Start Politik Grünen-Politiker Junge: „Für so viel Geld hätte ich etwas mehr erwartet.“

Grünen-Politiker Junge: „Für so viel Geld hätte ich etwas mehr erwartet.“

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Tim Junge ist Gamedesigner, Pixelgrüne-Vorstand und Direktkandidat für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2026.
Tim Junge ist Gamedesigner, Pixelgrüne-Vorstand und Direktkandidat für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2026.

Womöglich zieht demnächst ein Game-Designer ins Berliner Abgeordnetenhaus ein: Pixelgrüne-Sprecher Tim Junge kandidiert bei der Wahl im Herbst.

Noch mehr als 200 Tage verbleiben bis zum 20. September, wenn die Berlinerinnen und Berliner das Abgeordnetenhaus und nachgelagert auch den künftigen Regierenden Bürgermeister wählen. Jetzt startet die heiße Phase des Wahlkampfs: Auf Parteitagen werden Wahlprogramme beschlossen und letzte Korrekturen vorgenommen.

Einer dieser Last-Minute-Änderungsanträge hat tatsächlich Eingang gefunden in das finale Programm von Bündnis 90 / Die Grünen. Eingebracht wurde der Antrag von den Pixelgrünen: Aus der parteinahen Community ist mittlerweile ein eingetragener Verein geworden.

Einer von zwei Pixelgrünen-Vorstandssprecher ist Tim Junge, der zudem als Direktkandidat für den Bezirk Lichtenberg antritt. Junge hat Game Design an der HTW Berlin studiert und ist seit Oktober 2025 als Game System Designer beim Berliner Studio Paintbucket Games (Babylon Berlin, The Darkest Files) beschäftigt.

Junge ist also vom Fach – und er weiß, wo der Schuh in der Branche drückt. Im GamesWirtschaft-Interview erklärt der Jungpolitiker, was ihn antreibt – und was er sich für den Wahlkampf vorgenommen hat.

Grünen-Kandidat Junge: „SPD und CSU sehen Games vor allem als Cashcow“

GamesWirtschaft: Die Berliner Grünen wollen ihre Stadt „zur Games-Hauptstadt machen“ – so steht es explizit im Wahlprogramm. Was fehlt denn aktuell zu diesem ‚Titel‘?

Tim Junge: Rein wirtschaftlich gemessen, etwa am Beispiel der Zahlen der Beschäftigten, ist Berlin schon die deutsche Games-Hauptstadt. Aber schon im europäischen Vergleich fängt es an, dünner zu werden. Da schaffen wir es nicht einmal in die Top 10 – eigentlich widersprüchlich, ist doch Deutschland das wirtschaftsstärkste Land in Europa.

Eine echte Games-Hauptstadt zelebriert das Medium, schafft neue Möglichkeiten dafür und nutzt die Potentiale ganzheitlich. Und auch die Politik sollte das Medium hier ganzheitlich verstehen, nutzen und fördern.

Ich glaube, das unterscheidet uns Bündnisgrüne auch von der SPD und CDU: während die beiden in meiner Wahrnehmung Games vor allem als Cashcow behandeln, verstehen wir das Medium ganzheitlich. Übrigens auch innerparteilich, immerhin haben wir mit Pixelgrüne die größte parteipolitische Gaming-Community Deutschlands und damit auch ein deutlich tieferes fachliches Verständnis, was mir sogar immer wieder von anderen Parteien bestätigt wird.

Vergleichsweise eng beieinander liegen die Beschäftigtenzahlen der größten Games-Unternehmen in Berlin (Stand: 15. August 2025)
Vergleichsweise eng beieinander liegen die Beschäftigtenzahlen der größten Games-Unternehmen in Berlin (Stand: 15. August 2025)

„Hohe Mietpreise hemmen das Wachstum der Games-Branche in Berlin“.

Mit Blick auf die Rahmenbedingungen: Was läuft gut – und was sind die größten Baustellen?

Berlin ist nach wie vor eine der modernsten, vielfältigsten deutschen Städte, die es gibt. An jeder Ecke gibt es Kultur, Vernetzung und Inspiration. Diese Atmosphäre ist für Entwickler und Entwicklerinnen von Games natürlich sehr attraktiv.

Kostenlose Netzwerke zur Unterstützung und Vermarktung von Spielen gibt es in Bayern, aber nicht in Berlin. Nachhaltigkeitssiegel könnten in die Förderung eingebaut werden, was ein Vorteil für Verbraucher sein könnte. Hier macht die Sustainable Games Alliance gute Fortschritte, die auch beim jährlichen Games Ground Games Breakfast der bündnisgrünen AGH-Fraktion – quasi die politische Eröffnung der Messe – mit dabei waren. Es gibt viele solcher Fragen, die die Erfolgschancen für Berliner Studios verbessern könnten.

