In der unregelmäßigen Kolumnen-Serie #AufsMaul kommentiert Daedalic-Geschäftsführer Carsten Fichtelmann die Welt der Spiele. Zum Auftakt geht es um Förderung made in Germany.

Vorbemerkung: Wie bei allen Gastbeiträgen und Kommentaren auf GamesWirtschaft.de spiegelt auch die Kolumnen-Serie #AUFSMAUL ausschließlich die Meinung des Verfassers und nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

#AufsMaul Episode 1: Carsten Fichtelmann über effektive Förderung

[toc]Die Förderung von Ideen, Unternehmen und Machern ist enorm wichtig. Geht man aus unternehmerischer Sicht einen Schritt zurück und betrachtet die Landkarte der internationalen Wettbewerber, stellt man fest, dass Games-Unternehmen in Skandinavien, Großbritannien, Kanada, den Niederlanden und vielen anderen Ländern spätestens bei der Frage der Effektivität keine Hürden wie „Es muss aber kulturell wertvoll und pädagogisch sein“ oder „Es muss eine technische Neuerung darstellen“ überspringen müssen, um in den Genuss von signifikantem Rückenwind zu kommen.

Zu über 80 Prozent lokaler, international irrelevanter Käse

Unter dem Strich wird auch in Deutschland eine Menge gemacht – Infrastruktur-Subventionen für Büroflächen, Technologie-Fördertöpfe, (europäische) Content-Förderung, eine Reihe regionaler Programme (oftmals an die Filmförderer angedockt), Preisgelder, allgemeine Wirtschaftsförderung über Darlehen aus öffentlicher Hand oder Zuwendungen in Form von Medialeistungen. Eins ist meistens damit verbunden: ein nicht unerheblich großer bürokratischer Aufwand. Hat man sonst nicht viel zu tun, kein Problem. Aber mit einem einigermaßen funktionierenden Tagesgeschäft sind Förderanträge oftmals zu zeitraubend und eventuell im Fall einer Absage extrem frustrationsfördernd.

Einige Dinge laufen grundsätzlich falsch: Schaut man sich an was gefördert wird, und da sind sich scheinbar zumindest die Leute in den Foren beziehungsweise die Stimmen aus der Anonymität einig: Es ist zu über 80 Prozent lokaler, ökonomisch mit sehr eingeschränkten Erfolgsaussichten und vor allem international irrelevanter Käse.

Deutscher Computerspielpreis: Nach der Gala kommt der Kater

Betrachtet man verschiedene Gewinner beim deutschen Computerspielpreis, muss man sich fragen: Was ist denn aus diesen Unternehmen geworden? Hat das Preisgeld dort ernsthaft irgend etwas bewirkt? In einigen Fällen gibt es die Unternehmen nicht mehr, von anderen hat man lange nichts mehr gehört. Nach der Gala kommt meist schnell der Kater und er kommt härter, als man dachte. Weil man sich eventuell zwei bis drei Monate in Sicherheit wog und auch die Endlichkeit einer Förderung unterschätzte.

Noch schlimmer ist die Erkenntnis, wenn man aus dem Dornröschen-Schlaf aufwacht und sich wundert, dass sich die Erde weitergedreht hat. Und dass man auf den Portalen beziehungsweise Märkten, wo man vor drei Jahren noch spielend gerade so break-even gegangen ist und zumindest weitermachen konnte, nichts mehr verkaufen kann.

Ist daran eine fehlende Förderlandschaft schuld? Nein, natürlich nicht.

Aber es sind vor allem die Leute schuld, die uns immer weismachen wollen, wie toll alles ist und wie rosig die Zukunft aussieht. Spätestens dann leide ich oftmals auch an Unehrlichkeitsanfällen und freue mich, dass es trotz meiner nicht zur Schau getragenen Andersmeinung in meinem Unternehmen zumindest etwas besser läuft als beim Durchschnitt.

Und fragt mich einer, wie es läuft, sage ich grundsätzlich, dass es schwierig ist. Weil es schwierig ist.

Förderer tragen einen Teil der Schuld vieler Dutzender Firmenpleiten

Es ist auch kein Widerspruch, immer optimistisch zu sein, aber gleichzeitig eine pessimistische Grundhaltung zu haben. Die Zeit besteht leider aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und wirklich groß beeinflussen kann ich nur die Zukunft. Förderer leben aber mehr in der Gegenwart.

Nach all den Jahren bin ich bei jedem neuen Ziel, Vorhaben oder Spiel aufs Neue hoch optimistisch, aber nach vielen Enttäuschungen weiß ich auch, dass es am Ende an ganz unterschiedlichen Gründen liegt, warum man nicht oder nicht genügend erfolgreich ist.

