Start Politik Wahl in Rheinland-Pfalz 2026: Worauf die Games-Branche hofft

Wahl in Rheinland-Pfalz 2026: Worauf die Games-Branche hofft

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Wie blickt die Games-Branche auf die Landtagswahl 2026 in Rheinland-Pfalz? Von links oben nach rechts unten: Anika Thun (CEO Kalypso Media Group), Jens Wiechering (CEO Binary Impact), Karsten Lehmann (Ubisoft), Dirk Ringe (CEO Envision Entertainment) und Thomas Pottkämper (Studio Manager Ubisoft Mainz)
Wie blickt die Games-Branche auf die Landtagswahl 2026 in Rheinland-Pfalz? Von links oben nach rechts unten: Anika Thun (CEO Kalypso Media Group), Jens Wiechering (CEO Binary Impact), Karsten Lehmann (Ubisoft), Dirk Ringe (CEO Envision Entertainment) und Thomas Pottkämper (Studio Manager Ubisoft Mainz)

Am Sonntag wählt Rheinland-Pfalz: Was versprechen sich große Player wie Kalypso Media, Binary Impact, Ubisoft und Envision Entertainment von der künftigen Koalition?

Wie sich der Mainzer Landtag demnächst konkret zusammensetzt, ist ungewiss, doch eines deutet sich schon jetzt an: Analog zur Wahl in Baden-Württemberg vor eineinhalb Wochen dürfte es auch am kommenden Sonntag in Rheinland-Pfalz äußerst knapp und damit spannend werden.

Denn die CDU von Herausforderer Gordon Schnieder und SPD-Ministerpräsident Alexander Schweitzer trennt in jüngsten Umfragen nur ein schmales Prozent-Pünktchen. Auf Platz 3 rangiert derzeit die AfD (19 %) – die Grünen könnten ihr 2021-Ergebnis von 9 % knapp halten. Linke und Freie Wähler oszillieren um die 5-Prozent-Hürde; die bislang mitregierende FDP liegt bislang klar darunter.

Auch an Rhein und Mosel wird der Wahlkampf von Themen wie Wirtschaft, Verkehr, Bildung, Wohnraum und Energie bestimmt. Dass die Games-Politik nur eine Nebenrolle spielt, spiegelt sich in den Wahlprogrammen wider: Darin finden sich bestenfalls vereinzelte Hinweise, wie die Parteien den Computerspiele-Standort voran bringen wollen.

Dabei gäbe es durchaus Hausaufgaben – so lockt das benachbarte Nordrhein-Westfalen mit ungleich größeren Fördertöpfen.

Wahl in Rheinland-Pfalz 2026: Worauf die Games-Branche hofft

Deshalb hat GamesWirtschaft die Frage an die Macher vor Ort weitergereicht – nämlich an Gründer, Unternehmerinnen und Manager von Studios und Publisher, die seit Jahren, teils seit Jahrzehnten erfolgreich am Markt unterwegs sind.

Die Expertinnen und Experten im Überblick:

  • Anika Thun ist Geschäftsführerin der Kalypso Media in Group in Worms: Der Publisher zählt zu den größten unabhängigen Publishern des Landes und betreibt gleich mehrere Studios, darunter Gaming Minds in Gütersloh (Tropico 7), Claymore in Darmstadt (Commandos) und Realmforge in München (Dungeons 4).
  • Karsten Lehmann ist seit über 25 Jahren in Diensten von Ubisoft und heute als Director Public Affairs Director erster Ansprechpartner beim französischen Publisher für die Kommunal-, Landes- und Bundespolitik. Mit drei Studios (Düsseldorf, Berlin, Mainz) ist Ubisoft nach Nintendo der größte Games-Arbeitgeber in Deutschland.
  • Dirk Ringe ist Co-Gründer von Envision Entertainment in Ingelheim am Rhein, das er zusammen mit Siedler-Erfinder Volker Wertich leitet. Mit dem Aufbau-Strategiespiel Pioneers of Pagonia ist Envision ein internationaler Hit gelungen.
  • Jens Wiechering ist Geschäftsführer der Binary Impact GmbH in Niederelbert: Der mittelständische Spiele-Entwickler entwickelt derzeit in Kooperation mit dem Landeskriminalamt das Tatort-Ermittler-Spiel Forensics: Crime Scene Detective.
  • Thomas Pottkämper baut seit über 30 Jahren Computerspiele: Einst hat er Related Designs mitgegründet, aus dem später Ubisoft Mainz hervorging – heute mit 175 Beschäftigten das größte Studio in Rheinland-Pfalz. Anno 117: Pax Romana ist im November 2025 erschienen und noch besser gestartet als der populäre Vorgänger Anno 1800. Der Bund beteiligt sich mit 6,5 Mio. € an der Finanzierung von Hauptspiel und Erweiterung.

Fühlten sich die Arbeitgeber und Unternehmen von der Landes- und Kommunal-Politik in den vergangenen Jahren ‚gesehen‘ und gewertschätzt?

