Start Meinung Fröhlich am Freitag 26/2019: Schwarze Null

Fröhlich am Freitag 26/2019: Schwarze Null

Deutscher Computerspielpreis 2019 am 9. April: Verkehrsminister Andreas Scheuer (links) verkündet den Start der Games-Förderung (Foto: Franziska Krug / Getty Images for Quinke Networks)

Ist das Kunst oder kann das weg? Das hat sich offenbar auch die Bundesregierung gefragt – und die Computerspiele-Förderung ab 2020 auf Null gesetzt.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

der Kohle-Ausstieg ist beschlossene Sache – denn Kohle für deutsche Games-Entwickler soll es maximal 2019, nicht aber 2020 geben. Das hat das Bundeskabinett am Mittwoch entschieden – und damit das Signal in die Welt gesandt, dass dieses Groko-Langzeitprojekt nach einer Saison enden könnte. Zumindest sind dafür im Etat des verantwortlichen Ministers Andreas Scheuer (CSU) exakt null Euro vorgesehen. Das ist nicht viel.

Die Branche tobt. Zurecht.

Die Entwicklungs-Starthilfe wurde offenkundig als entbehrlich angesehen, zumal SPD-Finanzminister Scholz das Kollegium zu strikter Kostendisziplin aufgefordert hat. Ziel: die berühmte Schwarze Null, also ein ausgeglichener Haushalt ohne neue Schulden.

Wer glaubt, dass unter dem Spardiktat alle Ressorts gleichermaßen ächzen, irrt. „Sehr zufrieden“ mit dem Ausgang der Budgetverhandlungen ist zum Beispiel Kultur-Staatsministerin Monika Grütters (CDU). Ihr 1,8-Milliarden-Etat wächst um satte 58 Millionen Euro. Weil sie es erstens dringend will, zweitens dafür kämpft – und weil sie es drittens durchsetzen kann. Allein für Kinos im ländlichen Raum werden 15 Millionen locker gemacht. Dafür lässt Grütters dem Herrn Bundesfinanzminister via Pressemitteilung ihren „ausdrücklichen“ Dank zukommen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Derweil die subventionsdurchwirkte Film-Branche ihr Glück kaum fassen kann, steht die Computerspiele-Industrie unter erkennbarem Schock. „Looks like shit. But saves my life“ – den Slogan von Scheuers Fahrradhelm-Kampagne hätten sich sicher gerne auch viele Spiele-Entwickler mit Blick auf die Förderung zu eigen gemacht. Doch seit vorgestern fragen sich Games-Startups und Mittelständler im Land, wer sie denn nun retten oder zumindest international konkurrenzfähig machen soll.

Dabei sollte eigentlich eine eigene Projektgesellschaft gegründet werden, die in den kommenden Jahren die Gelder verteilt. Seit Monaten sind Scheuers Staatssekretäre, Beamte und Games-Experten damit zugange, Richtlinien aufzustellen, Fragen zu beantworten und Anträge abzuarbeiten. Doch wozu kostspielige Strukturen und Planstellen für ein Programm aufbauen, das ohnehin nur auf ein Jahr ausgelegt ist? Oder zumindest wackelt? Und noch dazu unter EU-Vorbehalt steht?

Sollte tatsächlich das Worst-Case-Szenario (= es bleibt wie geplant) eintreten, würde nicht nur die Einführung der Games-Förderung in Scheuers Amtszeit fallen – sondern auch deren vorzeitige Abwicklung. Erst Vollgas, dann voll in die Eisen: Allmählich scheint sich ein Muster abzuzeichnen.

Zur Ehrenrettung des CSU-Politikers könnte man unterstellen, dass die 50 Millionen Euro womöglich bei der Aufstellung des Finanzplans für 2020 schlicht übersehen wurden. Kann schon mal passieren. Als erfolgreicher Verkehrsminister hat man schließlich allerhand um die Ohren – PKW-Maut, Diesel-Betrug, Breitbandausbau, Schnell-Ladestationen, Taxifahrer-Wut, Flugtaxis, E-Scooter, BER, Feinstaub, Motorradfahren trotz Autoführerschein, umgekehrte Wagenreihungen im ICE. Irgendwas ist ja immer.

Schiere Schusseligkeit ist dennoch auszuschließen: Die „Förderung der Computerspieleentwicklung auf Bundesebene“ ist war der zweitgrößte Posten im Geschäftsbereich Digitales – also der Grund, warum Scheuers Behörde überhaupt unter „Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur“ (kurz: BMVI) firmiert. Die Bundesregierung scheint vielmehr davon auszugehen, dass mit einer vorerst einmaligen Geldspritze das Groko-Versprechen mit Blick auf die Games-Förderung als eingelöst gilt. Getreu dem Motto: „Jetzt kriegt jeder noch ein kleines Eis – und dann will der Papa aber nichts mehr hören.“


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Von einer „Katastrophe biblischen Ausmaßes“ spricht daher auch Daedalic-Chef Carsten Fichtelmann. Seine Firma ist geradezu prototypisch für die Art von Unternehmen, die mit der Förderung den nächsten Schritt gehen könnten. Man muss nicht „Minecraft“ auf Bachelor studiert haben, um zu ahnen: Es macht einen sichtbaren Unterschied, ob das Entwicklungs-Budget für ein Spiel bei 2, 5 oder 10 Millionen Euro liegt. Von den Jobs ganz zu schweigen. Jetzt werden sich CEOs und Investoren dreimal überlegen, ob sie weitere Programmierer einstellen oder eine Zweigstelle eröffnen.

Ob die Rettung der Förderung zumindest für 2020 klappt, wird mehr denn je vom politischen Druck abhängen, den die Verbündeten der Games-Lobby nach der Bundestags-Sommerpause aufbauen, also Gamescom aufwärts. Dann können die Klingbeils, Bärs, Jarzombeks, Kruses, Zimmermanns zeigen, wie weit ihr Einfluss reicht.

Zwar ist keineswegs ausgeschlossen, dass sich im Zuge der Verhandlungen doch noch irgendwie ein Betrag zwischen 0 und 50 Millionen Euro in den finanzpolitischen Sofaritzen findet. Wären da nicht die Auswirkungen des Maut-Desasters, die derzeit nicht ansatzweise eingebacken sind. Die BMVI-Sippenhaft wird zur Bürde – das Geld wird andernorts gebraucht. Spätestens jetzt muss man sich Sorgen um den Deutschen Computerspielpreis machen, dessen Budget – Sie ahnen es – im selben Ministerium verwaltet wird.

Ein (dennoch) schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

Alle bisherigen Folgen unserer wöchentlichen Kolumne finden Sie in der Rubrik „Meinung“.

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