Was aber was für viele am wichtigsten ist, sind die Mietpreise. Viele Menschen wollen in die Stadt ziehen – das ist auch erstmal etwas Schönes! Nur gehört Berlin mittlerweile zu den teuersten Städten Deutschlands.

Ich durfte selbst auch schon zur Untermiete bei Impfgegnern wohnen, die mir nachts wegen der Strahlung das WLAN abgeschaltet haben – manchmal während ich noch am zocken oder arbeiten war. Es ist wenig überraschend, dass die Wohnungssituation auch für unsere Partei eine der zentralsten Fragen sein wird. Hohe Mietpreise hemmen potentiell auch das Wachstum der Games-Branche hier.


„Wie man Köln am besten die Gamescom klaut? Am besten gar nicht.“

Die Spiele-Studios sollen durch „neue Messe-Formate“ unterstützt werden. Wie könnten beziehungsweise sollten solche Formate konkret aussehen?

Diese Stelle lässt sich schnell missverstehen. Das war dem Prozess der Antragsverhandlung geschuldet, wo wir alles auf das Wesentliche gekürzt haben.

In Berlin haben wir den Games Ground und das A MAZE – beides sehr wertvolle und international einzigartige Veranstaltungen. Berlin hat mit den beiden Formaten bereits zwei echte Alleinstellungsmerkmale, deshalb wollen wir sie auch weiterhin darin unterstützen, ihr bestes selbst zu werden. Sprich; der Games Ground hat primär den Fokus von einem Fach- und Kennerpublikum, während das A MAZE die Grenzen des Mediums testet und erweitert.

Mit dieser Forderung möchten wir einen Lösungsansatz für den Dauerstreit bieten, wie man Köln am besten die Gamescom klaut: am besten gar nicht. Stattdessen wollen wir nach dem Vorbild der Polaris in Hamburg oder Caggtus in Leipzig die Potentiale von einem Festival für Games und Popkultur explorieren, wofür das vielfältige Berlin ja eigentlich perfekt geeignet sein sollte.

Persönliches Wunschdenken: Ich könnte mir vorstellen, dass etwa die Innovationsmesse IFA sehr gut als Partner geeignet sein könnte.


House of Games in Berlin: „Für so viel Geld hätte ich etwas mehr erwartet.“

Der Senat investiert 4,6+ Mio. € in das House of Games – das Vorhaben wird im Wahlprogramm explizit erwähnt. Was versprichst du dir von der Umsetzung?

Das House of Games ist schon lange in der Planung und ich bin ein großer Fan der Idee. Ich weiß auch, dass ehemalige Game Design-Studierende, also meine Vorgänger und -vorgängerinnen, an der Ausarbeitung sehr aktiv beteiligt gewesen sein sollen. Das Dokument, das damals als Zielsetzung entstanden ist, war ziemlich genau das, was ich mir erträumt hätte.

Allerdings wird die Landung im Laufe des Jahres wahrscheinlich etwas holpriger, als erwartet. Für so viel Geld hätte ich etwas mehr erwartet. Auf der Zielgeraden wurde vieles gekürzt, was das House of Games so toll gemacht hätte. Es hätte ein Ort sein können, wo man sich nachmittags mit seinen (Internet-)Freunden und -freundinnen zum Zocken treffen kann. Der Go-To Place für Gamer in Berlin und Umgebung.

Stattdessen ist das House of Games zum reinen Wirtschaftsprojekt – sozusagen zum Tycoon Game – geworden und verliert damit an Charme. Das Computerspielemuseum ist nach wie vor nicht eingeplant, dabei wäre es ideal für den Standort. Auch die internationale Computerspielesammlung soll wohl noch fehlen. „Community-Spaces“ soll es nur für die Mieter*innen geben. Zumindest öffentliche Veranstaltungen sollen möglich sein – aber eben auch nur auf Einladung und Planung der Mieter*innen.

Und wer sind die Mieter und Mieterinnen? Uns fällt auf, dass die WISTA (städtischer Immobilien-Entwickler, Anm. d. Red.) wohl Mietpreise veranschlagen wird, die sich viele kleine und mittelgroße Teams nicht leisten können. Deshalb wollen wir uns auch dort die Rahmenbedingungen ganz genau anschauen, sodass gezielt Potenziale gehoben werden können.

Trotz allem freue ich mich sehr auf das House of Games und würde mich umso mehr freuen, wenn wir Bündnisgrüne ab September darum kümmern dürften.

