Start Politik Die Netzwerkerinnen: „Das A und O ist der Dialog“

Die Netzwerkerinnen: „Das A und O ist der Dialog“

media:net-Geschäftsführerin Andrea Peters und Games-Professorin Linda Breitlauch plädieren für mehr Dialog innerhalb der Branche (Foto: media:net / Uwe Völkner)
media:net-Geschäftsführerin Andrea Peters und Games-Professorin Linda Breitlauch plädieren für mehr Dialog innerhalb der Branche (Foto: media:net / Uwe Völkner)

Quer durchs Land bringen sich Games-Netzwerke und Standort-Initativen in Stellung. Mit wem soll „die Politik“ sprechen? Und mit wem zuerst?

Eine „starke Stimme“ brauche die Gamesbranche, auch auf regionaler Ebene – damit begründete der Industrie-Verband Game die Einrichtung von bislang sechs „Regionalvertretungen“, die den Anspruch erheben, gegenüber Politik, Medien und Wirtschaft als Ansprechpartner aufzutreten. Zuletzt wurde die Gründung einer Gruppierung mit „erheblichem Verbesserungsbedarf“ begründet – und damit, dass andere Bundesländer „deutlich mehr“ für die Unterstützung und Förderung der Branche unternommen hätten.

Diese frohe Botschaft dürfte insbesondere in Hamburg auf helle Begeisterung gestoßen sein, einem der wichtigsten Games-Standorte in Deutschland. Dort und an anderen Orten – etwa in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Berlin – gibt es bereits rührige Standortinitiativen, teils seit vielen Jahren. Einige sind an die jeweilige Wirtschaftsförderung oder an Ministerien angedockt, andere haben sich aus der lokalen Branche heraus gegründet.

Zwei Netzwerkerinnen, die sich seit Jahren für das lokale Games-Gewerbe einsetzen und die Gemütslage der Branche kennen wie wenige andere, sind Linda Breitlauch und Andrea Peters.

  • Linda Breitlauch ist Professorin für Game Design an der Hochschule Trier und leitet dort den Fachbereich Intermedia Design. Sie ist außerdem regelmäßig zu Gast auf Panels und Kongressen und außerdem Jury-Mitglied des Deutschen Computerspielpreises.
  • Andrea Peters ist die Vorstandsvorsitzende des media:net berlinbrandenburg e. V. Parallel berät und unterstützt sie als Beirätin mehrere Hochschulen, Festivals, Verbände und Ausschüsse.

Im GamesWirtschaft-Gespräch erklären beide Expertinnen, was wirkungsvolle Standortpolitik ausmacht und wie eine seriöse Aufgabenteilung gelingen kann.

media:net-Geschäftsführerin Andrea Peters: „Netzwerke sollten aus der Wirtschaft heraus entstehen.“

GamesWirtschaft: Lobby-Verbände wie Bitkom, eco oder Game erheben den bundesweiten und regionalen Vertretungsanspruch für ihre Branchen – oft überschneiden sich Zuständigkeiten, viele Unternehmen und Freiberufler sind Mitglied in gleich mehreren Institutionen. Was bedeutet das für die bereits bestehenden Netzwerke und lokalen Initiativen?

Peters: Das media:net hat sich vor mehr als 17 Jahren unten anderen deswegen gegründet, um den Dialog zwischen Wirtschaft und Politik zu fördern. Unsere Initiative games:net ist nun auch schon mehr als sieben Jahre alt.

Nach so vielen Jahren ist daraus ein starkes Netzwerk aus Unternehmen, Hochschulen, Institutionen und Politik geworden. Der Vierklang aus funktioniert in der Hauptstadtregion sehr gut.

Mit den Bundesverbänden arbeiten wir sehr gerne und eng zusammen – so haben wir mit den von Ihnen erwähnten Verbänden zum Beispiel gegenseitige Mitgliedschaften und gehen gemeinsam Themen an, die für die Branchen relevant sind.

Breitlauch: Viele Bundesländer verfügen bereits über funktionierende Strukturen und können kompetente und gut vernetzte Ansprechpartner vorweisen. Die Unterstützung der regionalen Strukturen seitens eines Bundesverbandes ist deshalb grundsätzlich zu begrüßen.

In Rheinland-Pfalz hat die Hochschule Trier in den letzten vier Jahren intensiv und sehr erfolgreich daran gearbeitet, dass die Relevanz der Gamesbranche hinsichtlich der Zukunfts- und Innovationsfähigkeit eines Bundeslandes in der Politik erkannt wurde. Das Hochschulkonzept der Anlaufstelle GameUp! wurde bereits vor über drei Jahren installiert und auch gamesAHEAD als Sprecher für Neugründungen und Ansprechpartner für Hochschulen ist auch durch unsere Unterstützung auf einem sehr guten Weg.

Warum „reichen“ die bisherigen Zusammenschlüsse offenkundig nicht? Bringt mehr Vernetzung automatisch einen Mehrwert?

Breitlauch: Die Gamesbranche zeichnet sich bereits durch eine hervorragende Vernetzung aus – auch dank der vielen und guten Events.

Die Stakeholder vor allem außerhalb der Branche sind jedoch vielfältig und in jedem Bundesland anders aufgestellt, ebenso wie die Rahmenbedingungen. Hier gibt es zum Teil sehr unterschiedliche Strukturen, Ansprechpartner und Erwartungen. In Rheinland-Pfalz beispielsweise sind sowohl einer der größten deutschen Publisher als auch eines der größten deutschen Entwicklerstudios sowie weitere kleinere, aber etablierte Unternehmen angesiedelt.

