Start Meinung Kult vergeht – Grundstück besteht (Fröhlich am Freitag)

Kult vergeht – Grundstück besteht (Fröhlich am Freitag)

0
Influencer, Unternehmer, Arbeitgeber: Maximilian 'HandOfBlood' Knabe hat inzwischen drei Getränke-Linien aufgebaut.
Influencer, Unternehmer, Arbeitgeber: Maximilian 'HandOfBlood' Knabe hat inzwischen drei Getränke-Linien aufgebaut.

Vom Letsplayer zum Arbeitgeber: Nicht wenige Gaming-Influencer haben ihre Reichweite zum Aufbau bemerkenswerter Unternehmen eingesetzt.

Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,

es begab sich am späten Nachmittag des Gamescom-Freitags. Auf dem Rückweg zum Hotel war ich in der U-Bahn-Passage am Kölner Neumarkt unterwegs, als ein älterer Herr mit schlohweißem Haar und markanter, breitrandiger, schwarzer Brille an mir vorbei schlurfte, beidseits erkennbar hadernd mit zwei riesigen Einkaufstüten.

Ich machte auf dem Absatz kehrt, eilte hinterher und sprach ihn an: „Darf ich Sie um ein Foto bitten?“. Er so: „Na klar“. Wir grinsten synchron in die Kamera – ich dankte artig und wünschte alles Gute.

Kaum zwei Wochen später trendete sein Name auf X – was normalerweise nichts Gutes verheißt. Ralf Richter war verstorben; der Schauspieler wurde gerade einmal 69 Jahre alt.

Richter ist Kult. Seine Rollen im 80er-Jahre-Blockbuster Das Boot und vor allem als Kalle Grabowski im Ruhrpott-Klamauk Bang Boom Bang – legendär. Der Streifen besteht eigentlich durchgängig aus One-Linern – einer passt immer, in jeder Lebenslage. Der Pferd heißt Horst. 

Weniger bekannt: Er war leidenschaftlicher Gamer, oft zu Gast auf dem Gamescom-Gelände und hielt – wie ich im Nachgang erfuhr – auch unterjährig engen Draht zu Publishern.

Beruflich lief es zuletzt schleppend. Wer seinen Wikipedia-Eintrag durchliest, stellt fest: Die Abstände zwischen den Engagements wurden immer größer – hier mal ein Gast-Auftritt, dort mal Einspieler in Die-größten-Ballermann-Hits-Ranking-Shows. Als Laie ahnt man: Das wird nicht reichen, um als Freiberufler über die Runden zu kommen. Und so war es dann leider auch.

Die bittere Erkenntnis: Kult zahlt keine Miete, keine Altersvorsorge, keine Krankenversicherung – und Selfies erst recht nicht. Laut jüngster Prognos-Studie verdienen 90 % aller Künstlerinnen und Künstler weniger als 20.000 € pro Jahr. 

Nur die allerwenigsten Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, Comedians, Moderatoren, Fotografen, Synchronsprecher, Magier schaffen es, sich dauerhaft in Charts, Bestseller-Listen und TV-Formaten zu etablieren. Wehe, die Daily Soap wird nach zwei Jahrzehnten eingestellt oder das Vorabend-Quiz floppt oder die Mehrzweckhallen bleiben leer — dann steigt das Risiko, irgendwann doch in der Grundsicherung, in der Privatinsolvenz oder im Dschungelcamp zu landen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Vor einer vergleichbaren Herausforderung stehen auch viele jener Freiberuflichen, die einem vergleichsweise jungen Beruf nachgehen, für den bislang keine IHK-Ausbildung existiert: Influencer respektive Content Creator. Ein knüppelhartes Business mit geringen Einstiegshürden und massig Konkurrenz – jünger, frischer, hungriger.

Es ist erst wenige Gamescoms her, dass mir aufgetragen wurde, doch unbedingt Autogramme von dereinst ziemlich angesagten Namen mitzubringen. Als ich letztens mal wieder stichprobenartig die dazugehörigen Kanäle durchging, fand sich dort nur noch ganz vereinzelt Content. Wer nicht liefert, wird durchgereicht. Algorithmen und Communities zeigen wenig Nachsicht mit Streamern, die nicht streamen.

Umso bemerkenswerter ist das, was erstaunlich vielen Urgesteinen gelungen ist – nämlich das Upgrade vom reinen YouTube-Alleinunterhalter zum CEO, Investor und Arbeitgeber. Was meist ums Jahr 2010 herum mit hemdsärmeligen, fast schon unbeholfenen ‚Ja, hallo erst mal …‘– Letsplays begann, hat sich zuweilen zu gut geölten Content-Imperien entwickelt.

In vielen Fällen darf man annehmen, dass die Herrschaften schon seit Längerem aus dem Gröbsten raus sind. Dafür sprechen zumindest die Einblicke in Krypto-Depots, Immobilien und Kfz-Hangars – oder um mit Kalle Grabowski zu sprechen: Was hätte ich also für dieses Fahrzeug zu investieren?

Und dann gibt es da noch die Gruppe jener Influencer, die eher von der unternehmerischen Seite kommen und große Freude daran haben, Firmen aufzubauen. Auch mit dem Hintergedanken, die Abhängigkeiten von der eigenen Person zu senken – schließlich kann und will man sich ja nicht um alles selbst kümmern. Das Stichwort lautet Diversifizierung und Risiko-Streuung— etwa durch hauseigenes Artist Management, das neue Formate und Content Creator entwickelt.

Nehmen wir Erik Range alias Gronkh: Der YouTube-Godfather – mittlerweile fast 50 Lenze jung – hat in dieser Woche mal aufgefächert, was seine Range Group so alles macht. Und das ist ziemlich beeindruckend. Ob Merchandise, Marketing oder Events: Für jeden Bedarf gibt es die passenden Nerds in der 45köpfigen Belegschaft. 

Analoges gilt für FIFA-/EA Sports FC-Influencer Elias Nerlich, die Rocket Beans, die PietSmiets oder HandOfBlood alias Maximilian Knabe, der einen eigenen Indie-Publisher betreibt, ein Metal-Platten-Label aufbaut, dem E-Sport-Klub Eintracht Spandau als ‚Präsident‘ vorsitzt und mit Knabe-Kola-Aufstellern in Supermärkten omnipräsent ist. Unter anderem. Das geht nur mit großen Teams, spezialisierten Units, straffem Controlling und fähigen Geschäftsführern.

Eine One-Shot-Eistee-Listung bei Edeka Nord oder eine Klamotten-Kollektion kriegt vielleicht auch ein mittelmäßig begabter Creator irgendwie hin. Die Spreu vom Weizen trennt sich, wenn es um Nachhaltigkeit und Beständigkeit geht. Elfmeter-Schützen gibt es viele – so einen wie Kane selten.

Und was ist, wenn man nicht über die unternehmerischen Gene eines Nerlich, Stemmler, Eris, Knabe oder Range verfügt, sondern einfach nur content-produzierend sein Geld mit Subs und Placements auf Twitch, Insta und TikTok verdienen will?

Dann greift die Möglichkeit beziehungsweise Pflicht, sich analog zu Schauspielern oder Musikern in der Künstlersozialkasse versichern zu lassen – und so zumindest bescheidene Ansprüche für die Lebensphase ab Kult aufwärts aufzubauen.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Immer freitags, immer kostenlos: Jetzt GamesWirtschaft-Newsletter abonnieren!
GamesWirtschaft auf Social Media: LinkedIn ● Facebook ● X ● Threads ● Bluesky

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein