Start Wirtschaft Tencent übernimmt Mehrheit beim Berliner Studio Yager

Tencent übernimmt Mehrheit beim Berliner Studio Yager

Tencent übernimmt die Mehrheit am Berliner Studio Yager (Abbildungen: Tencent Ltd., Yager)
Tencent übernimmt die Mehrheit am Berliner Studio Yager (Abbildungen: Tencent Ltd., Yager)

Der Games-Weltmarktführer Tencent erhöht die Beteiligung bei Yager (Spec Ops: The Line, The Cycle) in Berlin: Gründer und Gesellschafter bleiben langfristig an Bord.

Als „großen Vertrauensbeweis“ und eine „Bestätigung für das enorme Potenzial hinter der Neuausrichtung des Online-ShootersThe Cycle'“ wertet Yager-Studio-Chef Timo Ullmann den Erwerb der Anteils-Mehrheit am Berliner Studio durch die Nummer 1 in der Games-Industrie: Tencent Holdings.

Zum genauen Umfang des Investments und zu den finanziellen Details machen beide Partner keine Angaben.

Der chinesische Internet-Riese ist schon jetzt an einigen der weltweit erfolgreichsten Games-Unternehmen beteiligt, darunter an League of Legends-Betreiber Riot Games (100 %), am finnischen Mobilegames-Studio Supercell (84 %), an Fortnite-Entwickler Epic Games (48 %) und mit jeweils 5 Prozent an Paradox, Activision Blizzard und Ubisoft. In Deutschland war Tencent bislang nur über eine Yager-Minderheitsbeteiligung aktiv: Im Februar 2020 hatte der Konzern erstmals Anteile erworben.

Yager wurde 1999 von Timo Ullmann, Uwe Beneke, Roman Golka, Philipp Schellbach und Mathias Wiese gegründet. Mit 140 Mitarbeitern gehört Yager zu den wichtigsten Spiele-Entwicklern der Republik und zu den drei größten Games-Arbeitgebern in der Hauptstadtregion. Den internationalen Durchbruch schafften die Berliner im Jahr 2012 mit dem Shooter Spec Ops: The Line.

Mit dem Weltraum-Action-Spiel Dreadnought für PC und PlayStation 4 gelang der Einstieg ins Games-as-a-Service-Geschäft – 2019 folgte das Online-Action-Spiel The Cycle. Im vergangenen Jahr wurde das Unternehmen beim Deutschen Computerspielpreis 2020 zum „Besten Studio“  gewählt.

Tencent übernimmt Yager-Mehrheit: „Uns war schnell klar, dass wir einen Partner aus der Gaming-Industrie wollten“

In einem ausführlichen Exklusiv-Gespräch mit GamesWirtschaft erklärt Ullmann die Hintergründe des spektakulären Deals.

Diese Entscheidung fiel nicht spontan, sondern ist mit der Zeit gewachsen. Wir haben uns entschieden, zuerst mit einer Minderheitsbeteiligung zu beginnen, um zu sehen wie es läuft“, erzählt der Yager-Co-Gründer. „Als klar wurde, dass es für beide Seiten sinnvoll war, bereiteten wir den nächsten Schritt vor. Und dann braucht der ganze Prozess natürlich Zeit, denn es fallen viele Formalitäten an.“

Timo Ullmann ist einer der Gründer und Geschäftsführer von Yager Development.
Timo Ullmann ist einer der Gründer und Geschäftsführer von Yager Development.

Die Idee, einen Investor bei Yager an Bord zu holen, reicht aber tatsächlich noch viel weiter zurück: „Die ersten Gespräche fanden 2017 oder 2018 statt, um herauszufinden, wie wir nach fast 20 Jahren weiterhin auf eigenen Beinen stehen können. Am Anfang haben wir mit einigen Finanzinvestoren gesprochen, aber uns war schnell klar, dass wir einen Partner aus der Gaming-Industrie wollten. Wir suchten jemanden, der auch strategisches Interesse an unserem Studio hatte. Wir wollten niemanden, der schon den Ausstieg in den ersten fünf Jahren plant.“

Darüber hinaus habe Tencent Expertise in Bereichen mitgebracht, die man sich bei Yager erst in den letzten Jahren erschließen musste – etwa im Mobile- und Free-to-Play-Segment. Ullmanns Fazit: „Aus dieser Perspektive war die Verbindung logisch.“

Impulse erhofft sich sein Team insbesondere durch eine Fortsetzung des regen fachlichen, technischen und geschäftlichen Austauschs mit anderen Tencent-Studios: „Das ist etwas, was wir sehr schätzen. Denn Tencent ist auch sehr bestrebt, die Studios untereinander Knowhow teilen zu lassen. Das ist für uns natürlich ein riesiger Vorteil.“

