Woran liegt es eigentlich, dass in Deutschland so wenige Frauen an der Spitze von Games-Unternehmen stehen? Die verstörende Antwort: an den vielen Männern.

Fröhlich am Freitag 28/2018: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

zwischen 3.000 und 4.000 Frauen arbeiten in Deutschlands Games-Branche, je nach Studie. Sie modellieren 3D-Gebäude, denken sich Quests und Dialoge aus, animieren Spielfiguren, koordinieren Projekt-Teams, programmieren, kümmern sich um die Buchhaltung, formulieren Pressemitteilungen, forschen und lehren, sitzen am Empfang, verantworten internationale Marketing-Kampagnen, organisieren Messen und Events, betütteln Influencer und führen Personalgespräche.

Was sie aber irrsinnig selten tun: ein Games-Unternehmen leiten. Jahresabschlüsse und Mietverträge abzeichnen. Und die letztliche Entscheidung treffen, ob ein Spiel überhaupt entwickelt wird. Und wenn ja, in welchem Genre. In welchem Stil. Für welche Zielgruppe. Mit welchem Budget. Mit welchem Umfang. Für welche Plattformen (Xbox? iOS? Switch?). Auf welchem Vertriebsweg und mit welchem Geschäftsmodell.

Beweisstück 1: In den 50 größten Studios des Landes und in faktisch allen Niederlassungen internationaler Games-Konzerne beträgt die Zahl der weiblichen CEOs, Geschäftsführer oder Managing Directors exakt null.

Kein einziger der 50 größten Spiele-Entwickler in Deutschland wird von einer Geschäftsführerin geleitet (Stand: Juli 2018)
Kein einziger der 50 größten Spiele-Entwickler in Deutschland wird von einer Geschäftsführerin geleitet (Stand: Juli 2018)

Was selbstverständlich nicht heißt, dass es in der deutschen Videospiele-Branche keine Managerinnen mit Verantwortung für zuweilen millionenschwere Budgets gäbe. Die gibt es natürlich – ebenso wie eine immer länger werdende Liste an Gründerinnen von Indie-Teams. Zuletzt wurde Cornelia Geppert vom Berliner Studio Jo-Mei Games für ihren Auftritt bei der Electronic-Arts-E3-Pressekonferenz von Presse und Twitter gefeiert.

Die Zahl 50 für die Datenbasis der Infografik hat übrigens rein ästhetische Gründe – es ließen sich genauso gut die Top 60 oder Top 70 heranziehen, ohne dass sich am Befund etwas ändern würde.

Wie es denn zu dieser Schieflage käme, wurde ich nach der Veröffentlichung des Artikels oft gefragt, gerade von ausländischen Kollegen. Ein Faktor: Auch wenn die Gründung der großen deutschen Studios oft ein Jahrzehnt oder noch länger zurückliegt, so werden viele Firmen weiterhin von den – nahezu ausschließlich männlichen – Eigentümern und Gesellschaftern geleitet. Die wiederum wenig bis gar keinen Grund haben, die Geschäftsführung personell aufzublasen. Oder sich selbst auszutauschen. Daran dürfte sich so schnell auch nichts ändern.

Die anderen denkbaren Gründe sind im Wesentlichen deckungsgleich zu jenen, warum kein einziges der 80 DAX- und MDAX-Unternehmen eine Vorstandsvorsitzende beschäftigt.

In Games-verwandten Kreativbranchen ist die Situation übrigens ähnlich. Die Zahl der Regisseurinnen bei den 250 größten Hollywood-Produktionen liegt konstant im einstelligen Prozentbereich. Vor allem für Action- und Horrorfilme würden beinahe ausschließlich Männer engagiert, analysierte die Süddeutsche Zeitung. Ausnahmen der letzten Jahre: Jodie Fosters „Money Monster“ – und Sam Taylor-Johnson mit „Fifty Shades of Grey“.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

Alle bisherigen Folgen von „Fröhlich am Freitag“ finden Sie in unserer Rubrik „Meinung“.


Die wichtigsten Meldungen der Woche jeden Freitag frisch ins Postfach: Jetzt den kostenlosen GamesWirtschaft-Newsletter abonnieren!

2 Kommentare

  1. Setzen Sie sich doch mal ganz unvoreingenommen mit den tatsächlichen Gründen hinter diesen Zahlen auseinander anstatt sofort Sexismus zu schreien….

    • Hallo Christoph,

      von einem Sexismus-Vorwurf ist nirgends die Rede. Die Kolumne beschreibt den Ist-Zustand und benennt auch die Gründe für die Situation – eben dahingehend, dass die Gründer meist nach wie vor Gesellschafter und/oder Geschäftsführer sind. Insofern gibt es hier auch keinen Skandal, wohl aber eine Schieflage. Denn die Entscheidung darüber, ob und welches Spiel entwickelt oder auch nicht entwickelt wird, obliegt zumindest bei allen größeren Studios (in denen auch die größten Budgets bewegt werden) ausschließlich Männern. Das kann man als „Ist halt so, deal with it“ abhaken – oder aber sich fragen, wie die Verteilung etwas ausgewogener gelingen könnte. Nicht mehr, nicht weniger.

      Vielen Dank für den Kommentar!

      Petra Fröhlich
      Redaktion GamesWirtschaft

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here