Start Meinung Fröhlich am Freitag 22/2019: Wenn YouTuber Partei ergreifen

Fröhlich am Freitag 22/2019: Wenn YouTuber Partei ergreifen

Da war die Welt noch in Ordnung: Spitzenpolitiker beim Gamescom Congress 2018 beantworten die Fragen der YouTuber Lisa Sophie Laurent (lilnks) und Peter Smits (rechts) - Foto: GamesWirtschaft
Da war die Welt noch in Ordnung: Spitzenpolitiker beim Gamescom Congress 2018 beantworten die Fragen der YouTuber Lisa Sophie Laurent (lilnks) und Peter Smits (rechts) - Foto: GamesWirtschaft

Breaking news: Influencer haben Einfluss. Einer der ihren hat sich im Vorfeld der EU-Wahl aus dem Gebüsch gewagt – und lässt die Politik kopf- und hilflos wirken.

Fröhlich am Freitag 22/2019: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

bestimmt gibt es bereits erste Politikwissenschafts-Doktoranden, die sich demnächst an der Frage abarbeiten wollen, ob es bei der Europawahl 2019 am vergangenen Sonntag so etwas wie einen #RezoEffekt gegeben haben hat.

Tenor bislang: Mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ und dem darauffolgenden Anti-CDU-CSU-SPD-AfD-Wahlaufruf gemeinsam mit 90 weiteren YouTubern hat Rezo zumindest für eine gewisse Mobilisierung von Jung- und Erstwählern gesorgt – und könnte Zünglein an der Waage bei den Unentschlossenen gewesen sein. Deren Anteil lag ja kurz vor dem Wahlwochenende immer noch jenseits der 40 Prozent.

Nun ist Rezo im Hauptberuf Entertainer, der sein Publikum mit Musikeinlagen, Challenges und Parodien bespaßt, meist gemeinsam mit Kollegen wie Julien Bam. Von seinen Fans wird er dafür hart gefeiert, um mal einen berufsjugendlichen Fachbegriff unterzubringen. Für die politische Einordnung sind ja üblicherweise andere zuständig, LeFloid oder MrWissen2Go etwa.

Doch schon lange vor der Causa Rezo war Woche für Woche zu beobachten, wie Abgeordnete und Parteien für ihre Tweets, Postings und Videos ans Social-Media-Kreuz genagelt wurden, auffallend oft von Gaming-Youtubern. Überwiegend zurecht: Nahezu täglich reibt man sich verwundert die Augen, wie es abgebrühten Politprofis mit lückenloser Bundestags-Biographie passieren kann, wild twitternd um sich zu schlagen.

Dass wir uns in dieser Lage wiederfinden, hat Ursachen. Im Rückblick dürfte die unselige Rundfunklizenz für Livestreaming-Kanäle als Urknall der Politisierung von YouTube gelten. Die willkürlich anmutende, unsensible Vorgehensweise der Medienanstalten hat Letsplayer in den Empörungs-Modus schalten lassen.

Endgültig auf die Barrikaden und schlussendlich auf die Straße getrieben wurden YouTuber und ihre Anhänger dann durch die EU-Urheberrechtsreform. Den Demonstrations-Aufrufen folgten anfangs Tausende, am Ende Hunderttausende.

Warum? Weil in diesem vergleichsweise engen Fachgebiet offenbar wurde, wie Entscheidungen auf den Berliner und Brüsseler Planeten ausbaldowert werden, die von der Lebenswirklichkeit nicht weiter entfernt sein könnten – Stichwort: Upload-Filter.

Und wenn sich YouTuber mit etwas auskennen, dann eben mit Uploads.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt hat sich die Wut führender Influencer an Ministern, Generalsekretären, Parteien entladen. Mittendrin: Rewinside, Felix von der Laden, das PietSmiet-Team, Domtendo, Vik, Gronkh, MrMoregame, Simon Unge und viele weitere, LeFloid ohnehin.

Für die meisten Internet-Helden dieser Reichweiten-Größenordnung ist (beziehungsweise: war) eine öffentliche Auseinandersetzung mit politischen Inhalten überwiegend unüblich. In gewisser Weise reden wir von Neuland: Wann hat man zuletzt gehört, dass sich Schauspieler, Comedians oder Sportler ähnlich vehement in Debatten positioniert hätten? Bei in Würde gealterteten Punk-Musikern beschränkt sich das Engagement maximal auf die Mitwirkung bei Benefiz-Formaten.

In den tagespolitischen Twitter-, Instagram-, Facebook-Infight trauen sich die wenigsten. Aus guten Gründen, weil es hier viel zu verlieren, aber üblicherweise wenig zu gewinnen gibt. Prominente, die es trotzdem wagen, müssen verblüfft feststellen, dass Meinungsfreiheit in beide Richtungen wirkt. Das muss man aushalten wollen.

Wie geht’s nun weiter? Im nächsten Schritt werden wir übergriffige Ranwanz-Versuche der Politik gegenüber YouTubern erleben – runde Tische, Panels, Livestreams, Instagram-Stories, Selfies. Es wird interessant sein zu beobachten, ob sich Letsplayer für derart durchsichtige Manöver vor die Social-Media-Karren-Bauer der Parteien spannen lassen.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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