am Freitag 6/2020: Was wird jetzt aus Gollum?

Fröhlich am Freitag 6/2020: Was wird jetzt aus Gollum?

Daedalic-Hoffnungsträger
Daedalic-Hoffnungsträger "The Lord of the Rings: Gollum" auf der EDGE-Titelseite (Foto: Daedalic / Fichtelmann)

Sechs Jahre nach dem Einstieg von Bastei Lübbe bei Daedalic Entertainment geht der Kölner Buchverlag auf Distanz. Grund sind Abschreibungen in Millionen-Höhe.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

und plötzlich ist Daedalic Entertainment nur noch eine simple „Finanzbeteiligung“. Nur das „kleinste Segment des Konzerns“, das allenfalls eine Nebenrolle im Vergleich zu Dan-Brown-Romanen, Fitzek-Krimis und „Der Bergdoktor“-Schnulzen spielt.

Deutlicher kann man nicht formulieren, wenn aus der einstigen Liebe des Lebens ein Lebensabschnittsgefährte wird. Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.

Mit einer Kälte, die man ansonsten nur Hundenasen nachsagt, hat Carel Halff per Adhoc-Meldung durchblicken lassen, was er von Games im Allgemeinen und Daedalic Entertainment im Besonderen hält. Halff ist Vorstands-Chef bei der Bastei Lübbe AG in Köln, einem der größten deutschen Buchverlage, der seit 2014 die Daedalic-Mehrheit hält.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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„Nicht zukunftsfähig“ und „nicht tragfähig“ sei das Daedalic-Geschäftsmodell. Sagt Halff. Und kassiert damit die Weichenstellungen seiner Vorgänger ein, die jahrelang propagierten, dass just dieses Geschäftsmodell (Spiele entwickeln und verkaufen) die Zukunft für Bastei Lübbe darstellt – weg vom bedruckten Papier, hin zum Digitalgeschäft. 11 bis 12 Millionen Euro Umsatz hätte Daedalic im abgelaufenen Geschäftsjahr beitragen sollen – keine Kleinigkeit bei einem 90-Mio.-Euro-Dampfer wie Bastei Lübbe.

Zu dieser Meldung haben mich gestern und heute ungewöhnlich viele Nachrichten und Anmerkungen erreicht. Daedalic bewegt die Branche, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Einmal deshalb, weil es sich um einen der ganz wenigen Top-20-Spiele-Produzenten in Deutschland ohne Free2Play-DNA handelt. Und dann ist da Carsten Fichtelmann, der das Studio vor 13 Jahren gemeinsam mit Spieldesigner Jan Müller-Michaelis („Poki“) gegründet hat. Fichtelmann gilt als streitbarer Unternehmer, der für seine Überzeugung und seine Spiele lebt. In einem Hopp-oder-Topp-Business gehört er zu den wenigen Mahnern, die ihre Meinung mit offenem Visier auch abseits der Branchenverbands-Diplomatie äußern.

Als die staatliche Games-Förderung infolge Scheuer’schen Fehlverhaltens im Feuer stand, warnte Fichtelmann vor einer „Katastrophe biblischen Ausmaßes“. Übertreibung macht’s anschaulich. Und in diesem Fall stimmt’s ja auch.


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Aber was ist da gestern zur später Stunde eigentlich genau passiert? Kurz gefasst: Bastei Lübbe muss den Wert von Daedalic Entertainment drastisch korrigieren – das, was bislang in den Büchern stand, ist Makulatur. Statt wie angekündigt sattschwarzer Zahlen wird Bastei Lübbe einen Verlust in schlimmstenfalls zweistelliger Millionen-Höhe ausweisen. Wegen Daedalic. Die Meldung schickte den Aktienkurs nachbörslich auf Talfahrt – minus 25 Prozent.

Für die ohnehin Kummer gewohnten Lübbe-Aktionäre ist die Entwicklung vor allem deshalb bitter, weil man den Eindruck haben musste, der Verlag sei aus dem Gröbsten raus. Management-Fehler, Rücktritte, Vorstands-Wechsel, Bilanz-Skandale und gefloppte Projekte ließen zwischenzeitlich Zweifel aufkommen, ob Bastei-Lübbe diese Krise überhaupt übersteht. Also wurde saniert – voller Fokus aufs profitable Kerngeschäft.

Jetzt scheint klar zu sein, dass Bastei Lübbe nicht länger mit der Games-Sparte plant. Daran lässt das Urteil „nicht zukunftsfähig“ wenig Zweifel. Die ohnehin sehr konkreten Verkaufs- und Join-Venture-Pläne für die Hamburger Games-Filiale waren ja nur deshalb auf Eis gelegt worden, weil man dringend dabei sein wollte, falls „The Lord of the Rings: Gollum“ durch die Decke geht.

„Gollum“ elektrisiert, kein Zweifel – obwohl noch niemand das lauffähige Spiel gesehen hat. Der Hollywood Reporter war einer der ersten, die vor gut einem Jahr über den Deal berichteten. Als ich vor ein paar Tagen in London durch die Abflughalle flanierte, fiel mir in der Auslage sofort das „Gollum“-Titelbild des Spielemagazins EDGE ins Auge: „World Exclusive: The Inside Story of a stunning Next-Gen Adventure“. Ich kann mich an kein Spiel made in Germany erinnern, das es in den vergangenen 25 Jahren auf die Titelseite des britischen Prestige-Titels geschafft hätte (Update: Tatsächlich titelte EDGE in der Vergangenheit mit den Crytek-Shootern der „Crysis“-Serie).

Wie das Games-Abenteuer für Bastei Lübbe und Daedalic ausgeht, ist jedenfalls ungewiss. Der Mehrheits-Eigner will zunächst restrukturieren und „alle Optionen prüfen“. Seit gestern ist zumindest kaum noch vorstellbar, dass Bastei Lübbe mit vielen Millionen Euro ins Risiko geht, damit „Gollum“ im kommenden Jahr – auch – für PlayStation 5 und Xbox One Series X erscheinen kann.

Stattdessen gibt es womöglich demnächst hinreichend Stoff für einen neuen Bastei-Lübbe-Wälzer: „Ein Roman-Verlag macht was mit Games: The Inside Story of a stunning Next-Gen Adventure“.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Alle Kolumnen und Gastbeiträge finden Sie in der Rubrik „Meinung“.

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