Auch die Hochschullandschaft ist vielfältig und ausbildungsstark, die zusammen genommen mehr Absolventen hervorbringen als jeder andere Standort in Deutschland. Das birgt vor allem für die Themen Beschäftigung, Gründung, Ausbildung und Forschung besondere Chancen und Herausforderungen.

In anderen Bundesländern sind diese aufgrund anderer Strukturen anders gelagert. Um die Potentiale heben zu können, müssen deshalb die Konzepte vor Ort entsprechend mit den regionalen Beteiligten entwickelt werden. Jede Unterstützung der regionalen Netzwerke ist deshalb hochwillkommen. Darüber hinaus gibt es übergeordnete Themen von bundesweiter Relevanz, diese lassen sich besser im Schulterschluss mit allen Teilnehmern umsetzen und betreiben.

Peters: In meinem Augen ist es sehr wichtig, dass solche Netzwerke und Interessenvertretungen aus der Wirtschaft heraus entstehen. Dass die Unternehmen also erkannt haben, dass sie als starkes Netzwerk mehr erreichen können, selbst wenn sie manchmal Wettbewerber sind. So setzen sie ein Zeichen und werden ernst genommen, auch von der Politik.

Welche weiteren Herausforderungen gibt es in der Praxis?

Peters: Wir unabhängigen Netzwerke müssen von Jahr zu Jahr unsere Finanzierung akquirieren und sichern. Das bedeutet, wir müssen mit Partnern und Fördern sprechen, und immer wieder neue Formate und Aktivitäten ins Leben rufen.

Aber wir können uns in Berlin-Brandenburg nicht beschweren. Vor allem das games:net wird von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe des Landes Berlin, dem Medienboard, Berlin Partner und vielen mehr nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich stark unterstützt.

Games-Professorin Linda Breitlauch: „Dem ‚Brain Drain‘ mit gezielten Förderprogrammen entgegen wirken.“

Wie lautet die Erwartungshaltung an die Politik?

Breitlauch: „Die Politik“ in dem Sinne gibt es ja nicht. Es gibt unterschiedliche Ansprechpartner für die diversen Themen – auf Bundes-, Länder- und Bezirksebene. Nicht jeder kann sich mit allem befassen, deshalb ist es sinnvoll, dass die regionalen Vertreter agieren und vor Ort auf Augenhöhe sprechen.

In Rheinland-Pfalz bilden wir eine Vielzahl von Menschen im Bereich Games aus – viele verlassen das Bundesland. Diesem „brain drain“ können wir mit einem gezielten Förder- und Entwicklungsprogramm entgegenwirken und die Chancen durch Neugründungen mit Unterstützung der etablierten Unternehmen nutzen.

Der geplante Hub mit Schwerpunkt Games in Trier ist nur ein Baustein in einem verzahnten Konzept. Es gilt zusätzlich ein für die Gamesbranche spezifisches wettbewerbsfähiges Förderprogramm für Gründerteams und die etablierten Unternehmen aufzusetzen.

Peters: Berlin entwickelt sich immer mehr zu einem Hotspot in der Welt. Das hat viele gute Seiten, aber eben auch Nachteile – alles wird unglaublich viel teurer, von Mieten, über Lebenshaltungskosten bis hin zu Personal.

Unsere erste Erwartung an die Politik: Lasst uns schauen, wie wir gemeinsam etwas von dem erhalten, was Berlin so besonders macht, im Vergleich zu anderen Metrolpolen. Zudem arbeiten wir sowohl mit der Politik als auch mit den Fördereinrichtungen daran, noch mehr Mittel für die Gamesbranche zu erhalten, in dem zum Beispiel Förder- und Finanzierungsprogramme noch mehr auf die Bedürfnisse der Branche zugeschnitten werden.

Zudem wünschen wir uns einen Ort für junge Entwicklerstudios – einen HUB, an dem sie starten und sich austauschen können.

Wie sieht eine optimale Aufgabenteilung zwischen den einzelnen Institutionen aus, um auf Sicht der kommenden Jahre vor Ort das Maximum zu erreichen?

Breitlauch: Das ist auf jeden Fall eine große Herausforderung. Die regionalen Initiativen und Ansprechpartner konstruktiv und vertrauensvoll zu unterstützen ist sicherlich maßgeblich. Darauf aufbauend lassen sich gemeinsam wirkungsvolle Strukturen aufbauen. In Rheinland- Pfalz haben wir diese Aufgaben gemeinsam mit den etablierten Unternehmen, den Gründern und Hochschulen geschultert und sind dazu auf einem guten Weg.

Peters: Das A und O ist der Dialog – also zu schauen, wer hat wo die besten Kontakte und übernimmt damit die Aufgabe, sich genau an der Stelle für die Branche einzusetzen. Hier ist Kooperation, Transparenz und Kommunikation sicherlich das wichtigste.

Wir Netzwerke haben nicht die Ressourcen, um zum Beispiel mit der Bundesregierung an einem konkreten Konzept oder Gesetzesentwurf zu arbeiten. Aber wir können die Branche mit der Politik an einen Tisch bringen. So trifft sich noch in diesem Jahr die Berlin-Brandenburger Gamesbranche mit Dorothee Bär und unseren Staatssekretär für Wirtschaft Christian Rickerts. Damit ist der Dialog sichergestellt.

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