Es ist noch keine zwölf Monate her, dass sowohl die Mainzer Stadtspitze als auch Ministerpräsident Schweitzer die Aufwartung machten und persönlich zum 30jährigen Jubiläum von Ubisoft Mainz gratulierten – was Studio-Manager Pottkämper als besonders wertschätzend empfand. Auch unterjährig sieht sich der Spiele-Entwickler Studio im „guten Austausch“ mit den Akteuren der Lokalpolitik in Rheinland-Pfalz, allen voran Staatskanzlei und Wirtschaftsministerium.

Großer Bahnhof zum Jubiläum von Ubisoft Mainz: Studio-Chef Thomas Pottkämper, Creative Director Manuel Reinher, Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD), Ubisoft-CEO Yves Guillemot und Ubisoft-Blue-Byte-Manager Benedikt Grindel (Foto: GamesWirtschaft)
Großer Bahnhof zum Jubiläum von Ubisoft Mainz: Studio-Chef Thomas Pottkämper, Creative Director Manuel Reinher, Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD), Ubisoft-CEO Yves Guillemot und Ubisoft-Blue-Byte-Manager Benedikt Grindel (Foto: GamesWirtschaft)

Anders Kalypso-Chefin Anika Thun – die zwar einräumt, dass die Games-Branche in Deutschland zunehmend als wichtiger Teil der Digitalwirtschaft wahrgenommen wird. Gleichwohl würde sie sich auf Landesebene mehr Aufmerksamkeit erwarten, zumal hier technologiegetriebene und kreative Arbeitsplätze schaffen werden. „Rheinland-Pfalz hat hier spannende Unternehmen, die international tätig sind und innovative Produkte entwickeln“, so Thun. „Wenn diese stärker sichtbar gemacht und als Teil der regionalen Wirtschaft aktiv begleitet werden, kann das für beide Seiten ein Gewinn sein.“

Ähnlich ambivalent nimmt Envision-Unternehmer Dirk Ringe die Lage wahr: Auf Landesebene habe sich die Zusammenarbeit „im Vergleich zu früher deutlich verbessert.“ Es gäbe einen guten Austausch, die Herausforderungen würden erkannt, die Branche ernst genommen. Auf kommunaler Ebene – also am Pharma-Standort Ingelheim – gestalte sich die Lage jedoch noch ganz anders.

Noch deutlich kritischer blickt Binary Impact auf die Zuneigung der Politik: Als Studio und Arbeitgeber fühle man sich in Teilen wahrgenommen – doch der wirtschaftliche, kulturelle und innovative Wert von Gamestudios werde „oftmals nicht gesehen.“ Das Potenzial wird vielfach unterschlagen, berichtet Jens Wiechering – etwa mit Blick auf mögliche Spilllover-Effekte zu anderen Branchen wie Automotive.

Als positiv wertet der Unternehmer die fortlaufende Unterstützung der Medienförderung RLP. Auf kommunaler Eben ist das Bild noch einmal deutlich anders: So müsse man das Thema Games oft „grundsätzlich erklären“. Wiechering: „Wertschätzung zeigt sich für uns weniger in Symbolik als in planbaren Rahmenbedingungen, Tempo in Prozessen und dem Gefühl, dass Games als normaler Teil der regionalen Wirtschaft mitgedacht werden.“


Wie blickt die Branche auf den Status Quo am Games-Standort Rheinland-Pfalz? Wo gibt es Standort-Vorteile – und was sind die größten ‚Baustellen‘?

Spiele werden bekanntlich international entwickelt, vermarktet und gespielt: Deshalb seit der Standort eher zweitrangig, weiß Anika Thun. Gleichwohl fühlt sich Kalypso Media der Region verbunden – was allein daran sichtbar wird, dass das Unternehmen in diesem Jahr 20jähriges Bestehen feiert. „Gerade deshalb sehen wir auch eine besondere Chance: Die Games-Branche bietet ein modernes und spannendes Arbeitsumfeld mit kreativen und technologischen Berufen – das ist in Rheinland-Pfalz bislang eher selten vertreten.“

Die Wahrnehmung von Rheinland-Pfalz als Standort für Games- und Technologieunternehmen könnte aus Sicht von Anika Thun noch stärker ausgebaut werden, um Talente und weitere Unternehmen für die Region zu gewinnen.

Forensics: Crime Scene Detective erscheint für PC, PlayStation und Xbox und entsteht bei Binary Impact.
Forensics: Crime Scene Detective erscheint für PC, PlayStation und Xbox und entsteht bei Binary Impact.

Dirk Ringe hält Rheinland-Pfalz grundsätzlich für einen attraktiven Standort – insbesondere Rheinhessen mit der direkten Anbindung an das Rhein-Main-Gebiet. Als Herausforderung sieht er die geografische Struktur als Flächenland: Städte wie Trier oder Kaiserslautern seien aufgrund ihrer Lage eher benachteiligt. Auch die Ausbildungsstätten sind über das Land verteilt, was die Vernetzung zwischen Lehre und Industrie erschwert. Und: Die Landesregierung habe ihr Engagement für die Branche zwar verstärkt, was erste positive Ergebnisse zeigt, so Ringe: „Dennoch ist die Förderung im Vergleich zu anderen Bundesländern noch zu gering und befindet sich weiterhin im Aufbau.“

Binary Impact diagnostiziert eine „langsame, aber stetige“ Entwicklung – auch dank der Aktivitäten der Medienförderung. Im Alltag vieler Studios entstünden trotzdem Lücken, weil es beim Skalieren und bei Anschlussfinanzierungen oft hakt. Die Standort-Vorteile betroffen vor allem die ’soft skills‘: In Rheinland-Pfalz lässt es sich gut und gerne leben – ein „wichtiger Faktor bei der Bewerbung“, berichtet Jens Wiechering.

