Start Meinung Künstliche Intelligenz: Das Ende des Selbstwertgefühls (Fröhlich am Freitag)

Künstliche Intelligenz: Das Ende des Selbstwertgefühls (Fröhlich am Freitag)

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KI-Tools verleiten dazu, immer mehr Aufgaben an OpenAI, Claude & Co. zu delegieren.
KI-Tools verleiten dazu, immer mehr Aufgaben an OpenAI, Claude & Co. zu delegieren.

Kann es sein, dass es den allerallerallermeisten Verbrauchern (inzwischen) ein kleines bisschen egal ist, ob Games komplett frei sind von KI-Geschmacksverstärkern? Scheint fast so.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

es ist noch nicht allzu lange her, da lautete eine weit verbreitete These, dass uns Künstliche Intelligenz von lästigen Routine-Aufgaben befreit. Auf die beruflichen Perspektiven und erst recht auf kreative Prozesse habe all das keinen negativen Impact – solange man nur ‚am Ball bleibt‘.

Man wollte das gerne glauben.

Stellt sich raus: In kaum für möglich gehaltenem Tempo entfernt KI zunehmend mehr Menschen von einem geregelten Einkommen – Freiberufler, Zulieferer, Fest- und Teilzeit-Beschäftigte.

Darauf deuten die teils dramatischen Schilderungen hin, die sich auf LinkedIn und anderen Kanälen mehren. Wer von einem rotierenden Auftrags-Karussell absteigt oder absteigen muss, hat enorme Schwierigkeiten, wieder drauf zu kommen. Das gilt für Berufseinsteiger genauso wie für seniorige Positionen.

Man musste nicht Wahrsagerei auf Lehramt studieren, um diese Entwicklung zu antizipieren. Atemberaubend ist die Geschwindigkeit, mit der sich ganze Gewerke und Lehrberufe verändern.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Nehmen wir Seite 4 des Aldi-Süd-Prospekts der kommenden Woche: Dort werden die Angebote aus der Fleisch-Abteilung aufgefächert – Schnitzel, Burger, Koteletts, Bratwürste, gemischtes Hack. Alleine auf dieser einen Seite findet sich 8 Mal der Hinweis „KI-generiert“. Im gesamten Prospekt sind es 43 (!).

Sagt ChatGPT, der das PDF freundlicherweise für mich durchgezählt hat.

Auch wenn Sie lineares Fernsehen überwunden haben: Gönnen Sie sich gerne mal zehn Minuten und schauen Sie sich eine beliebige Werbepause an. In 9 von 10 Fällen kickt die KI rein: Manchmal nur für einzelne Animationen oder Effekte. Doch immer öfter sind die Spots von Anfang bis Ende durchgeneriert, inklusive Off-Sprecher und Jingle. Nichts und niemand bleibt verschont – Hustenlöser, Waschmittel, Zahn-Zusatzversicherungen, Hybrid-SUVs.

Die Zeiten, in denen eine fröhlich frühstückende Familie fürs rituelle Nuss-Nougat-Creme-Schmieren in heimeliger Neubau-Atmosphäre gecastet und inszeniert wurde, sind offenkundig vorbei. Es wird erstens digitaler, zweitens schneller und drittens: deutlich günstiger produziert.

Und „günstiger“ heißt in kreativen Gewerken praktisch immer: mit weniger Personaleinsatz. Und damit leeren sich zusehends die Auftragsbücher von Agenturen, Set-Designern, Beleuchtern, Ton-Technikern, Produktionsleitern, Regisseuren, Kameraleuten, Assistenten, Kostümbildnern, Stylisten, Mediengestaltern und Location-Scouts.

Natürlich braucht es auch weiterhin jemanden, der erst eine Idee und schließlich das Skript entwickelt und die grundsätzliche Richtung vorgibt. Was es immer seltener braucht: ein umherwuselndes Rudel an gelernten Vollzeit-Vollprofis, oft noch nicht mal Werksstudenten und Praktikanten.

Mit der Auftragslage schwindet das Selbstwertgefühl. Also das Gefühl, dass das, was man kann, was man gelernt hat, was man nachts um 3 Uhr abrufen könnte, wo jeder Handgriff und jeder Pinselstrich und jeder Klick und jede Code-Zeile sitzt, all das ist … nun …weniger gefragt und damit weniger ‚wert‘.

Wie Markus Lanz mit bedeutungsschwangerer Mimik formulieren würde: Das macht was mit einem.

Die Lage ist einigermaßen dramatisch, wie ich entlang augenöffnender Gespräche in dieser Woche lernen durfte. Die Industrie kommt kaum hinterher, ihre Workflows nachzuziehen. Das Dilemma: Entsagt man der KI-Nutzung, mag das sympathisch sein und aufs Karma-Konto einzahlen – aber man läuft eben auch Gefahr, zu langsam oder zu teuer zu produzieren und sich sehr zügig aus dem Wettbewerb zu verabschieden.

Dabei sind KI-Vorbehalte und -Ablehnung mindestens in der Gaming-Kernzielgruppe weiterhin weit verbreitet. Doch Ansprüche und Widerstände schrumpfen erkennbar.

Im gestern veröffentlichten Aktionärs-Brief (PDF) hat das Roblox-Management verkündet, dass 80 der 100 meistgespielten Roblox-Spiele mit Hilfe von KI entstanden sind – einige der größten Hits jüngeren Datums sind fast 100 % KI-generiert. Allein die Menge der Assets, die täglich in die Cloud geladen werden, habe sich von einem Monat auf den anderen verdreifacht. Und mit Build wird ein Tool getestet, das ganze ‚Spiele‘ auf Basis von Textanweisungen generiert – und für die ganze Welt freischaltet. 70.000 Spiele wurden auf diese Weise ‚entwickelt‘.

Viel Content heißt auch: viel Schrott. Das jüngste Steam Next Fest hat offenbart, dass AI-Slop nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist – jede halbwegs gute Idee munter geklaut, geclont, geremixt. Vorwiegend ‚Art‘ (also Grafiken, Figuren, Spielwelten, Icons), gefolgt von Audio und Text, aber eben auch Code.

Selbstachtung, Ehrenkodexe und Rechtsprechung verpflichten dazu, den Einsatz von KI kenntlich und transparent zu machen – noch.

Mittlerweile wäre es sehr viel effizienter, wenn man einfach kennzeichnet, dass ausnahmsweise keine KI im Spiel war.

So wie in dieser Kolumne *.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

* mit Ausnahme der Aldi-Prospekt-Analyse


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1 Kommentar

  1. Das eigentlich traurige ist nicht, dass es KI gibt, sondern dass die echte kreative Leistung nicht gewertschätzt und dementsprechend gefördert/ermglicht wird. Es muss halt immer schneller und slopiger gehen… da ist die Filmbranche bereits ohne KI ein Blick in die Zukunft alá 0815 Filme von der Stange. Hoffentlich kriegen wir noch die Kurve hin und gestehen uns als Menschen die Zeit zum Leben und Entfalten zu, die wir auch brauchen, bevor ohne Ziel verheizt werden. Mehrarbeit und weniger Bezahlung Mentalität lösst grüßen. Das wird auf erchreckend kurze sicht nicht die Zukunft der menschlichen Gesellschaft sein.

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