Häufig sind andere oder die Umstände schuld und noch häufiger hat man einen großen Teil selbst dazu beigetragen. Bei diesem sich immer wiederholendem Prinzip helfen echte Förderer auf jeden Fall. Schönwetter-Vorhersager im Mantel eines Förderers hingegen tragen aus meiner Sicht einen Teil der Schuld vieler Dutzender Firmenpleiten und geplatzten Träumen bei Publishern und Entwicklern in der deutschen Szene.

Zu wenig Leistungswille, zu wenig Klartext

Mein Rat lautet daher, dass jeder Förder-Euro in das Fördervorhaben fließen sollte. Gerade jetzt, wo die Finanzierung von Themen für deutsche Entwickler nochmal schwerer geworden ist, wäre eine effektive Förderung umso wichtiger und essentieller, um international mithalten zu können. Was sich mir leider nicht erschließt, ist die Verlogenheit oder nennen wir es besser: die Tatsachen ausblendende Naivität und Dummheit vieler Förderer und Geförderter. Da feiert man sich allen Ernstes ab, wenn man Unteres-Mittelmaß-Ideen fördert und sich wundert, dass ganz viele Projekte nie realisiert werden und am Markte erscheinen.

Es fehlt oftmals der bedingungslose Leistungswille, weil keiner Klartext redet. Sagt man was, gilt man sehr schnell als Nestbeschmutzer. Ein wesentliches Problem ist auch, dass in vielen Jurys und bei Entscheider-Gremien über Fördergelder Leute eingesetzt werden, die eine lange „Business gegen die Wand fahren“-Spur hinter sich herziehen oder über die man zumindest hinter vorgehaltener Hand sagt: „Um Gottes Willen, jetzt haben die das Windei auch noch in die Jury gesetzt.“

Was dann rauskommen kann, ist absehbar.

Deutscher Computerspielpreis: Rumoren hinter den Kulissen

Beim Deutschen Computerspielpreis, dem größten zu vergebenden Geldtopf, ist es so weit gekommen, dass sich die Hauptjury die Spiele teils gar nicht mehr richtig anschaut und hofft, aufgrund eines Trailers Rückschlüsse auf die umfassende Qualität eines Produktes zu bekommen. Während es hinter den Kulissen schon seit Jahren rumort, hat man das Gefühl, dass es der politische Filz ist (oder vielmehr ein politischer, für unsere Industrie toxischer Pilz?), der sich am Ende durchsetzt.

Besonders bitter ist hierbei, dass der überwiegende Teil der wirklich zu recht eingesetzten Jury-Mitglieder sich am Ende gegen die politischen Selbstdarsteller nicht durchsetzen kann. Spätestens dann, wenn dann die Gewinner aus Bayern kommen müssen, weil der zeremonielle Tross dort gerade anlegt, wird es schwierig mit dem Wissen, was hinter den Kulissen gelaufen ist, glaubwürdig zu bleiben.

Die Tatsache, dass Computerspiele nicht mehr im Kulturministerium, sondern im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur verortet sind, sagt ja im Prinzip schon alles. Mit uns kann man es ja machen. Da haben sich BIU und GAME schön abschlachten lassen, anstatt mit offener Faust nach Berlin zu fahren. Gut, bei einigen Leuten im BIU ist eh Hopfen und Malz verloren, aber spätestens beim GAME-Verband muss ich mich wohl selbst als Vorstandsmitglied fragen, wo ich damals war, als dieser Mist entschieden und hingenommen worden ist (Anmerkung des Autors: Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in eine Schlägerei verwickelt und habe noch nie auf jemanden eingeprügelt. Geblufft habe ich schon).

Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner

All das ist aber egal und kann einem Computerspiele-Entwickler im Zweifel langfristig nicht helfen. Helfen kann man sich nur selbst. Und darum werden auch in Zukunft vor allem hart und nachhaltig arbeitende Unternehmen international konkurrenzfähig sein. Schade ist indes, dass einigen diese Chance verwehrt bleibt, weil ach so vieles wie zum Beispiel die Förderlandschaft in Deutschland inhaltlich und von seinen Umfängen schöngeredet wird. Ja, es stimmt: Daedalic wäre heute eventuell keine große Nummer ohne unsere vielfältigen Förderungen im Laufe der Jahre. Eventuell.

 

Carsten Fichtelmann, Gründer und Chef von Daedalic Entertainment
Carsten Fichtelmann, Gründer und Chef von Daedalic Entertainment

Über den Autor: Carsten Fichtelmann ist Gründer und Geschäftsführer des Hamburger Publishers Daedalic Entertainment. Das Unternehmen mit Filialen in Hamburg und Düsseldorf wurde 2007 gegründet. Zu den wichtigsten Daedalic-Titeln gehören die vielfach preisgekrönten Adventures der Deponia-Reihe, die auch mit dem Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet wurden. Anstehende Neuerscheinungen: das Weltraum-Abenteuer The Long Journey Home, das Taktik-Spiel Shadow Tactics (entwickelt von Mimimi Productions) und die Spiel-Umsetzung des Ken-Follett-Bestsellers Die Säulen der Erde. In seiner Kolumnen-Serie #AUFSMAUL setzt sich Fichtelmann mit dem Spiele-Standort Deutschland auseinander.

3 Kommentare

  1. Ich kann mich hier auch nicht zurückhalten. Ich kämpfe schon seit Jahren gegen den Deutschen Computerspielepreis weil er weder das Image und die Bekanntheit deutscher Spiele steigert noch ein effizientes Mittel von Förderung ist, noch eine gute PR Aktion. Er ist einfach Geldverschwendung und Selbstdarstellung einerr weniger unwichtiger Leute in Politik und Gamesbranche. Natürlich muss Carsten sich einen guten Teil seiner Kritik selbst ans Bein binden. Er war auch für den Deutschen Computerspiele Preis und hat nicht wirklich gegen die Entscheidung zum Ressort für Computerspiele gekämpft. Wirtschaftsförderung gehört nun einmal in Wirtschaftsministerium und wir sollten uns als Industriezweig verstehen, der in Zukunft wachsen wird – mit und ohne deutsche Entwickler und Publisher. Wenn Deutschland hier weiter nach vorne möchte, dann nur mit einer effizienten Projekt- / Entwicklungsförderung. Hier gibt es aber weder beim GAME noch beim BIU entsprechende Vorstöße. Zudem muss es auch nicht immer eine Förderung sein. Es würde schon reichen, wenn Nachteile die deutsche Entwickler und Publisher durch Bürokratie, Steuerrecht und Datenschutz etc. haben, konsequent bekämpft würden.
    Ich finde, gut gemacht Carsten aber halb so lang hätte es auch getan. 😉

  2. Ich finde die Kritik berechtigt, aber zu kurz gesprungen. Das Problem ist ja vielfältig
    Prototyp Förderung ist sinnvoll aber nicht wenn man nur Geld gibt, sondern auch mit know how und Aufsicht hilft, damit die kreativen Neuen auch wirtschaftlich und planerisch weiter kommen.
    Indusförderung ist was ganz anderes. Siehe Finnland, Kanada, UK. Da geht es nicht um Innovation oder Kultur, sondern um Kohle.
    Was die Qualität der Jury und Preise betrifft bin ich zwiegespalten, aber zuviel Politik tut sicher keinem inhaltlichen Verfahren gut. Schönes Statement wäre aber schon mal einen Preis abzulehnen, wenn er von lauter politisch verstrickten und inhaltlich korrupten Flitzpiepen vergeben wird. Kohle kassieren und Dankesrede ist nicht so ganz gut mit Fundamentalkritik vereinbar. Aber dazu habt ihr ja beim nächsten Preis, der zweifellos kommen wird noch Gelegenheit 😉

  3. Die nüchternen Ergebnisse von mittlerweile 6 Jahren lokaler Games-Förderung hier in Bayern geben Herrn Fichtelmann leider in vielen Punkt Recht:

    a.) es werden Projekte ohne erkennbare Erfolgsaussichten auf dem Markt gefördert, so wurden z.B. Projekte wie „Das Tal“ oder „Submerge“ großzügig mit Fördergeldern bedacht, obwohl deren vorherige Kampagnen auf Kickstarter aufgrund mangelndem Interesse floppten.
    b.) großzügig geförderte Projekte werden schlichtweg nicht fertig produziert, obwohl größere Summen an Fördergelder geflossen sind, z.B. „Bavarian Ville“, „Swimming under Clouds“ oder „Myth Of Glory“.
    c.) bis auf eine rühmliche Ausnahme (Teilrückzahlung durch Mimimi Productions bzw. Daedalic für „Tinker“), hat bislang kein einziger der geförderten Entwickler auch nur Teilbeträge seiner Förderung zurückzahlen können, weil sämtliche Projekte kommerzielle Rohrkrepierer waren (oder Einnahmen geschickt umgebucht wurden, wie z.B. Preisgelder).
    d.) einzelne Entwicklerstudios erhielten (meist aufgrund guter persönlicher Kontakte) auffällig viele Förderungen über Jahre hinweg, ohne dass dies durch Erfolge vorheriger Förderungen gerechtfertigt gewesen wäre. So bekam die Firma Reality Twist insgesamt 378.000 Euro Fördergelder für 6 Projekte bis sie dann im Jahre 2015 die Entwicklung von Computerspielen einstellte und jetzt im Bereich der Creative Production erneut Förderungen gewinnen konnte.

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