Standort-Bekanntgabe des House of Games Berlin - von links: Benedikt Grindel (Ubisoft), Felix Falk (Game-Verband), Roland Sillmann (Wista), Jeannine Koch (MediaNet Berlin-Brandenburg), Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), Wirtschafts-Senatorin Franziska Giffey (SPD), Nandita Wegehaupt (Stiftung Digitale Spielekultur), Florian Masuth (MediaNet) - Foto: MediaNet Berlin-Brandenburg
Standort-Bekanntgabe des House of Games Berlin – von links: Benedikt Grindel (Ubisoft), Felix Falk (Game-Verband), Roland Sillmann (Wista), Jeannine Koch (MediaNet Berlin-Brandenburg), Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), Wirtschafts-Senatorin Franziska Giffey (SPD), Nandita Wegehaupt (Stiftung Digitale Spielekultur), Florian Masuth (MediaNet) – Foto: MediaNet Berlin-Brandenburg

Du kandidierst für das Abgeordnetenhaus. Was hast du dir persönlich vorgenommen? Und auf welchen Wahlkampf stellst du dich ein?

Genau, ich kandidiere dieses Jahr als Direktkandidat in Berlin-Lichtenberg für Neu-Hohenschönhausen, Falkenberg und Wartenberg. Wahrscheinlich werde ich der erste und einzige Direktkandidat in Deutschland sein, der Game Design studiert – das ist also noch ziemlich neu.

Für meinen Wahlkreis habe ich mir viel vorgenommen und stehe vor einer echten Herausforderung. Mein Gegenkandidat Danny Freymark (CDU) ist seit elf Jahren Abgeordneter, zu dem Zeitpunkt kam ich gerade Mal aus der Grundschule. Ich würde gerne in meinem Wahlkreis mit Fachkompetenz, zwei offenen Ohren und viel Motivation überzeugen.

Hier kommt etwas zusammen, das vielleicht überrascht: ich glaube, Gaming ist ein starkes Thema für Ostdeutsche. Ob Andrea Lübcke (MdB), Niklas Nienaß (MdEP), Stefan Ziller (MdA), Michael Kellner (MdB und ehem. Minister im BMWK), Erik Marquardt (MdEP), Heiko Knopf (stellv. Bundesvorsitzender), Menschen aus dem Bündnis Ost… und nun ich.

Innerhalb unserer Partei waren es bisher überwiegend Ostdeutsche, mit denen ich als Sprecher von Pixelgrüne in Kontakt gekommen bin, die das größte Engagement für das Thema Games gezeigt haben. Mein ehemaliger Landesverband Mecklenburg-Vorpommern war sogar der einzige der 16 Landesverbände, der öffentlich mit einem Post die Gründung von Pixelgrüne beworben hatte – ohne den Post wäre ich wahrscheinlich nie dort, wo ich jetzt bin. Insofern an dieser Stelle ein großes, überfälliges Danke an meinen ehemaligen Landesverband!

Dass Games und Ostdeutschland so miteinander verwoben sind, kann ich persönlich gut nachvollziehen. Denn in strukturschwachen, ländlichen Räumen sind Games das Medium, über das man am einfachsten in Kontakt bleiben kann. Und ich glaube, hätte ich keinen Zugang zu Games gehabt, dann würde ich jetzt nicht bei den Bündnisgrünen sein, sondern vielleicht CDU oder AfD wählen.

Dass ich Mobbing in der Schule verkraften konnte, das lag vor allem am Gaming – am anderen Ende Deutschlands gab es Menschen in meinem Alter, die mich aufgefangen und wertgeschätzt haben so wie ich bin. Games haben es mir erlaubt, mir mein Umfeld selbst aussuchen zu können – ich musste mich dadurch nicht den anderen rechten Jungs anschließen. Sie haben meine Perspektiven massiv erweitert und Freude und Abwechslung in den Alltag gebracht, der auf dem Dorf sonst eher eintönig war.

Mein Wahlkreis ist einer derjenigen in Berlin, die noch am meisten von der DDR geprägt sind. Auch meine Familie kommt aus der DDR, mein Opa war nach einem bewaffneten Fluchtversuch lange in Stasi-Haft. Ich möchte in meinem Wahlkampf DDR-Ideale aufgreifen, die die DDR nie wirklich erfüllen konnte, die ich aber voranbringen möchte. Ich glaube fest daran, dass Ostdeutsche ein großes Bedürfnis an Freiheit, Selbstbestimmung, Tüftelei und Zukunft haben – genau das, was Gaming für mich ausmacht. Deshalb mein Motto – gleichzeitig eine Zeile aus der Hymne der DDR): Der Zukunft zugewandt.

Ich freue mich sehr auf den Wahlkampf, der jetzt startet – und über jede Unterstützung! Auch aus der Branche, denn Games sind politisch – setzen wir uns zusammen für gute Bedingungen ein!