Yager-Neuheit The Cycle steht vor Relaunch

Dem Haupt-Projekt The Cycle steht zunächst ein kräftiger Umbau bevor: „Während der Early-Access-Phase im letzten Jahr haben wir interessantes Fokusgruppen-Feedback erhalten. Und Ende letzten Jahres haben wir uns entschieden, mit einigen bedeutenden Änderungen zu reagieren und gleichzeitig die DNA des Spiels beizubehalten. In den letzten Monaten haben wir also alle guten Zutaten zu einem ganz neuen Rezept von The Cycle zusammengestellt. Ein Alpha-Test mit größeren Spielergruppen hat bereits begonnen und die ersten Resultate bestätigen unsere Neuausrichtung. Außerdem haben wir ein neues Spiel in Arbeit, das aber noch unter Verschluss ist.“

Der Yager-Shooter "The Cycle" ist der jüngste Neuzugang im Epic Games Store (Abbildung: Yager)
Der Yager-Shooter „The Cycle“ ist der jüngste Neuzugang im Epic Games Store (Abbildung: Yager)

Im Verlauf der Arbeiten an The Cycle und am unangekündigten Spiel sei klar geworden, dass mehr Zeit benötigt wird. „Deshalb sind wir mit Tencent in Gespräche eingestiegen, um die Zusammenarbeit zu vertiefen. Wir standen bereits seit der ersten Investition und schon davor in engem Austausch mit Tencent, auch auf strategischer Ebene. Durch Tencent erhielten wir Feedback aus einer anderen Perspektive und auch Zugang zu ihren Ressourcen. Gespräche zur Vertiefung unserer Zusammenarbeit waren daher der nächste logische Schritt.“

Tencent schafft langfristige Arbeitsplatz-Sicherheit bei Yager

Die Yager-Belegschaft ist bereits seit geraumer Zeit eingeweiht: „Es ist uns sehr wichtig, unseren Mitarbeitern gegenüber transparent zu sein – nicht nur, was passiert, sondern auch warum“, betont Timo Ullmann. „Aus Arbeitnehmersicht stärkt diese Investition natürlich die langfristige Arbeitsplatz-Sicherheit. Das größte Spieleunternehmen der Welt engagiert sich mittlerweile nicht nur für ein Spiel oder Projekt, sondern für Yager als Ganzes. Tencent hat sich sowohl unsere Historie als auch unsere Pläne für die Zukunft angeschaut. Dies ist also ein äußerst positives Signal für jeden einzelnen Mitarbeiter.“

Am Standort Berlin beschäftigt Yager rund 140 Mitarbeiter (Foto: Yager)
Am Standort Berlin beschäftigt Yager rund 140 Mitarbeiter (Foto: Yager)

Wäre es denn auch ganz ohne Investor gegangen? „Rückblickend muss ich sagen, dass wir das schon viel früher hätten tun sollen“, räumt Timo Ullmann ein. „Vor der Tencent-Investition haben wir immer aus dem Cashflow heraus gearbeitet, da Bankkredite schwer zu bekommen waren. Durch das Investment können wir mehr Verantwortungsbereiche in die eigenen Hände nehmen, die wir vorher Publishern überlassen haben.“

Kein Exit bei Yager: „Wir haben noch ein bisschen was vor.“

Wenn eines der wertvollsten Börsen-Unternehmen der Welt einsteigt, ist frisches Kapital eher ein untergeordnetes Problem. Dennoch ist die bundesdeutsche Games-Förderung für Yager weiterhin von Relevanz – schließlich sollen damit just Großprojekte für den Weltmarkt unterstützt werden, an denen es weiterhin im Land mangelt. Ullmann: „Unser Studio befindet sich in Berlin und in Deutschland und wir haben die Möglichkeit, auf Fördertöpfe zuzugreifen. Wir werden auch eine Spieleförderung vom Bund beantragen.“

Geschäftsführer Philipp Schellbach (links) mit einem kleinen Teil des "Dreadnought"-Teams
Geschäftsführer Philipp Schellbach (links) mit einem kleinen Teil des „Dreadnought“-Teams

Allzu viele inhabergeführte, unabhängige Studios in der Liga von Yager gibt es nicht mehr in Deutschland. Welchen Rat hat Ullmann an Unternehmer, die mit einem Investor liebäugeln? „Ich war überrascht, wie gut wir auf Augenhöhe gesprochen haben. Wir haben in der Vergangenheit ganz unterschiedliche Gespräche geführt. Tencent ist ein sehr respektvoller Partner. Unser Rat ist, mit Personen zu sprechen, die dies bereits getan haben, zum Beispiel mit Rechtsanwälten und Beratern. Gespräche mit einem Investor haben einen anderen Schwerpunkt als Verhandlungen mit einem Publisher. Deshalb haben wir Menschen mit Erfahrung hinzugezogen, die diesen Prozess schon einmal durchlaufen haben.“

Ullmann und seine Mit-Gesellschafter legen im Übrigen großen Wert auf die Feststellung, dass sie keinen Exit planen: „Die Gründer werden an Bord bleiben – das war ohnehin unser Plan. Wir haben noch ein bisschen was vor.“