Auskömmliche Bezahlung sei das eine. Gleichzeitig git: „Viele Menschen wollen dort arbeiten, wo es Natur, Freizeitmöglichkeiten und bezahlbaren Wohnraum gibt. Dazu kommt die infrastrukturelle Anbindung, gerade bei uns im Westerwald. Nähe zur A3 und die gute ICE-Anbindung machen vieles einfacher, ohne dass man in einer vergleichsweisen teuren Großstadt sitzen muss.“

Ein weiterer Pluspunkt: die rührige Hochschul- und Uni-Landschaft. Standorte wie Trier, Mainz, Worms, Koblenz und Kaiserslautern bilden den Studio-Nachwuchs aus. „Das Problem ist nur, dass wir diese Fachkräfte nach dem Abschluss häufig verlieren“, betont Wiechering. „Andere Bundesländer rekrutieren aktiv, dort ist die Games-Branche größer, und die Wahrscheinlichkeit, schnell einen passenden Job zu finden, oft höher als in Rheinland-Pfalz. Ein Teil geht auch direkt ins Ausland.“

Die größten Baustellen bleiben deshalb Fachkräftebindung und Wettbewerbsdruck. Hinzu kommt die ‚Förder-Logik‘: Der Bund setzt Entwicklungskosten von mindestens 300.000 € voraus – solche Budgets können gerade kleine und junge Teams nicht stemmen. Die bislang überschaubare regionale Förderung kann diese Lücke nicht schließen.

Ubisoft-Sprecher Karsten Lehmann verweist auf ein Positionspapier der Branche: Demnach liegt Rheinland-Pfalz im Bundesvergleich eher im Mittelfeld – „trotz eigentlich guter Voraussetzungen“. So ist Rheinland-Pfalz auf Bundesebene für den Jugendmedienschutz zuständig. Nachholbedarf gibt es bei struktureller Förderung, Sichtbarkeit und strategischer Verzahnung. Die Ressourcen der Medienförderung RLP sieht Lehmann „sicher erst noch am Anfang“.

Punkten kann das Bundesland mit dem starken Fundament an Universitäten. Aber auch der Ubisoft-Experte sieht die Problematik, dass sich die gut ausgebildeten Fachkräfte nach dem Abschluss in anderen (Bundes-)Ländern umschauen – beziehungsweise: umschauen müssen. Als wichtigen Baustein für Vernetzung und Orientierung nennt Lehmann die Initative Game Up! RLP, die beispielsweise Gamescom-Auftritte organisiert. Der Haken auch hier: zu wenige Ressourcen.


Welche konkreten politischen Maßnahmen würde den rheinland-pfälzisches Games-Unternehmen am meisten helfen?

Langfristige und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen – das steht ganz oben auf der Wunschliste von Anika Thun, die bundesweit 160 Angestellte beschäftigt. Hilfreich wären aus ihrer Sicht außerdem steuerliche Entlastungen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken – plus eine Vereinfachung bürokratischer Prozesse. All dies würde zu mehr Investitionen und damit zu Wachstum führen.

Kalypso-Media-Geschäftsführerin Anika Thun mit der Top-100-Auszeichnung (Foto: Kalypso Media)
Kalypso-Media-Geschäftsführerin Anika Thun mit der Top-100-Auszeichnung (Foto: Kalypso Media)

In eine ähnliche Richtung gehen die Forderungen von Ubisoft, Envision Entertainment und Binary Impact, die sich Verbesserungen in drei zentralen Aspekten wünschen:

  • Erstens eine bessere Ausstattung der regionale Games-Förderung – den Bedarf beziffert die Branche mit 2 Mio. €, also eine glatte Vervierfachung. Eine EU-Notifizierung würde die gläserne De-Minimis-Decke verhindern.
  • Zweitens ein intensiveres Standort-Marketing durch mehr Ressourcen (sprich: Geld und Personal) für Game Up! RLP, was auf Sichtbarkeit und Vernetzung einzahlt
  • Und als Sahnehäubchen: eine steuerliche Förderung auf Bundesebene, die kalkulierbar zu niedrigeren Produktionskosten führen würde.

Wie wahrscheinlich es ist, dass die Wünsche auf Sicht der kommenden fünf Jahre Realität werden, wird sich voraussichtlich erst im Mai abzeichnen, wenn erste Entwürfe eines Koalitionsvertrags auf dem Tisch liegen. Doch zunächst haben rund 3,2 Mio. Rheinland-Pfälzer die Wahl: Am Sonntag (22. März) gilt’s.