
Mit dem Kids Act will die EU-Kommission künftig Kinder vor Risiken und Nebenwirkungen von TikTok, Instagram & Co. schützen.
Epic-Boss Tim Sweeney bemüht großes Pathos: „Das wäre schrecklich für die nächste Generation der Menschheit“, schreibt er auf X – schließlich seien die Apps und Games die Pinsel und Baumhäuser von gestern. Dank Fortnite Creative Mode und Roblox Studio könnte jeder zum Künstler werden – und genau das wollten Politiker nun wegnehmen.
Sweeneys Konzern wäre unmittelbar betroffen vom sogenannten Kids Act, den Kommissions-Präsidentin Urlula von der Leyen und Digital-Kommissarin Henna Virkkunen in Brüssel vorgestellt haben (Details und FAQ). Der Alarmismus hat Gründe: Gerade unter Kindern und Jugendlichen sind Epic-Dauerbrenner wie Fortnite oder Rocket League extrem populär – die Online-Games spielen Milliarden ein.
Die EU-Kommission hat sich nun vorgenommen, junge Menschen vor Risiken und Nebenwirkungen im Netz besser zu schützen.
Im Kern geht es um ein verpflichtendes Mindestalter für Social-Media-Plattformen. Erst ab 15 Jahren soll ein eigener Account für Instagram, Facebook, TikTok & Co. möglich sein; für 13- bis 15jährige ist begleitetes Surfen durch die Erziehungsberechtigten vorgesehen – mit eingeschränkten Funktionen und täglichem Zeitlimit. Bis zum Alter von 12 Jahren sollen Kinder gar gar keinen Zugang zu sozialen Netzwerken erhalten; die Nutzung explizit kinder-freundlicher Angebote soll möglich bleiben.
Die Plattform-Betreiber – allen voran ByteDance und Meta – müssten strenge Alterskontrollen sicher stellen. Daneben sollen suchtfördernde Mechaniken unterbunden werden, etwa ‚unendliches Scrollen‘, Belohnungen, automatische Video-Starts oder Push-Nachrichten zu nachtschlafener Zeit. ‚Safety by design‘ heißt außerdem, dass keine Kontaktaufnahme durch Fremde erfolgen darf; Kontakte sollen sich besonders leicht blockieren oder stummschalten lassen.
Kids Act der EU-Kommission trifft auch Games-Branche
Ein Paradigmen-Wechsel ist die Umkehr der Beweislast: Nicht mehr die Aufsichtsbehörden müssen Verfehlungen, sondern die Betreiber der Plattformen stehen in der Nachweis-Pflicht, dass sie sichere Dienste betreiben, die keine übermäßigen Gefahren für Minderjährige bergen. Bei Eröffnung neuer Accounts ist eine Altersabfrage zwingend. Nur dann soll die Betriebserlaubnis gelten.
Neben Social-Media-Plattformen sind auch PC-, Konsolen- und Mobile-Spiele sowie große Plattformen von den Maßnahmen betroffen: An mehr als 100 Stellen kommt das Stichwort ‚game‘ im Entwurf vor. In einer ersten Einschätzung schreibt Medienanwalt Andreas Lober (Partner bei der Kanzlei Advant Beiten), die Regelungen würden für alle Online-Games gelten, die in der EU angeboten werden – von Multiplayer-Modi bis hin zu Online-Welten wie Roblox. Lober spricht von „signifikaten Einschränkungen“. Der Kids Act sieht unter anderem vor, dass der Echtgeld-Gegenwert von Spielwährungen klar kommuniziert wird.
Kids Act der EU-Kommission: So geht es weiter
Der Gesetz stößt erwartungsgemäß auf ganz unterschiedliche Reaktionen: Während Jugend- und Verbraucherschützer den Vorstoß begrüßen, warnt die Industrie vor überbordender Regulierung. Digital-Experten sehen ein mögliches Einfallstor für die Ausweitung der Überwachung im Netz, etwa durch Alterskontrollen durch zugelassene Apps und Dienste.
Im nächsten Schritt folgt das Gesetzgebungsverfahren im Europäischen Parlament und im Europa-Rat, also im Gremium der 27 Mitgliedsländer. Die Verhandlungen können binnen weniger Monate abgeschlossen werden – oder sich über viele Jahre hinziehen. Mit Blick auf die Zeit, bis eine EU-weite Regelung in Kraft treten kann, fordert etwa die Union eine nationale Übergangslösung. Familienministerin Karin Prien (CDU) will dazu im Oktober einen eigenen Vorschlag vorlegen.
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